Gottfried Keller - Martin Salander

Gottfried Keller - Martin Salander

Gottfried Keller - Martin Salander

Von Christoph Vratz

Gottfried Kellers "Martin Salander" steht bis heute im Schatten des berühmteren Romans um den "Grünen Heinrich". Wie modern dieses Spätwerk jedoch ist, zeigt die Lesung mit Ulrich Noethen, die im Rahmen einer Keller-Gesamtausgabe erschienen ist.

Gottfried Keller
Martin Salander

Ulrich Noethen, Sprecher
Sinus Literatur
2 mp3 CDs
978-3-905721-63-8

»Guten Abend!«

Ankunft am Bahnhof in der (fiktiven) Stadt Münsterburg in der Schweiz. Ein "noch nicht bejahrter Mann", wie es im Text heißt, ist gerade eingetroffen und begibt sich, nach einem kleinen Umweg, zu seiner Familie nach Hause.

"Da klang die Hausglocke. Es war Martin Salander […] Noch ehe die Frau Licht angezündet hatte, stand er in der offenen Stubentüre und sagte in das Halbdunkel hinein, in welchem er nur undeutliche Gestalten erkannte, mit bewegter, nicht lauter Stimme: »Guten Abend!« Seinen Ton erkennend, erhob die Frau die Arme und ging ihm, vom Schreck gelähmt, langsam entgegen und fiel ihm um den Hals, nicht lange danach vor Freude weinend."

Gottfried Keller "Martin Salander" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 13.02.2020 06:02 Min. Verfügbar bis 12.02.2021 WDR 3

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Die Neue Welt jenseits des Meeres

Sieben Jahre lang war Martin Salander im Ausland, genauer: in Brasilien. Dort hat er ein Vermögen erworben. Der Roman spielt zur Zeit der großen Auswanderer-Welle im 19. Jahrhundert. Perspektivlosigkeit treibt die Menschen von Europa weg, nach Amerika in die Ferne. Doch kaum ist Martin Salander zurück, bekennt er sich zu seiner Heimat in der Schweiz.

"Die Neue Welt jenseits des Meeres […] ist wohl schön und lustig für Menschen ausgelebter und ausgehoffter Länder. Alles wird von vorn angefangen, die Leute sind gleichgültig, nur das Abenteuer des Werdens hält sie zusammen; denn sie haben keine gemeinsame Vergangenheit und keine Gräber der Vorfahren. Solange ich aber das Ganze unserer Volksentwicklung auf dem alten Boden haben kann, wo meine Sprache seit fünfzehnhundert Jahren erschallt, will ich dazugehören, wenn ich es irgend machen kann! Ich ginge doch ungern wieder fort!"

Abseits vom "poetischen Realismus"

1886 ist Gottfried Kellers Roman "Martin Salander" erstmals im Druck erschienen. Es ist ein Werk über Verlust und Familie, Wahrung des Alten und notwendigen Fortschritt. Keller distanziert sich hier vom "poetischen Realismus", den er selbst mitgeprägt hat –dichterisch ausschmückend einerseits, unmittelbar und wirklichkeitsnah andererseits. In "Martin Salander" jedoch wirkt vieles beinahe schon naturalistisch. Der Erzähler schildert die demokratische Bewegung, wie sie Einfluss nimmt auf die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen. Mitten drin die Hauptfigur: Martin Salander.

"Um sich besser zu unterrichten, besuchte er die politischen Versammlungen, fing an mitzureden und Vorschläge zu machen, und da seine Unabhängigkeit bekannt war und man daher wusste, dass er für sich nichts wollte, wurde er in allerhand Ausschüsse gewählt, deren Arbeiten er sich mit ehrlichem Eifer unterzog, obgleich ein Umherreisen im Lande damit verbunden und er eigentlich kein Vagant war."

Es ist ja nur Geld!

Salander hat aus Gutmütigkeit zweimal sein gesamtes Vermögen an einen Wendehals verloren und sich zweimal neu aufgerappelt. Seiner Frau gegenüber bewahrt er auch in Zeiten drohender Not stets eine gewisse Gelassenheit.

"Liebe Marie! sagte er mit weichem Ernste, »sei nicht so untröstlich! Es ist ja nur Geld! Soll dies das Einzige und Höchste sein, was wir haben und verlieren können? Besitzen wir nicht uns selbst und unsere Kinder? Und soll dieser Trost auf einmal ein leerer Gemeinplatz sein, sobald es uns und nicht andere Leute angeht? Komm, kauere nicht wie ein Kind auf dem Boden, so tiefe Trauer ist das ganze Geld […] nicht wert!"

Erstmals ist Kellers Altersroman nun als Hörbuch erhältlich.

Ulrich Noethen hat ihn im Rahmen der geplanten Gottfried-Keller-Gesamtausgabe für den Schweizer Sinus-Verlag aufgenommen. Er liest mit viel Ruhe, lässt sich nie treiben. Für Salanders Widersacher Wohlwend findet er einen oft beißenden, auch ironischen Ton; die Dialoge zwischen Salander und seiner Frau verraten viel von der tiefen Aufrichtigkeit beider Figuren. Ein wenig feierlich wirkt es, wenn der Pfarrer den Charakter Salanders beschreibt.

Ulrich Noethen

Ulrich Noethen

"Die Ideale seiner Jugend sind es, welchen er nachgeht, fort und fort […] Und was sind das denn für Ideale, wo liegen sie? Sie liegen bei dir, o Volk, dein Wohl, deine Bildung, deine Rechte, deine Freiheit sind es, denen er einzig Zeit und Arbeit widmet, die er dem Geschäftsdrange abringen kann. Und was verlangt er dafür? Anerkennung? Ehrenämter? Titel und Würden? Nicht dass ich wüsste, meine Freunde!"

Hört man Noethens umsichtige und klug differenzierende Lesung, so wird deutlich, wie modern Kellers Roman in vielen Punkten ist; er schildert eine Gesellschaft im Umbruch und ihre Werte, die neu hinterfragt und definiert werden.

Herausragend ist diese Hörbuch-Edition auch wegen der beiden Textbücher mit einem Gesamtumfang von knapp 600 Seiten. Sie enthalten nicht nur den kompletten Roman (nach der maßgeblichen Keller-Edition), sondern auch begleitendes Material und einen ausführlichen Kommentar von Herausgeber Albert Bolliger, der die treibende Kraft hinter diesem gesamten Projekt ist. Hier liefert er eine Fülle an Erkenntnissen, Hintergründen und Dokumenten.

Stand: 12.02.2020, 15:14