Gottfried Keller - Der grüne Heinrich

Gottfried Keller - Der grüne Heinrich

Gottfried Keller - Der grüne Heinrich

Von Christoph Vratz

Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich" gilt als einer der herausragenden Romane des 19. Jahrhunderts. Jetzt ist das opulente Werk neu als Komplett-Lesung u.a. mit Frank Arnold erschienen - im Jahr von Kellers 200. Geburtstag.

Gottfried Keller
Der grüne Heinrich

Frank Arnold (Sprecher)
außerdem mit Martin Seifert, Stefan Kaminski,
Michael Rotschopf, Joachim Schönfeld
Sinus Literatur
4 mp3 CDs
798981103109

"Der grüne Heinrich" wurde so etwas wie Gottfried Kellers Lebenswerk. Denn der Schweizer, dessen Geburtstag sich am 19. Juli zum 200. Mal jährt, hat seinen großen Roman im Grunde genommen zweimal geschrieben – 1854/55 zum ersten Mal, und rund ein Vierteljahrhundert noch einmal. Dann unterzog er das Werk einer grundlegenden Überarbeitung. Die Geschichte vom "grünen Heinrich", der sich als Maler ausbilden lässt und am Ende eine bürgerliche Existenz wählt, zählt zu den herausragenden Romanen des 19. Jahrhunderts. Jetzt ist das Werk zum Auftakt einer neuen Gottfried Keller-Hörbuch-Edition als Komplett-Lesung erschienen.

Lob des Herkommens

"Mein Vater starb so früh, dass ich ihn nicht mehr von seinem Vater konnte erzählen hören; ich weiß daher so gut wie nichts von diesem Manne."

"Lob des Herkommens" – Mit diesem Rückblick auf die Vergangenheit seiner eigenen Familie beginnt der junge Heinrich Lee seine Lebensgeschichte. Warum er der "grüne Heinrich" genannt wird, klärt sich erst neun Kapitel später auf:

"Die Kleidung, welche ich damals erhielt, war grün, da meine Mutter aus den Uniformstücken des Vaters eine Tracht für mich schneiden ließ, für den Sonntag einen Anzug und für die Werktage einen. Auch fast alle nachgelassenen bürgerlichen Gewänder waren von grüner Farbe; bis zu meinem zwölften Jahre aber reichte der Nachlass zur Herstellung von grünen lacken und Röcklein aus bei der großen Strenge und Aufmerksamkeit der Mutter für Schonung und Reinhaltung der Kleider, so dass ich von der unveränderlichen Farbe schon früh den Namen »grüner Heinrich« erhielt und in unserer Stadt trug."

Direkter und unmittelbarer

In diesem "Ich" liegt der entscheidende Unterschied zwischen der ersten Fassung von 1854/55 und der rund 25 Jahre später erschienenen zweiten Fassung. Gottfried Keller hat nämlich die Erzählperspektive gewechselt: vom allwissenden Erzähler hin zur Ich-Perspektive. Das macht das Geschehen nun direkter und unmittelbarer. So auch, als eine reisende Theatergruppe den „Faust“ aufführt, und der junge Heinrich auf einmal mitten drin steckt:

"Indessen fühlte ich mich plötzlich beim Schwanze gefasst und rücklings in die Hexenküche gezogen, wo bereits sämtliche Katzen umhersprangen und ein Schein und Gefunkel unzähliger Gesichter und Augen aus dem Parterre hereinschimmerte. Ich hatte bisher über meinen Betrachtungen die zutage getretene Dekoration der Hexenküche übersehen und daher vieles nachzuholen; denn die phantastischen Dinge um mich her, die Zerrbilder und Gespenster reizten mich sowohl wie das Treiben Mephistos, der Hexe und der andern Meerkatzen."

"Treu und ideal"

– so wollte Gottfried Keller die Welt darstellen. Treu: die Wirklichkeit, so wie sie ist; ideal in der poetischen Umsetzung. Das zeigt sich besonders, weil Heinrich sich immer mehr zum Künstler-Dasein hingezogen fühlt. Dann fällt ihm auch noch eine Ausgabe mit Goethes Werken in die Hände:

"An die fünfzig Bändchen, alle gleich gebunden, mit roten Schildchen und goldenen Titeln auf dem Rücken versehen und durch eine starke vielfache Schnur zusammengehalten. Es waren Goethes sämtliche Werke, welche ein Trödler, der mich mit alten Büchern und vergilbten Kupferblättern in ein vorzeitiges gelindes Schuldentum zu verlocken pflegte, hergebracht hatte, um sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten."

Heinrich beginnt sich in diesen Büchern zu verlieren. Ein Zauber befällt ihn:

"Es kam mir nun alles und immer neu, schön und merkwürdig vor, und ich begann nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt, das Wesen und die Geschichte der Dinge zu sehen und zu lieben."

Vier Beihefte mit jeweils rund 250 Seiten – und vier mp3 CDs

Neben der vollständigen Lesung von Kellers Roman mit Baldur Seifert ist im Jahr 2004 eine Teil-Lesung mit dem Schauspieler Rolf Boysen erschienen – jedoch nur mit dem ersten Teil des "Grünen Heinrich". Nun hat der Schweizer Sinus Verlag die erste Folge einer Keller-Gesamt-Edition veröffentlicht. Albert Bolliger ist der Spiritus rector dieses kleinen Verlages, der erst vor kurzem mit dem Abschluss einer kompletten Conrad Ferdinand Meyer-Ausgabe für Furore gesorgt hat. Nun also Keller. Die Aufmachung ist identisch wie bei allen bisherigen Produktionen des Verlages:

Frank Arnold

Frank Arnold

Die üppige Box enthält nicht nur einen detaillierten Einführungs-Essay, sondern auch den kompletten Text zum Mitlesen, liebevoll aufbereitet mit ausgewählten Illustrationen. Das Paket des "Grünen Heinrich" umfasst vier Beihefte mit jeweils rund 250 Seiten – und vier mp3 CDs. In der Rolle des Ich-Erzählers ist Frank Arnold zu hören. Er meistert diesen Text glänzend, die kunstvoll geformten Sätzen Kellers erhalten eine klare Struktur. Zugleich entwickelt Arnold eine ruhige, unaufdringliche Grundmelodie, die einen fast musikalischen Duktus annimmt – mit kleinsten Nuancierungen, mal ironisch, mal melancholisch:

"Wie lang ist es her, seit ich das Vorstellende geschrieben habe. Ich bin kaum derselbe Mensch, meine Handschrift hat sich längst verändert, und doch ist mir zu Mut, als führe ich jetzt fort zu schreiben, wo ich gestern stehenblieb."

Der Schauspieler bei der litcologne in Köln

Stefan Kaminski

Kleinere Einschübe, Binnen-Erzählungen, Briefe und andere Passagen, die nicht vom Ich-Erzähler stammen, werden von anderen Schauspielern gesprochen, darunter Martin Seifert, Stefan Kaminski und Michael Rotschopf. Doch im Mittelpunkt dieser Hörbuch-Produktion steht Frank Arnold, der diesen Kellerschen Kosmos, die Lebensgeschichte des "Grünen Heinrich", mit staunenswerter Gelassenheit vorträgt und den Roman mit allen psychologischen Zwischentönen durchdringt, gutmütig und neugierig, mal heiter, mal schelmisch, mal traurig – und immer mit einem gewissen Staunen.

Gottfried Keller - Der grüne Heinrich (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 19.07.2019 05:48 Min. Verfügbar bis 18.07.2020 WDR 3

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Stand: 18.07.2019, 17:15