Manichi Yoshimura - Kein schönerer Ort

Manichi Yoshimura, Kein schönerer Ort

Manichi Yoshimura - Kein schönerer Ort

Von Barbara Geschwinde

Die elfjährige Kyoko lebt in einer Stadt am Meer. Hier kann sich niemand einen schöneren Ort zum Leben vorstellen. Doch sehr schnell wird sichtbar, dass die vermeintliche Schönheit eine lebensgefährliche Illusion ist.

Manichi Yoshimura
Kein schönerer Ort

Aus dem Japanischen von Jürgen Stalph
Cass Verlag, Löhne 2018
160 Seiten
17 Euro

Alles ist idyllisch

Niemand in der japanischen Stadt Umizuka kann sich einen schöneren Ort zum Leben vorstellen. Kyoko ist elf Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihrer Mutter in Umizuka, das direkt am Meer liegt. Sie haben ein kleines Haus. Alles ist idyllisch:

"Das Haus hatte einen kleinen Garten.
In dem Garten wuchsen viele mir völlig unbekannte Pflanzen. Eine davon trug viele Blüten. Ich saß auf den Dielen vor dem Tatamizimmer und betrachtete lange diese weiße Blume, die so üppig blühte, als säßen drei oder vier Blüten in jedem Kelch.
Es war ein ruhiger Sonntagnachmittag, der Himmel war blau."

Das vermeintliche Paradies

Doch die unbeschwerte Stimmung ist nicht von Dauer. Schon bald schleicht sich ein beklemmendes Gefühl ein. Nichts wird explizit ausgesprochen, aber eine erste Ahnung davon, dass die Idylle trügerisch ist und das vermeintliche Paradies der Kindheit nur ein Traum, breitet sich aus:

"Den Garten begrenzte ein Zaun, und direkt hinter dem Zaun stand das Nachbarhaus. Ohne den Zaun wären wir vom Nachbarhaus aus gänzlich einsehbar gewesen. Doch Mutter traute dem Zaun nicht. „Der Zaun“, schärfte sie mir immer ein, „hat irgendwo ein kleines Loch, wir werden ständig beobachtet. Also tu nichts, was sich nicht schickt.“ Ob Mutter sich tatsächlich von dem Loch im Zaun überzeugt hat, weiß ich nicht. Eher wohl nicht. Denn in den Garten zu gehen und mit der Nase am Zaun nach einem Loch darin zu suchen – so etwas Unschickliches hätte sie nie getan."

Wer beobachtet und warum?

Die Freiheit, sich zu bewegen und zu entfalten, fehlt Kyoko. Sie wird ständig überwacht, genau wie alle anderen in Umizuka. Unklar ist zunächst, wer sie beobachtet und warum.

Nach und nach fügen sich die Indizien zusammen zu einem klaren Bild: Kyoko ist eine Außenseiterin in ihrer Klasse. Sie hält sich selbst für dumm und wird auch von ihren Mitschülern und Lehrern so beurteilt. Die Ursache hierfür ist, dass Kyoko viele Dinge anders sieht als die Mehrheit und ihre Beobachtungen klar äußert. Sie benennt die Realität, die mehr als nur beunruhigend ist: Als eine Klassenkameradin nach einem Schwächeanfall ganz plötzlich stirbt, wird das bereits Geahnte sichtbar: in Umizuka sterben außergewöhnlich viele Menschen; in der Klasse von Kyoko sind es in einem Schuljahr sieben Kinder. Die nahegelegene Chemiefabrik spielt eine wichtige Rolle bei dem Untergang der Stadt Umizuka:

"Ich habe, um ehrlich zu sein, daran gezweifelt, dass man hier noch einmal ansässig werden könnte. An dem Tag vor acht Jahren, als wir nach der langen Evakuierung auf die völlig veränderte Stadt blickten, als wir dachten, dass ein Wiederaufbau unmöglich sei, dass man hier nicht würde leben können, lagen wir uns in der Familie in den Armen und weinten. Wir weinten die ganze Nacht. Es war die bitterste Nacht unseres Lebens."

Ein Zwischenfall

Die Parallelen zur Atomkatastrophe von Fukushima werden nicht explizit benannt, stellen sich aber beim Lesen automatisch ein. Auch wenn Umizuka eine fiktive Stadt ist und anstelle eines Atomkraftwerks nur die Schlote einer Chemiefabrik rauchen, hat sich dort ein Zwischenfall ereignet, der die ganze Region verseucht und auf Jahre unbewohnbar gemacht hat. Die Bewohner von Umizuka wurden gezwungen, zurückzukehren, ebenso wie die japanische Regierung heute die Bürger dazu drängt, sich wieder in Fukushima anzusiedeln. Werte wie „Heimat“ und das „einende Band“ zwischen Menschen, das nie durchschnitten werden darf, werden im Roman überhöht, genau wie in der Propaganda der japanischen Regierung von heute. Während traditionelle Werte beschworen werden, wird über die wirklichen Bedrohungen beharrlich geschwiegen.

Erzählt wird der Roman aus der Perspektive eines Kindes. Das ermöglicht dem Autor, sehr klar und direkt, die Gedanken von Kyoko zu übermitteln. So wie Kinder ungefiltert die Wahrheit heraus posaunen, ohne eine Schere im Kopf, was sich gehört und was nicht ausgesprochen werden darf. Die Sätze sind entsprechend knapp und schnörkellos. Später kommt Kyoko auch noch als Erwachsene zu Wort und erzählt in einem nach wie vor kindlichen Tonfall, in den sich aber dann auch immer stärker Wut und Empörung einschleichen. Sie lebt dann an einem ihr unbekannten Ort, in einem Gefängnis oder einer Art Isolierstation. Über die Gründe kann sie nur spekulieren; vermutlich sind ihre unbequemen Ansichten und die Unfähigkeit, alle Lügen unreflektiert nachzuplappern, ansteckend.

"Am Ende tut nicht nur Umizuka, sondern das ganze Land so, als wäre nichts gewesen. Vielleicht nimmt gar, wenn ich an die Ausmaße denke, die ganze Welt an dieser Komödie teil."

Düstere Dystopie und politisches Plädoyer

"Kein schönerer Ort" ist eine düstere Dystopie und ein politisches Plädoyer zugleich. Die Realität ist, dass pünktlich zu den olympischen Spielen in Tokyo 2020 den Japanern und dem Rest der Welt eine heile Welt vorgegaukelt wird. Denn auch Fukushima, das angeblich wieder sauber ist, wird zum Austragungsort einiger Disziplinen werden. Der Leser erkennt, dass der Roman eine weitere Dimension hat, die über Fukushima hinausgeht. Denn das Vorenthalten von Fakten ist, ebenso wie die Vermehrung verstrahlter Lebensräume und Nahrungsmittel, ein globales Phänomen.

Manichi Yoshimura: "Kein schönerer Ort"

WDR 3 Buchrezension 02.01.2019 05:43 Min. WDR 3

Download

Stand: 02.01.2019, 11:59