Frank Kawelovski & Sabine Mecking - Polizei im Wandel

Frank Kawelovski & Sabine Mecking - Polizei im Wandel

Frank Kawelovski & Sabine Mecking - Polizei im Wandel

Von Ingo Zander

Vom Prügelknaben zum Dienstleister für die Gesellschaft – eine Dokumentation über 70 Jahre Polizeiarbeit bietet eine anschauliche Kulturgeschichte in Nordrhein-Westfalen.

Frank Kawelovski und Sabine Mecking
Polizei im Wandel
70 Jahre Polizeiarbeit in Nordrhein-Westfalen

Greven Verlag, Köln 2019
135 Seiten
25 Euro

Puzzlestücke - Zwischen Wohlstand und Vergessen

Mit seinen kurzen historisch-kommentierenden Einordnungen bietet das Buch Puzzlestücke für eine Gesellschafts-und Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Fangen wir mit der ästhetischen Oberfläche an – den Farbwechsel der Polizeiuniformen. Nach 1945 trugen Polizisten unter der Design-Regie der britischen Besatzungsmacht blau. Dann kamen einige beige-grüne Jahrzehnte in deutscher Hoheit mit kasernierter Polizeiausbildung und heute das Blau für eine Polizei, die sich als Dienstleister für die Gesellschaft versteht. Die Fotos zeigen selbstbewusst im Freien stehende Polizisten in dreiviertellangen grauen Mänteln und Stiefeln vor einer schwarzen Nachkriegslimousine – Typ Opel Kapitän. Oder ein Kradfahrergrüppchen auf einer Bank im Grünen hockend wie Schüler auf Klassenfahrt – hier mit Sturzhelmen und hochgeklappten Fahrerbrillen in langen Gummimänteln, hinten in der unteren Hälfte geschlitzt, die dadurch geknüpft werden konnten. Die mit dem Motorrad fahrenden Verkehrspolizisten nannte man damals in Deutschland noch "Weiße Mäuse" – eine Bezeichnung, die sich von der getragenen weißen Uniform ableitete. Auf einem der Fotos stehen diese "Weißen Mäuse" in Fünferreihe, die auch als Stewards auf einem Ausflugsdampfer hätten durchgehen können. Ein anderes Foto zeigt Beamte in Essen bei einem Fußballspiel im Rahmen einer Polizeisportschau – eine Mannschaft hat sich für das Spiel als "Neger" mit freiem Oberkörper in Baströckchen kostümiert. Das Kapitel zu diesen Fotos heißt passend "Zwischen Wohlstand und Vergessen". Nur wenige Jahre vorher, nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, liefen die ersten Polizisten in den Regionen der britischen Besatzungszone, aus denen später das Land Nordrhein-Westfalen entstand, noch mit einem anderen Outfit durch die Straßen.

"Im Zuge der allgemeinen Entwaffnung waren zahlreiche Polizisten in den ersten Wochen nur mit Holzknüppeln ausgestattet [...]. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wies nicht selten lediglich eine weiße Armbinde [...] die Zugehörigkeit zur Polizei aus."

Frank Kawelovski und Sabine Mecking: "Polizei im Wandel"

WDR 3 Buchkritik 14.02.2020 05:01 Min. Verfügbar bis 13.02.2021 WDR 3

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Verkehrsregelungsposten. Essen um 1948

Polizisten waren Ende der 1940er Jahre am gefährlichsten – beim Bürger, der um das nackte Überleben kämpfte, hatten sie noch wenig Respekt zu erwarten. Kein Wunder in einer Zeit, in der die besiegten deutschen Männer auf Befehl der Besatzer auf dem Trottoir knien und die Ritzen mit Zahnbürsten reinigen mussten. Der Verkehr auf den Straßen musste reguliert werden. Und für die Nutzung der Tretroller von Kindern auf den Straßen gab es eine Verkehrserziehung durch Polizisten – die wäre heute ebenfalls angebracht für die erwachsenen Treter. Aber auch die Autofahrer wurden rangenommen, das wird mit einem Foto illustriert.

"Verkehrsregelungsposten. Essen um 1948. Zur guten Sichtbarkeit war der Beamte mit weißer Schirmmütze , Ärmelstulpen und Gürtel ausgestattet."

Eine männerbündische `Gemeinschaftskultur`

Rangenommen wurden auch die jungen Männer, die Polizisten werden wollten: in der Ausbildungsphase in den Polizeikasernen mit Mehrbettstuben mit strengen Dienst- und Stubenordnungen. Ein Foto zeigt zwei Vorgesetzte, die in Uniform ihren Kontrollgang in der Landespolizeischule "Carl Severing" in Münster 1958 absolvieren, während sich die Polizeianwärter schon zum Schlafen gelegt hatten. Mit der Kasernierung der Polizeianwärter wurde psychologisch gesehen kritisches Denken eher als Störfaktor und snobistisches illoyales Verhalten assoziiert.

"Die damit einhergehende männerbündische `Gemeinschaftskultur` in der Polizei und ihr Selbstverständnis als Gefahrengemeinschaft, die den Staat zu schützen hatte, postulierten die überkommenen polizeilichen Tugenden und Leitbilder wie Ordnung, Sauberkeit und Kameradschaft."

Zucht, Ordnung und kulturelle Erschütterungen

Zur äußeren Uniform trat die Uniformierung von Bewegungsabläufen und Verhaltensweisen. In den 1970er Jahren waren Zucht und Ordnung in der Polizei nur noch durch den “Haarerlass“ von 1972 aufrechtzuerhalten, mit dem die Bart- und Haartracht der Polizeibeamten geregelt wurde.
Die größte kulturelle Erschütterung erlebte die Polizei dann 1982, als erstmals Frauen in den Polizeidienst eintraten. Was das bedeutete, tippen die Autoren leider nur kurz an. Aber es ist zu vermuten, dass die Präsenz von Frauen in der Polizei nicht nur deeskalierend beim Einsatz mit aggressiven Bürgern wirkt, sondern auch innerhalb der Polizei heilsam ist.
Die Autoren haben die Geschichte der Ausbildung, Ausrüstung und den Wandel des beruflichen Selbstverständnis der Polizei gut vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels in der Bundesrepublik beschrieben. Allerdings ohne die Konflikte im Polizeiapparat näher zu beleuchten.

Stand: 12.02.2020, 18:07