Katrin Rönicke - Beate Uhse. Ein Leben gegen Tabus

Katrin Rönicke - Beate Uhse. Ein Leben gegen Tabus

Katrin Rönicke - Beate Uhse. Ein Leben gegen Tabus

Von Sven Ahnert

Beate Uhse war die Frau, die den Sex nach Deutschland brachte. In ihrer Biographie zeichnet Katrin Rönicke ein ambivalentes Bild von der Aufklärerin und Geschäftsfrau.

Katrin Rönicke
Beate Uhse
Ein Leben gegen Tabus

Residenz Verlag, Salzburg 2019
224 Seiten
22 Euro

Von der Pilotin zur Unternehmerin

Beate Uhse war der bunte Vogel in der grauen Wirtschaftswunderwelt der jungen Bundesrepublik Deutschland. Mit aus heutiger Sicht harmlosen Aufklärungsbroschüren machte die ehemalige Wehrmachts-Pilotin dem Sex Beine. In nur kurzer Zeit avancierte der Name Beate Uhse zum Synonym für Sex schlechthin. Ihr Erotikkonzern belieferte Millionen meist männliche Kunden mit erotischem Spielzeug, am Ende war sie Herrin über einen weitverzweigten Porno-Konzern mit 300 Millionen Mark Umsatz. Katrin Rönicke hat in Archiven geforscht, Familienmitglieder befragt und schreibt ihre Biografie der Beate Uhse mit durchaus gemischten Gefühlen.

"Was wir über Beate Uhse immer wieder erzählen - ist eine Geschichte: Nämlich die Pilotin, die nach dem Krieg ihr Kind durchgebracht hat, die ein großes Unternehmen aufgebaut und gestartet hat mit dieser Schrift X, mit Aufklärung für Frauen, wie sie es schaffen, zu verhüten und dann angekämpft hat gegen die moralischen Richter, gegen die Kirche, die sich nicht hat unterkriegen lassen. Das ist tatsächlich so, wie wir diese Geschichte erzählen. Das hat mir der Adoptivsohn von Beate Uhse erzählt: Intern wird das die Beate Uhse Story genannt."

Aus der Aufklärungsarbeit wurde eine Geschäftsidee

Als die geflüchtete Mutter, Kriegs-Witwe und Pilotin in Schleswig-Holstein aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, stand sie vor dem Nichts. So zog sie über die Dörfer, verkaufte Horoskope und gab Nachhilfeunterricht in Empfängnisverhütung. Aus der Aufklärungsarbeit wurde eine Geschäftsidee, die in die berühmte Schrift X mündete. Das wenige Seiten umfassende Din A 6-Heft gab erste Tipps für ein erfülltes Sexualleben.

Beate Uhse in Fliegermontur

Beate Uhse in Fliegermontur

"Würden wir triebgemäß zeugen, wäre es heute keinem Elternpaar möglich, ihren Kindern ein anständiges, menschenwürdiges Leben und eine entsprechende Erziehung zukommen zulassen. Es entsteht daher für uns die soziale Pflicht die Befriedigung des Sexualtriebes von der Zeugung scharf zu trennen."

Der erste Sex-Shop der Welt

Als Beate Uhse kurz vor Weihnachten 1962 im norddeutschen Flensburg den ersten Sex-Shop der Welt eröffnete, kam das einer Revolution gleich. Auch wenn das Laden-Geschäft äußerlich eher einer Leihbücherei glich, war das ein Skandalon. Pornografie war Verschlusssache und wurde mit Argusaugen von der Staatsanwaltschaft verfolgt. Rund siebenhundert Mal wurde Beate Uhse vor Gericht zitiert. Nach den ausgestandenen Kämpfen mit der Staatsanwaltschaft, geriet sie in den Blick der Frauenbewegung.

"Mit 25 fliegt sie Stukas an die Front. Für Hitlers Luftwaffe. Mit 69 verkauft sie Frauen. Für 90 Millionen im Jahr."

"Es gab natürlich sehr vehemente Kritik, gerade auch in den Achtzigerjahren, von Feministinnen vorgetragen. Das berühmteste Beispiel ist sicherlich "Emma", also Alice Schwarzers Frauenmagazin, die 1988 einen sehr wütenden Artikel über Beate Uhse geschrieben haben, wo sie im Grunde eine direkte Parallele gezogen haben zwischen: Die Bomberpilotin unter den Nazis und jetzt verkauft sie sozusagen Frauen billig in ihren Pornos. Sie geht über Leichen, so könnte man das auch schreiben, und über die Würde der Frauen sowieso."

Von der Aufklärung zum Porno

Ihr Privatleben und das Image der forschen, kantigen und mütterlichen Geschäftsfrau hat Beate Uhse medial gesteuert. Oft war sie zu Gast in Talkshows und gab sich unverblümt und schlagfertig. Irgendwann kam der Bruch und die grelle Porno-Aura ihres Konzerns überschatte den etwas bemühten Mythos der Sex-Aufklärerin.

"Sie hat sich nicht dazu entschieden, der Firma wieder ein weibliches Antlitz zu geben, sondern sie hat sich ganz klar ab den 80iger Jahren als Geschäftsfrau gegeben. Und wenn sie gefragt wurde: „Frau Uhse, Warum verkaufen Sie denn solche Porno-Videos, wie zum Beispiel dieses hier. Das ist doch geschmacklos und wie finden Sie persönlich das denn“? dann hat sie auch ganz klar gesagt: Ich muss das persönlich gar nicht gut finden. Aber ich muss das anbieten, was meine Kundschaft haben will. Es ging tatsächlich auch bei ihr irgendwann nicht mehr darum, die Aufklärerin zu sein oder emanzipatorische Projekte voranzutreiben."

Mutig, engagiert und mit handfesten wirtschaftlichen Interessen

Katrin Rönicke

Katrin Rönicke

In ihrer Biographie korrigiert Katrin Rönicke aus Sicht einer engagierten Feministin das Bild der Kämpferin für sexuelle Freiheit. Beate Uhses Kampf gegen die Sittenwächter war mutig, engagiert aber eben auch geprägt von handfesten wirtschaftlichen Interessen. Aus dem Beratungsgeschäft für Ehehygiene wurde schlicht ein Pornokonzern, der auf der Sex-Welle der 60er und 70er Jahre clever mitgeritten ist. Heute ist der Beate Uhse-Konzern ein x-beliebiger, in Unterfirmen aufgespaltener Player im weltweiten Erotik-Geschäft. Unbeschadet davon aber blieb das faszinierende Image der Selfmade-Geschäftsfrau, die zu Lebzeiten so bekannt war Jesus und die Beatles.

Stand: 22.10.2019, 17:34