Bas Kast - Das Buch eines Sommers. Werde, der du bist

Buchcover: Bas Kast -  Das Buch eines Sommers. Werde, der du bist

Bas Kast - Das Buch eines Sommers. Werde, der du bist

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Wie wird man, wer man ist? Bas Kast, erfolgreicher Sachbuchautor ("Ernährungskompass") versucht in seinem ersten Roman, eine Anleitung dafür zu geben.

Bas Kast: Das Buch eines Sommers. Werde, der du bist.
Diogenes, Zürich 2020.
340 Seiten, 22 Euro.

Bas Kast: "Das Buch eines Sommers"

WDR 3 Buchkritik 07.10.2020 05:17 Min. Verfügbar bis 07.10.2021 WDR 3


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Nicolas ist gefangen im Arbeitsalltag

Der Tag beginnt so normal wie fast alle Tage im Leben des Unternehmers Nicolas Weynbach: er betritt seine Firma, begrüßt die Sekretärin und kümmert sich um irgendwelche Probleme, die über Nacht aufgelaufen sind.

"Ich befand mich in einer ähnlich absurden Lage wie eine dieser Comicfiguren, die unversehens über den Abgrund gerät und bloß noch nicht herunterstürzt, weil sie noch nicht bemerkt hat, dass sich unter ihr kein fester Boden mehr befindet."

Und dann der Anruf: sein Onkel Valentin ist gestorben. Der Mann, der für ihn zu den wichtigsten Menschen in seinem Leben gehört. Gehört hat, muss er wohl sagen, denn der Kontakt ist seit Jahren eingeschlafen. Einfach so, durch die Arbeit, die Familie und das ewige Mantra: keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit. Nun der Schock. Das schlechte Gewissen. Die gefühlsturbulente Reise hinunter in den Süden, zum Haus des Onkels, der ihn zum Erben gemacht hat.

Erinnerungen an den Sommer bei seinem Onkel

Ähnlich emotional verstört ist er auch bei seiner ersten Fahrt dorthin gewesen: ein Neunzehnjähriger, kurz nach dem Abitur und geschüttelt von Liebeskummer. Doch die Lässigkeit des Onkels, seine Abenteuerlust und Weisheit, seine kluge Art, den Augenblick zu leben, waren wie ein Gesundbrunnen.

"Damals nahm ich mir vor, diesen Sommer mit meinem Onkel nie zu vergessen. Seine Worte nie zu vergessen. Ich nahm mir vor, so zu leben wie er oder zumindest so ähnlich wie möglich. (...) Ich nahm mir das alles ganz fest vor. Und vergaß es schließlich doch."

Begleitet von seiner Frau und dem kleinen Sohn taucht Nicolas in eine Vergangenheit ein, die bald schon zur Gegenwart wird. Er vergisst den Alltagsstress, lässt sich fallen – und entdeckt dabei, wie sehr die Familie unter seiner ständigen Abwesenheit und seiner Arbeitswut gelitten hat. Wie gefährdet die Beziehung zu seiner Frau ist, deren Arbeit als Wissenschaftsjournalistin ihn im Gegensatz zu den ersten Jahren ihres Zusammenlebens kaum mehr interessiert. Jetzt genießen sie gemeinsam den Zauber der alten, leicht verkommenen Villa, die sonnenüberströmte Schönheit der Umgebung.

"Es war dunkel geworden, Fledermäuse kreisten durch die warme Nachtluft. In der Küche brannte Licht, und ich fühlte mich auf seltsame Weise geborgen. Valentin konnte nicht tot sein. Nein, bestimmt würde er gleich aus der Tür treten, würde mit einer weiteren Flasche Wein und einer Käseplatte über den Kies auf uns zukommen."

Der Wille sich etwas Neuem zu stellen

Doch Tote kommen nicht zurück, außer in Zombiefilmen natürlich – und in Träumen. Auch Nicolas beginnt zu träumen, so real, dass er am nächsten Morgen das Haus nach einem verborgenen Zimmer durchsucht, in das es ihn in der Nacht verschlagen hat: ein Raum mit einem Klavier und einem Mann, der ihm seltsam vertraut vorkam. Nicht der Onkel, sondern die Figur, die dieser als Schriftsteller für seine Romane erfunden hat. Eine Art alter Ego, in Gestus und Lebenshaltung so ähnlich, dass er bald den gleichen Zauber auf den ungläubigen Neffen ausübt wie sein Schöpfer. Vor allem mit seinen Überlegungen zu Leben und Tod.

"Wenn wir unsere Endlichkeit fühlen, wenn wir sie so richtig spüren, dann befinden wir uns doch in einem Ausnahmezustand, der uns näher an die Realität bringt, oder etwa nicht? Einen Moment lang erkennen wir das Leben, wie es ist. Wir bekommen einen Sinn für das Wesentliche."

Tagträume, ausgelöst durch die erinnerte Präsenz und Kraft seines Onkels? Oder sind es die eigenen Phantasie, die eigenen unterdrückten Sehnsüchte und Wünsche an das Leben, die sich hier in nächtlichen Visionen Raum schaffen? Nicolas weiß es nicht. Er erlebt nur, dass er sich einer neuen Realität stellen kann. Er überlässt die Leitung seiner Firma dem Kompagnon und erfüllt sich seinen eigenen alten Wunsch, es als Schriftsteller zu versuchen. Ein Risiko, sicher.

"Aber ich war bereit, dieses Risiko einzugehen, das ja auch ein Abenteuer war. Und dass sich in diesem Abenteuer die eine oder andere Hürde auftun würde, war mir ebenfalls klar. Die Hürden würden mir ja dann die Gelegenheit bieten, zu zeigen, wie sehr mir das Abenteuer wirklich am Herzen lag."

Vorhersehbar, aber federleicht und erheiternd

Diese Entwicklung war natürlich vorhersehbar - schließlich verrät schon der Titel, um was es geht: "Das Buch eines Sommers. Werde, der du bist". Ein Mensch, durch ein unerwartetes Ereignis aufgerüttelt, ändert sein Leben – ein Lieblingstopos der Literatur, hundertfach variiert. Es wäre leicht, sich über Bas Kast und sein Buch, seinen schlichten Stil und seine schlichten Weisheiten lustig zu machen. Und das werden alle tun, die auch bei Namen wie Paolo Coelho, der uns den "Alchimisten" beschert hat, oder Francois Lelord und seinen das Glück suchenden Hector mit den Augen rollen.

Man kann es aber auch anders lesen: Als das Werk eines Autors, der selbst einmal der Gesundheit wegen sein Leben radikal geändert hat. Der diese Erfahrung nicht nur in ein Sachbuch, sondern in einen sich so einfach weglesenden kleinen Roman gepackt hat, federleicht und nicht einmal durch die vielen Sentenzen sonderlich beschwert, heiter machend und auf keinen Fall dümmer. Ein Sommerbuch – durchaus auch im Herbst zu genießen.  

Stand: 04.10.2020, 21:31