Eberhard Rathgeb - Karl oder Der letzte Kommunist

Eberhard Rathgeb - Karl oder Der letzte Kommunist

Eberhard Rathgeb - Karl oder Der letzte Kommunist

Von Dirk Hohnsträter

Der Kommunismus als Kopfgeburt: Eberhard Rathgeb erzählt die Geschichte eines Rationalisten.

Eberhard Rathgeb
Karl oder Der letzte Kommunist

Hanser Verlag, München 2018
272 Seiten
23 Euro

Eine Kopfgeburt

So nennt man es, wenn Erdachtes nicht mit der Wirklichkeit zusammenfindet. Wenn das Leben über eine vollkommen einleuchtende Welterklärung hinweggeht. Einer solchen Erklärung anzuhängen, ist das Schicksal von Karl, dem Helden von Eberhard Rathgebs neuestem Roman:

"Karl mochte Gründe. Sie gaben den Dingen einen Halt. Dann stand eine Sache fest und wackelte nicht herum. Ständig war er auf der Suche nach Gründen, wie andere nach guten Gelegenheiten suchten, um sich zu vergnügen, oder Ausschau hielten nach attraktiven Objekten, Kunstwerken, Immobilien, Aktien, die für eine Geldanlage geeignet waren."

Karls Kommunismus

"Karl oder Der letzte Kommunist" lautet der Titel von Rathgebs Roman, denn die Idee, an der Karl auch dann noch festhält, als der Rest der Welt sich längst mit den Gegebenheiten arrangiert hat, ist der Kommunismus.

Schriftsteller Eberhard Rathgeb

Eberhard Rathgeb

Für die Vorstellung, dass alles ganz anders werden muss, verzichtet Karl auf ein angenehmes Leben. Als wir ihn kennenlernen, ist er bereits gestorben:

"Von dem Toten blieb nicht viel zurück, eine Anhäufung von voraussetzungsreichen Sätzen, die keinen Bestand haben würden, und nicht einmal die Erinnerung an einen Plan, der nur ausgeführt werden müsste. Für Karl hat es keine Zukunft gegeben, nur eine Gegenwart, gegen die er nichts eingetauscht hat, keine Hoffnungen, Illusionen, Kompromisse oder Güter des täglichen Bedarfs, kein neues Auto, keine große Wohnung, keine Urlaubsreisen."

Kriegskind und Achtundsechziger.

Karl, dessen Name wohl nicht zufällig an den Vater des Kommunismus erinnert, ist Kriegskind und Achtundsechziger. Ein aufgeweckter Junge, ein reger Student, ein lebenshungriger, vor allem aber vernunftgläubiger Mensch: In immer neuen Variationen zeichnet Rathgeb seinen Protagonisten als einen Mann, den die üblichen Sorgen und Lebensängste nicht kümmern:

"Das Meer all der Nebensächlichkeiten, die für die meisten Leute ein ganzes Leben sind, wie du dich kleidest, wie du wohnst, was es zu kaufen gibt, teilte sich und gab ihm den Weg frei. So zielstrebig und bestimmt wie er ging nur einer, der sich seiner Sache sicher war, der Wichtiges zu tun hatte."

An dieser Unbeirrtheit ändert sich auch dann nichts, als die Zeit allmählich über Karls Vernunftglauben hinweggeht:

"Er verlor Zuhörer. Aber gegen jeden Instinkt der Selbsterhaltung, der andere aus den linken Kreisen zum Nachgeben bewog, gab er nicht auf. Er zog sich nicht zurück, er redete weiter."

Illusionen der Selbsttäuschung

Welche zwingenden Gründe es sind, die Karls Leben tragen, warum die Vernunft ihn zum Kommunisten gemacht hat und wie dieser Kommunismus denn eigentlich beschaffen ist, das erfahren die Leser leider nicht. Will Rathgeb das Innere seines Helden beschreiben, spricht er ungelenk von "Illusionen der Selbsttäuschung, die an Psychosen grenzen konnten“, als handle es sich bei diesem Buch um ein medizinisches Gutachten und nicht um einen Roman. Überhaupt klingen viele Passagen eher behauptend und belehrend als literarisch. Beispielsweise die folgende:

"Die meisten Demonstranten in den westlichen Städten sind friedlich. Sie gehen auf die Straße, tragen Schilder und Spruchbänder, singen Lieder, skandieren Parolen und bilden im äußersten Falle zivilen Ungehorsams Blockadeeinheiten. Sie protestieren, um auf etwas aufmerksam zu machen, was ihren Interessen und ihren Wünschen zuwiderläuft."

Pfannkuchenbrei der Alltagsküchen

Zwar bemüht sich Rathgeb, etwa durch Dialoge zwischen zwei pensionierten Verfassungsschützern, dem Roman eine gewisse Vielstimmigkeit zu verleihen, doch verfällt er immer wieder in den Stil eines Sachbuchs. Anstatt starke Bilder oder spannende Erzählbögen zu finden, verwendet er Formulierungen wie "im Hinblick auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft". Zudem leistet er sich manchen sprachlichen Lapsus, beispielsweise wenn er vom "Pfannkuchenbrei der Alltagsküchen" spricht, wo doch bloß der Alltag gemeint ist.

"Karl oder der letzte Kommunist" ist eine verschenkte Chance. Über 250 Seiten lang wird eine einzige Idee behauptet, anstatt das Leben zu entfalten. Eine Kopfgeburt, ganz so wie Karls Kommunismus.

Eberhard Rathgeb - Karl oder Der letzte Kommunist

WDR 3 Mosaik | 20.08.2018 | 04:09 Min.

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Stand: 20.08.2018, 09:00