Thomas Kapielski - Kotmörtel. Roman eines Schwadronörs

Cover des Buches "Kotmörtel. Roman eines Schwadronörs" von Thomas Kapielski

Thomas Kapielski - Kotmörtel. Roman eines Schwadronörs

Von Jakob Stärker

Der Schwadronör redet viel und sagt oft nichts. Thomas Kapielskis Roman "Kotmörtel" hat sich dieser Paradedisziplin gewidmet.

Thomas Kapielski: "Kotmörtel. Roman eines Schwadronörs" WDR 3 Buchkritik 10.08.2020 04:57 Min. Verfügbar bis 10.08.2021 WDR 3

Der Schwadronör redet viel und und sagt oft nichts. Thomas Kapielskis Roman "Kotmörtel" hat sich dieser Paradedisziplin gewidmet. Eine Rezension von Jakob Stärker.

Thomas Kapielski: Kotmörtel. Roman eines Schwadronörs.
Edition Suhrkamp, Berlin 2020.
410 Seiten, 20 Euro.

Sprache als Säbel

Der Begriff des Schwadronierens stammt ursprünglich aus der Fechtschule und bezeichnet das "wilde Fuchteln mit dem Säbel oder Degen, um die Feinde abzuwehren". Frowalt Hiffenmarkt, Erzähler und Protagonist des neuen Romans von Thomas Kapielski, hat zwar keinen Säbel oder Degen, dafür aber seine Sprache. Er fuchtelt mit Zungenbrechern, Kopfzerbrechern, Sprechverbrechern, kurz, allem was die Sprache an Spielen und Absurditäten hergibt. Am liebsten auf Bahnhofsvorplätzen, um auch andere an seinen Weisheiten teilhaben zu lassen:

"Werte Bamberger, Bambergerinnen und Bambis!
Die Katarakte des Fortschritts reißen alles mit sich hinauf in endlose, schwindelnde Höhen; die Katarakte des Lebens verwüsten und reißen und stürzen alles mit aller Wucht hinab in den Verfall und Zusammenbruch hin und zurück zu den Wasserwurzeln. […] Die Fernsehsessel aber senken sich schon zum Sturzflug, wie auf dem Gemälde vom stürzenden Thron des Papstes Innozenz X., das Francis Bacon so vortrefflich malte, und nun knirscht es auch schon allenthalben im Gebälk und allerorten droht Unheil. Hört hin! Wacht auf, Ihr Träumer! Adieu!"

So weit, so gut. Das Fuchteln und Wedeln kann er, der Hiffenmarkt! Aber wer soll hier abgewehrt werden? Sollen die Menschen sich nicht Frowalt und seinen Weisheiten anschließen?

Schwadroneure unter sich

Reden schwingen ist aber nicht seine Hauptbeschäftigung. Als Broterwerb betätigt sich Hiffenmarkt als Handelsvertreter für Rasierpinsel und Bamberger Busenbürsten. Da er die Artikel günstiger verkauft als er sie einkauft, muss er auf seine hellseherischen Fähigkeiten bei Tipico-Wetten zurückgreifen, um auch das geheime Schreibrefugium in Meppen finanzieren zu können. Doch jetzt sitzt der Protagonist in Untersuchungshaft. Warum? Das weiß man nicht so genau. Er selbst versteht sich nur als einfacher Bote:

"Oben in Schweinfurt […] ging der Scheiß los, mit meinem törichten Botendienst im Auftrag einer Herrin zweier Päckchen welche eine sehr attraktive Frau war. Ihr zuliebe und ihr zu Diensten nahm ich den verhängnisvollen Scheiß, angeblich zwei Geburtstagsgeschenke, im Zug mit, von Schweinfurt nach Grollstadt-Sauger – so wie mir von jener galanten Dame gewandt und höflich aufgetragen ward!"

Was folgt, sind Monate, seitenlang erzählte Verhöre in kafkaesker Manier, vollführt von Kommissar Röhr und dem Erzähler. Auch wenn Frowalt die Liebe zu seiner Frau Dietlinde beteuert, ist Kommissar Röhr doch seine erste wirkliche Romanze, mit der er seine Leidenschaft für das Schwadronieren teilt. Kommissar Röhr scheint hier das geliebte Spiegelbild Hiffenmarkts zu sein. Treffen sich zwei Schwadroneure… Heraus kommt die Reflexion der Reflexion. Aber über was?

Das Zeitalter der Glibbermasse

Der Schriftsteller, Künstler, Musiker und Fotograf Kapielski versteht sich nicht nur als disziplinarischer Tausendsassa, sondern wusste bereits in seinen Büchern wie "Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen", "Mischwald" oder "Ortskunde" von allerlei Nichts, flankiert von Zitaten Kants und Freuds und anderen intellektuellen Muskelprotzereien zu berichten. Wurde er als Musiker den Genialen Dilettanten zugerechnet, führen auch seine schriftstellerischen Verrenkungen die Traditionen des Pikaresken in der Manier von Jean Paul oder Fritz Rudolf Fries fort. Auch in "Kotmörtel" sinnieren Röhr und Hiffenmarkt anhand von Glibbermasse als Sujet über Manierismen, Modernismen und Moralitäten der heutigen Welt:

"Herr Kommissar! Ich halte die Glibbermasse für den Stoff des Zeitalters. Es ist das Zeitalter nach dem des Stahls und nach dem des Kohlenwasserstoffs und Siliziums. […] Denn diese lustige, vielfältig-bunte, im Kern aber homogene Glibbermasse besitzt hochmoderne Menschen- und Massentugenden. Wie etwa Anpassung, Pseudoindividualität, gleicher Stoff in mannigfaltiger Form, sie schleimt wenig widerständig die Wände herab, gleitet und flutscht überall durch, klebt gern oben und liegt im Trend!"

Nur Fuchteln und Wedeln?

Erweisen sich Schwadroneure doch meist als Nichtssagende, fällt der Protagonist vor allem durch allzu viel Fortschrittskritik bis rückwärtsgewandte Postulate auf. Die heutige Zeit als Feind? Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Aber ja, bitte sehr! Doch leider vertragen sich Schwadroneur und konstruktive Kritik nur schlecht.

So stellt sich nach 200 Seiten der Verdacht aufs Lamento ein. Die Meinungen der beiden Schwadronnöre Hiffenmarkt und Röhr hängen sich zu häufig an der zerrissenen Jeans der Jugendlichen, der Ökodiktatur oder den kleinen Schweinigeleien mit dem anderen Geschlecht auf. Das ist leider auch nicht geistreicher als auf dem Familiengeburtstag den Litaneien des Großonkels über die Jugend heutzutage zu lauschen. Ob da Kapielski oder nur sein Alter Ego wettert, sei dahingestellt.

Auch wenn man sich über die fantastischen Einfälle, sprachlichen Absurditäten und aberwitzigen Allegorien Kapielskis freut: Am Ende, da bleibt es dann eben doch beim Fuchteln und Wedeln.

Stand: 11.08.2020, 14:23