Meena Kandasamy - Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau.

Buchcover: "Schläge" von Meena Kandasamy

Meena Kandasamy - Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau.

Von Insa Wilke

Meena Kandasamys Buch „Schläge“ ist eine drastische Geste des Widerstands, wenn es um Gewalt gegen Frauen in der Ehe geht.

Meena Kandasamy: "Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau" WDR 3 Buchkritik 03.08.2020 05:29 Min. Verfügbar bis 03.08.2021 WDR 3

Meena Kandasamys Buch "Schläge" ist eine drastische Geste des Widerstands, wenn es um Gewalt gegen Frauen in der Ehe geht. Eine Rezension von Insa Wilke.

Meena Kandasamy: Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau.

Aus dem Englischen von Karen Gerwig.

Culturbooks, Hamburg 2020.

264 Seiten, 20 Euro.

Mit der Mutter fängt die Geschichte an. Genauer: mit der Fabel von der „bedingungslosen, aufgeschäumten Liebe einer Mutter“ und deren Dekonstruktion durch die Tochter. Diese Tochter ist die Autorin Meena Kandasamy, die sich nicht länger enteignen lassen will. Auch nicht durch die Mutter. Ihre Geschichte, die von der Mutter als „große Schlacht“ gegen „die Kopfläuse“ verharmlost wird, ist einfach: Kandasamy hat als junge Frau den falschen Mann geheiratet. Wie aber davon erzählen? Von Ehe als Umerziehungslager und einer Frau, die ihrer Identität beraubt und ins Haus gesperrt wird, davon,

wie sich die Räume um diese Frau langsam zusammenziehen, wenn sie vergewaltigt wird, wie die Wände sie in die Ecke treiben, wie das Haus, sobald ihr Mann daheim ist, zu schrumpfen scheint, wie sie nirgendwohin fliehen, sich nirgendwo verstecken, seiner Gegenwart nirgendwo entkommen kann.

Wohlgemerkt: Kandasamy ist zu Beginn ihrer Ehe Feministin und bereits eine erfolgreiche, unabhängige Jung-Autorin, mit Facebook-Freunden und allem drum und dran. Die Fragen „Was hindert eine Frau daran, eine Missbrauchsbeziehung zu verlassen?“ und was führt dazu, dass sie ihrem Mann freiwillig all ihre Passwörter aushändigt, schwingt wie ein Refrain durch dieses Buch. Sie bleibt trotz einiger Antworten als drängende soziale und politische Frage offen. Kandasamy will kein Fass schließen, sie will es aufmachen.

In Deutschland steht Vergewaltigung in der Ehe seit 1997 unter Strafe. Immerhin schon seit 20 Jahren. Die Rechtsanwältin Christina Klemm hat in ihrem Buch „Akteneinsicht“ andererseits gerade beschrieben, wie die Praxis vor Gericht immer wieder aussieht. Man muss nicht nach Indien schauen, um strukturelle Probleme zu erkennen, die auch damit zu tun haben, dass die Geschichten von Frauen wie Meena Kandasamy nicht zum Selbstbild der meisten Gesellschaften passen. Kandasamy schreibt, wie ihre Geschichte in der Version der Mutter in Umlauf kommt und wie auf sie reagiert wird:

(F)ür weiße Feministinnen war sie immer noch ein bisschen zu schmutzig und verwirrend; unter Ökofeministinnen galt sie vielleicht als eine Spur zu umweltunfreundlich; Postmodernistinnen übergingen sie stillschweigend, weil die Erzählung meiner Mutter den schwerwiegenden Aspekt des freien Willens meines Ehemannes, mich zu schlagen, ignorierte.

Dieses Buch erzählt sehr sarkastisch von einem Problem jenseits der puren Gewalt, das Frauen überall auf der Welt haben, wenn sie Opfer ihres Ehemanns oder Partners werden: Subjekt ihrer Geschichte zu bleiben.

Die wichtigste Lektion, die ich als Autorin gelernt habe: Lass dich nicht von Leuten aus deiner eigenen Geschichte vertreiben. Sei gnadenlos, auch wenn es deine eigene Mutter ist.

Kandasamy wendet im Umgang mit der Öffentlichkeit dieselbe Überlebensstrategie an, mit der sie sich gegen ihren Mann schützte: Sie entwirft sich als Filmfigur und den Plot als Drehbuch. Das ermöglicht der Autorin übrigens auch ganz beiläufig mit einem schönen Seitenhieb auf Quentin Tarantino zu thematisieren, welche Rolle Frauen noch heute überall auf der Welt in Sex-Szenen zugeschrieben wird: die der Duldenden.

„Aufgeschrieben ist mein Körper vergewaltigungsresistent“, schreibt Meena Kandasamy. Was heißt das? Es heißt wohl, Autorin des eigenen Stücks zu bleiben oder wieder zu werden. Das Stück mag „Die gute indische Ehefrau“ oder auch „Das arme vergewaltigte Mädchen“ heißen, aber außerhalb des Spiels ist es der Autorin möglich sich durch Worte ein Zimmer für sich allein zu schaffen. Zum Beispiel, indem sie Liebhaber erfindet, denen sie in Abwesenheit des Mannes Briefe schreibt und sie vor seiner Rückkehr wieder löscht. Briefe, die einen immer größeren Raum in Kandasamys Geschichte einnehmen, die Folterszenen an den Rand drängen und also auch die voyeuristische Lust der Leserinnen an Gewalt widerspenstig unterlaufen. Es ist in diesem „Porträt einer Autorin als junge Ehefrau“ immer ein doppeltes Spiel, das weit über die Kritik an männlicher frauenfeindlicher Gewalt hinaus geht. Allein durch die Kraft der Worte, schafft Meena Kandasamy für sich einen Körper, der nicht beurteilt und nicht verurteilt wird. Sie sei kein gutes Mädchen, sondern eine Frau, die aus allen Kategorien falle, für die man sie geformt habe.

Hier, mein Fleisch. Hier, die willkürlichen grünen Linien um meine Handgelenke. Hier mein Blut. Hier, meine pechschwarzen Haare.

Warte. Hier, meine hochwichtige Möse.

Alles Muskel, alles Erinnerung.

Mit ihrem Buch „Schläge. Porträt der Autorin als junge Ehefrau“ teilt Meena Kandasamy aus. Die Lektüre lässt einen neu darüber nachdenken, welche literarischen Konventionen eigentlich bestimmen, wie Frauen über erfahrene Gewalt zu schreiben haben. Das wäre jenseits der sozialen und politischen Analysen ein enormer, kritischer Beitrag der Autorin zum „Kanon der Literatur über häusliche Gewalt“. Der Verlag Culturbooks zeigt einmal mehr sein Gespür für Schreibweisen und Autorinnen, die sich aus einer lähmend verkrusteten Gegenwart befreien.

Stand: 05.08.2020, 14:22