Kamel Daoud - Zabor

Kamel Daoud - Zabor

Kamel Daoud - Zabor

Von Andreas Wirthensohn

Kamel Daoud beeindruckt mit einer hochpoetischen Parabel über die Macht des Erzählens.

Kamel Daoud
Zabor

Aus dem Französischen von Claus Josten
Kiepenheuer & Witsch
Köln 2019
382 Seiten
23 Euro

Literatur kann Leben retten

In Arno Schmidts Monumentalroman Zettels Traum findet sich ein schöner Satz über die Wirkmächtigkeit des Erzählens: „Überlebm wird Der, der noch aus jeder Cat"astrophe <1 Geschichte> machen kann“, heißt es dort. Dass Literatur Leben retten kann, dafür steht vor allem einer der großen Klassiker der Weltliteratur: die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht. Darin erzählt Scheherazade dem persischen König bekanntlich Nacht für Nacht Geschichten, die ihn so sehr fesseln, dass er am Ende darauf verzichtet, die Jungfrau wie all die anderen vor ihr umbringen zu lassen. Kamel Daoud liefert in seinem neuen, seinem zweiten Roman eine interessante Variante dieser Überlebenstechnik namens Literatur. Hier erzählt ein Mann namens Ismael nicht um sein eigenes Leben, sondern er besitzt die Fähigkeit, das Leben Sterbender zu verlängern – und zwar indem er über sie schreibt.

"Schreiben ist die einzig wirksame List gegen den Tod. Die Leute haben es mit dem Beten, den Medikamenten, der Magie, den Versen in endlosen Schleifen oder mit Bewegungslosigkeit versucht, aber ich bin wohl der Einzige, der die Lösung gefunden hat. Und ich habe angefangen zu schreiben, entschlossen und strikt, geleitet von der klaren Entscheidung, eine Demonstration meiner Gabe zu geben und triumphierend wegzugehen, wie jedes Mal, wenn man mich gerufen hatte, um der letzten Seite eines Lebens mit einer von meiner Hand geschriebenen Seite zu begegnen."

Schreiben ist Reden, ohne zu atmen

Ismael, der sich selbst Zabor nennt, ist knapp dreißig, unverheiratet, nicht beschnitten, an den Rezitationen in der Koranschule wenig interessiert und nicht nur deshalb ein eher ungeliebter Außenseiter in einem algerischen Dorf. Aber er kann lesen und vor allem schreiben, und weil man um seine besondere Gabe weiß, wird er, wenn gar nichts mehr zu helfen scheint, zu den Sterbenden gerufen. 5436 Hefte hat er im Laufe der Jahre vollgeschrieben und so dafür gesorgt, dass die Zahl der Hundertjährigen im Dorf erstaunlich hoch ist. Nun liegt sein eigener Vater im Sterben, und er wird so lange weiter atmen, solange Zabor uns davon erzählt, wie er zu seiner gottgegebenen oder gar gottgleichen Fähigkeit gekommen ist.

Kamel Daoud

Kamel Daoud

"Schreiben ist Reden, ohne zu atmen. Ich halte meinen Atem an und nähre meine Linie. Während meiner Sitzungen gibt es also zwei ungleiche Atmungen: die des Sterbenden und die meiner Inspiration. Ich muss sie aufeinander abstimmen."

Und so erzählt Zabor in diesen Heften, die am Ende den hier vorliegenden Roman gleichen Titels bilden werden, von sich, von seinem Vater, dem Fleischer, von seiner Tante, die ihn nach dem frühen Tod der Mutter zu sich nahm, und von seinem Großvater, an dessen Sterbebett der junge Zabor erstmals die Macht der Sprache entdeckte:

"Ich legte dann seinen Kopf auf ein Kopfkissen und tat etwas Unerwartetes, sogar Überraschendes, Belangloses, aber Endgültiges in der Ordnung der Welt: Ich nahm einen griffbereit daliegenden Roman, ging zu ihm zurück und begann mit lauter Stimme ein Kapitel zu lesen, um sein Röcheln zu verstecken. Ich wollte mit meiner Stimme seine Beklemmungen überdecken, sie übersteigen, sie auslöschen oder sie anordnen. In meiner Geste lag die Absicht, seinen Todeskampf erträglicher zu machen, aber auch eine dumme Vorstellung: ihn durch Ablenkung annehmbar zu machen, seine kurze Aufmerksamkeit für die Welt aufrechtzuerhalten."

Ein hochpoetisches Buch

Daouds Roman gleicht einem unablässigen Redestrom und führt damit in gewisser Weise das, wovon er erzählt, eindrücklich vor Augen. Es ist ein hochpoetisches Buch, voller lebenskluger Abschweifungen und literarischer Anspielungen, voller wunderbarer Sätze, die Claus Josten sagenhaft gut ins Deutsche übertragen hat.

"Wenn man um ein Feuer herum eine Geschichte erzählt, weicht die Nacht zurück und wird aufmerksam. Warum schreibt man und liest man Bücher? Um sich zu vergnügen, antwortet die unbedachte Masse. Falsch: Das Bedürfnis ist uralt und lebensnotwendig. Weil es den Tod gibt, weil es ein Ende gibt und deshalb auch einen Anfang, den in uns wiederherzustellen unsere Aufgabe ist, eine erste und letzte Erklärung. Schreiben oder erzählen ist das einzige Mittel, um in der Zeit zurückzugehen, ihr zu begegnen, sie wiederherzustellen oder sie zu kontrollieren. Zwischen der Konjugation und der Metaphysik gibt es eine Verbindung, da bin ich mir sicher."

Die heilbringende Kraft des Wortes

Die Kunst als letzte metaphysische Tätigkeit des Menschen in einer entzauberten Welt – diesen Gedanken hatte schon Friedrich Nietzsche, und er ist zu einer Art poetologischem Kern der modernen Literatur geworden. Auch Daouds Held muss über das Moralisierende und Belehrende der religiösen Literatur hinausgelangen, um in weltlicher Dichtung die heilbringende Kraft des Wortes zu entdecken.

"Man muss einen großen Roman gegen den Strom des Heiligen Buches schreiben."

Insofern wendet sich Daoud auch gegen fundamentalistische Engstirnigkeit, gegen die Absolutsetzung von Gottes Wort. Erst in der französischen Literatur, die mit ihrer sinnlichen Sprache einer Ekstase gleichkommt, findet sein Held Zabor wahre Freiheit. Selten ist die emanzipatorische Kraft der Literatur eindringlicher und eindrucksvoller beschworen worden als in diesem bemerkenswerten Roman.

Kamel Daoud: "Zabor"

WDR 3 Buchrezension 15.04.2019 05:32 Min. WDR 3

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Stand: 14.04.2019, 17:27