Mascha Kaléko - Liebesgedichte

Hörbuchcover: Mascha Kaléko - Liebesgedichte

Mascha Kaléko - Liebesgedichte

Von Monika Buschey

Sie hat den klaren, unsentimentalen Blick auf Dinge und Menschen – ihre Verse treffen ohne Umwege ins Herz. Mascha Kalékos Liebesgedichte loten Höhen und Tiefen eines Gefühls aus.

Mascha Kaléko: Liebesgedichte
Glesen von Katharina Thalbach, Julia Nachtmann und Rosa Thormeyer .
GoyaLit, 2021.
118 Minuten Laufzeit, 15 Euro.

Buchausgabe erschienen bei dtv, 112 Seiten, 12 Euro.

Mascha Kaléko "Liebesgedichte" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 11.03.2021 05:08 Min. Verfügbar bis 11.03.2022 WDR 3


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Der richtige Ton für tiefe Gefühle

"Die anderen sind das weite Meer/ du aber bist der Hafen
So glaube mir, du kannst ruhig schlafen/ ich steuere immer wieder her
Denn alle Stürme, die mich trafen/ sie ließen meine Segel leer
Die anderen sind das weite Meer/ Du aber bist der Hafen."

Mascha Kaléko, ganz gleich, ob sie lacht oder weint, ob Melancholie durchschlägt oder Fröhlichkeit – sie findet für alltägliche Kleinigkeiten wie für die ganz tiefen Gefühle den richtigen Ton. Ohne Verrenkung oder feierlichen Pomp und eben darum so eindrucksvoll. Julia Nachtmann liest:

"Als ich zum ersten Male starb,
- Ich weiß noch wie es war.
Ich starb so ganz für mich und still,
Das war zu Hamburg, im April,
Und ich war achtzehn Jahr.

Und als ich starb zum zweiten Mal,
Das Sterben tat so weh,
Gar wenig hinterließ ich dir:
Mein klopfend Herz vor deiner Tür,
Die Fußspur rot im Schnee.

Doch als ich starb zum dritten Mal, 
Da schmerzte es nicht sehr.
So altvertraut wie Bett und Brot,
Und Kleid und Schuh war mir der Tod.
Nun sterbe ich nicht mehr"

Kaléko widmet sich allen Facetten der Liebe

Keine Nuance bleibt unentdeckt. Die Liebe darf sich in allen ihren rätselhaften Erscheinungsformen zeigen. Wer liebt, weiß ein Lied zu singen von Hoffnung, Schmerz und Sehnsucht, vom Hin- und Hergerissen-Sein und eben auch davon, dass Trennung wie Sterben schmecken kann. Kaum weniger schlimm, wenn das Ende schleichend kommt. Immerhin lernt man mit der Zeit, dass Verluste zum Spiel dazugehören.                  

"Ich bin das lange Warten nicht gewohnt/ Ich habe immer andere warten lassen
Nun hock ich zwischen leeren Kaffeetassen/ und frage mich, ob sich dies alles lohnt.
Es ist so anders als in früheren Tagen/ Wir spüren beide stumm:
Das ist der Rest."

Auch für ein Butterbrot ist Platz in Kalékos Lyrik

Gleich mit ihren ersten Gedichten feierte Mascha Kaléko Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts Erfolge. Sie schrieb über die Orte, an denen sie gelebt hat, über Berlin und später im Exil über New York und Jerusalem.

Gebrauchspoesie nannten die Zeitgenossen ihre Gedichte, und tatsächlich, sie hat der Straßenbahn, dem möblierten Zimmer und dem Butterbrot in ihrer Lyrik einen Platz gegeben. Was nicht bedeutet, dass für Träume, Freiheit und natürlich für die Liebe kein Platz gewesen wäre. Das Hörbuch versammelt, was das betrifft, Beweismaterial aus allen Schaffensperioden. Es scheint, als würde das Gefühl mit zunehmendem Alter differenzierter. Auch das schmerzlich Unvermeidliche darf deutlich ausgesprochen werden. Es liest Katharina Thalbach. 

"Kein Wort ist groß genug, es ganz zu sagen, kein Ton so rein, dass es in ihm erklingt
Wir müssen alles in uns weitertragen, tief wissend, dass es endlich uns bezwingt
Wie aus dem Nebel schimmern fern die Zeiten, da eines sich dem anderen zugeneigt.
So fällt am Morgen jeder Traum zusammen, so stirbt zur Nacht das Licht des Tages bang
Zu fahler Asche brennen alle Flammen, das Lied ist aus, die Melodie verklang."

Mit viel Gefühl, aber auch Zurückhaltung gelesen

Drei Schauspielerinnen lesen, was die Dichterin schrieb. Katharina Thalbach, unverkennbar ihre Stimme, legt viel Gefühl auf jede Silbe. Die beiden Jüngeren, Julia Nachtmann und Rosa Thormeyer, sind eher zurückhaltend. Dem lakonischen Ton der Gedichte entspricht das sehr genau: Je größer das Glück war, je tiefer die Liebe, desto heftiger der Schmerz, wenn endgültig die Abschiedsstunde schlägt. Auch davon erzählt Mascha Kaléko und Rosa Thormeyer liest es vor.    

"Ich träume nicht mehr, seit du nicht mehr aufwachst am Morgen
Wenn die Morgenlandsonne glühend schreit in deinem Balkonzimmer, kann keiner meine Träume deuten, nur der das Lächeln aufkeimen sah in meinem Herzen und die Träne reifen hinter meinem Auge.
Du hörst mein Gras wachsen, schon fast dreihundert Morgenlandsonnen –
und du wachst nicht auf.
Ich träume nicht mehr, wem sollte ich meine Träume erzählen?"

Stand: 10.03.2021, 14:55