Joseph Roth - Die Rebellion

Joseph Roth - Die Rebellion

Joseph Roth - Die Rebellion

Von Andreas Wirthensohn

Joseph Roth erweist sich in einem frühen Roman keineswegs als literarischer Nostalgiker der k.u.k. Monarchie.

Joseph Roth
Die Rebellion

Roman
Nach dem Manuskript ediert
und mit einem Nachwort herausgegeben
von Ralph Schock
Wallstein, Göttingen 2019
280 S.
€ 24

Heute vor 125 Jahren, am 2. September 1894, kam der Schriftsteller Joseph Roth im galizischen Städtchen zu Welt, und sein leider nicht allzu langes, aber höchst produktives Schriftstellerleben endete 1939 im Alkohol und im Elend des Exils. Mit seinen Romanen wie Hiob, Radetzkymarsch oder Die Kapuzinergruft gilt Roth heute vor allem als nostalgischer Erzähler, der den Mythos des Hauses Habsburg beschwört, als konservativer, gläubiger Monarchist, der formal zu einem eher traditionellen Erzählen zurückkehrt. Nun ist mit „Die Rebellion“ ein früher Roman Roths in einer sorgfältigen und materialreichen Neuedition erschienen. Er zeigt eine etwas andere Facette dieses Klassikers der modernen Literatur.

Er hatte ein Bein verloren und eine Auszeichnung bekommen

Das Jahr 1924 war ein besonderes in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur. Thomas Mann veröffentlichte seinen epochalen Roman Der Zauberberg, von Arthur Schnitzler erschien Fräulein Else, eine seiner bedeutendsten Novellen, Franz Kafka starb, ohne dass je eines seiner Romanfragmente erschienen wäre. Und einer der renommiertesten Journalisten der Weimarer Zeit, der unter anderem regelmäßig für die "Frankfurter Zeitung" und das "Prager Tagblatt" schrieb, betrat als Literat die Bühne: Joseph Roth. Im Berliner Verlag Die Schmiede erschienen in diesem Jahr gleich zwei Romane von ihm: Hotel Savoy und Die Rebellion. In beiden Büchern sind die Hauptfiguren Kriegsheimkehrer, Versehrte des Großen Krieges, der vor allem eines war: ein großes Gemetzel. Trotzdem ist Andreas Pum, der Protagonist von Die Rebellion, ganz zufrieden:

"Er hatte ein Bein verloren und eine Auszeichnung bekommen. Viele besaßen keine Auszeichnung, obwohl sie mehr als nur ein Bein verloren hatten. Sie waren arm- und beinlos. Oder sie mußten immer im Bett liegen, weil ihr Rückenmark kaputt war. Andreas Pum freute sich, wenn er die anderen leiden sah. Er glaubte an einen gerechten Gott. Dieser verteilte Rückenmarkschüsse, Amputationen, aber auch Auszeichnungen nach Verdienst. Bedachte man es recht, so war der Verlust eines Beines nicht sehr schlimm und das Glück, eine Auszeichnung erhalten zu haben, ein großes. Ein Invalider durfte auf die Achtung der Welt rechnen. Ein ausgezeichneter Invalider auf die der Regierung."

Zwischen blanken Kachelwänden und wandhohen Spiegeln

Neben der Auszeichnung bekommt der Heimkehrer auch noch eine Drehorgellizenz, er findet eine Frau, die ihn heiratet, es scheint alles in bester Ordnung zu sein. Doch die von Gott oder der Regierung gewollte Ordnung der Dinge wendet sich plötzlich gegen Andreas Pum. In der Straßenbahn gerät er eines Tages mit einem Herrn in Konflikt, der ihn als Simulanten verdächtigt, er widersetzt sich der Staatsgewalt, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, und landet schließlich für sechs Wochen im Gefängnis. Seine Frau sucht derweil das Weite, und am Ende arbeitet er als Verwalter der Herrentoilette in einem Café.

"Zwischen blanken Kachelwänden und wandhohen Spiegeln, neben einer blauen Personenwaage, saß Andreas Pum. Von den Wasserhähnen über den drei Porzellanbecken tropfte es in regelmäßigen Abständen, das plinkende Geräusch unterbrach die weiße, unendlich saubere Stille, und es war, als fielen Tropfen der Zeit in den Raum der Ewigkeit."

Ja, ja, Ignatz, wir sind Rebellen, wir beide.

Dort hängt er seinen Gedanken nach und unterhält sich mit Ignatz, dem Papagei, den der Cafébesitzer angeschafft hat, um die Toilette interessanter zu machen.

Joseph Roth, um 1932

Joseph Roth

"Ja, ja, Ignatz, wir sind Rebellen, wir beide. Leider kann es uns nichts nützen. Denn ich bin ein alter Krüppel, und Du bist ein ohnmächtiger Vogel, und wir können die Welt nicht ändern. Wenn ich dir erzählen wollte, wie viel ich im Leben gelitten, was ich im Krieg durchgemacht habe und im Gefängnis, wie mir in der Zelle die Augen aufzugehen begannen und wie ich endlich entschlossen war, ein kräftiger, tätiger Heide zu werden, bis ich im Spiegel des Vorortzuges einsehn mußte, daß ich zu alt geworden war! Alle meine Freunde leben noch und sind kräftig und jung. Ich aber bin dem Tode verfallen, und wenn du mit deinen Flügeln so wild um dich schlägst, so glaube ich, schon sein Rauschen hinter meinem Rücken zu hören."

Eine Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg

Kurz darauf stirbt er dort, in der Toilette, nicht ohne vorher noch im Geiste eine große Anklage gegen die Welt und Gott formuliert zu haben.
Die Rebellion wirkt mitunter etwas fahrig, hastig hingeschrieben in einer Phase extremer Produktivität. Trotzdem enthält Roths früher Roman schon vieles von dem, was seine späteren berühmten Werke ausmacht: den legendenhaften Ton, die traurige Geschichte eines Menschen, der an den Verhältnissen und den Schicksalsfügungen zugrunde geht, den markanten Erzählstil, der ständig zwischen der allwissenden und der beschränkten subjektiven Perspektive hin und her wechselt. Zugleich hat er fast etwas Kafkaeskes an sich, und bezeichnenderweise erschien im gleichen Jahr im gleichen Verlag das letzte von Kafka selbst fertiggestellte Buch: Der Hungerkünstler. Und schließlich stellt Die Rebellion auch eine ganz eigene Auseinandersetzung mit dem persönlichen Erleben des Ersten Weltkriegs dar. Roth nahm als Soldat zwar nicht unmittelbar am Kampfgeschehen teil, hat aber an der Ostfront, beim Pressedienst einer Infanteriedivision, mit Sicherheit grausame Dinge erlebt:

"Wir haben die Massengräber gesehn, verschimmelte Hände, ragend aus zugeschütteten Gruben, Oberschenkel an Drahtverhauen und abgetrennte Schädeldecken neben Latrinen. Wer aber weiß, wie Ruinen aussehen, die sich bewegen; Schutt, der sich rührt; Trümmer, die sich krümmen? Wer hat schon gehende Krankenhäuser gesehen, eine Völkerwanderung der Stümpfe, eine Prozession der Überreste?"

Romancier und Journalist

So schreibt er ebenfalls 1924 in einem herzzerreißenden Text über den makabren Leichenzug bei einem Invalidenbegräbnis. Dieser und noch weitere Zeitungsartikel Roths sind dieser vorzüglichen Neuedition zusätzlich zum Roman beigegeben. Sie machen deutlich, wie hochliterarisch der Journalist Roth schrieb und wie sehr er als Romancier von seiner journalistischen Arbeit zehrte. Mitunter finden sich sogar Formulierungen aus den Feuilletons wortgleich im Roman wieder. Dass die Welt aus den Fugen ist, dass diese Ordnung nicht mehr seine Ordnung ist, dass Gott kein barmherziger Gott ist, erkennt Andreas Pum endgültig im Gefängnis, als seine bescheidene Bitte, die Spatzen am Zellenfenster füttern zu dürfen, abschlägig beschieden wird.

"Überlassen Sie doch dem lieben Gott die Sorgen um seine Vögel!"

Sagt der Gefängnisarzt zu ihm. Worauf Andreas nur traurig erwidert:

"Ach, Herr Doktor! Manche sagen: Überlassen wir Gott die Sorge um diesen Menschen! Dann sorgt Gott nicht!"

Stand: 28.08.2019, 17:18