Jon McGregor - Speicher 13

Jon McGregor - Speicher 13

Jon McGregor - Speicher 13

Von Peter Henning

In hypnotischer Langsamkeit rekonstruiert Jon McGregor, wie ein mutmaßliches Verbrechen eine Dorfgemeinschaft unumkehrbar verändert.

Jon McGregor
Speicher 13

Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Liebeskind Verlag, München 2018
352 Seiten
22 Euro.

Verschwunden

"Der Hubschrauber war die ganze Nacht unterwegs gewesen und hatte nichts gefunden, obwohl er die Suchscheinwerfer über das Heidekraut und die anschwellenden braunen Bäche wandern ließ. Das hatte Jacksons Schafe so verschreckt, dass sie durch ein kaputtes Gatter ausgebrochen waren, und Jackson war die ganze Zeit unterwegs gewesen, um die versprengten Tiere wieder zusammenzutreiben."

Das Verschwinden der 13-jährigen Rebecca Shaw, die mit ihren Eltern den Jahreswechsel in einem mittelenglischen Dorf verbringt, und eines Abends von einem Spaziergang nicht mehr zurückkehrt, macht mit seinen Auswirkungen nicht nur die Tiere auf den Weiden und in den Ställen der dörflichen Gemeinde verrückt; das ganze Dorf wird mit dem Auftauchen der polizeilichen Suchtrupps jäh aus seiner bukolischen Lethargie gerissen. Und es werden im Folgenden lange dreizehn Jahre des Wartens vergehen, die der Chronist der Ereignisse in Bildern von hypnotischer Langsamkeit vor uns ablaufen lässt. Jahre des quälenden Hoffens, dass der „Fall Rebecca“ doch noch gelöst – oder aber endlich zu den Akten gelegt werden kann. Denn nichts ist in dem Ort seit dem Verschwinden des Mädchens noch so, wie es einmal war. Und genau das ist es, was der 1976 auf den Bermudas geborene Jon McGregor in seinem ebenso ungewöhnlichen wie faszinierenden Roman „Speicher 13“ beschreibt: Eine Dorfgemeinschaft unter kollektiver, nicht enden wollender Paralyse.

"Als sie zum letzten Mal gesehen wurde, trug sie einen weißen Kapuzenpullover, mit einer marineblaunen Daunenweste darüber. Die Öffentlichkeit wurde zur Mitarbeit aufgerufen. Falls man eine Person sah, auf welche diese Beschreibung zutraf, sollte man sich melden."

Ein Dorf im Ausnahmezustand

Jon McGregor

Jon McGregor

Geschickt inszeniert McGregor die Eröffnung seiner literarischen Langzeitstudie über ein Dorf im Ausnahmezustand in der Manier eines klassischen Kriminalromans. Doch schon bald wird klar, dass es dem Erzähler nicht wirklich um die Auflösung des Falles geht, sondern vielmehr um das, was das Verschwinden des Mädchens mit jenen macht, die darüber plötzlich mit ihrer ganzen Existenz auf sich selbst zurückgeworfen werden: Die Eltern des Mädchens. Die Pastorin des Ortes Janes Hughes, die mit immer neuen Erklärungen das Unerklärliche zu fassen sucht. Und auch all die anderen, deren Leben unter den Augen der über Monate hinweg im Dorf anwesenden, überall nach Hinweisen fahndenden Polizeibeamten plötzlich etwas schmerzhaft Öffentliches bekommen.

Das Resultat ist eine Geschichte der total gewordenen Unsicherheit - verdichtet in der Beschreibung eines quälenden Wartezustandes, dem jeder im Dorf auf seine Weise zu entrinnen sucht.

"Die Pastorin, Janes Hughes, sagte, sie hoffe, niemand erwarte Antworten von ihr. In dieser Situation, in der wir uns heute befinden, gibt es keinen Trost. Für die Eltern des Mädchens gibt es keinen Trost. Und auch für die Angehörigen, die ins Dorf gekommen sind, um ihnen zu helfen, gibt es keinen Trost. Wir können nur darauf hoffen, dass wir in schwierigen Zeiten wie diesen Gott mitten unter uns antreffen werden."

Wie Gespenster

Doch diesen frommen Wunsch erfüllt Jon McGregor, der seine Figuren wie Reptilien in einem dauerbeleuchteten Terrarium ausstellt, seinen trostlosen Heilssuchern nicht, ebenso wenig wie jenen, dass die Leiche des Mädchens gefunden wird, die Ermittlungen eingestellt werden - und endlich die alte Ruhe in das Dorf zurückkehrt.

Wie Gespenster irren die Zurückgebliebenen durch die unwirtliche Seelandschaft,- getrieben von der schwindenden Hoffnung, Rebecca doch noch aufzuspüren. Und obwohl schon bald klar ist, dass die Geschichte nicht wie von allen erhofft endet, gelingt es McGregor doch, deren Auflösung bis zum Schluss offen zu halten.

Epische Spannung

In 13 Kapiteln über 13 Jahren hinweg wird diese Geschichte erzählt- und sie allem voran von der epischen Spannung, die ihr Schöpfer zu erzeugen vermag. Er tut es, indem er die Geschehnisse und einzelnen Lebensverläufe minutiös aus der Vogelperspektive betrachtet und beschreibt. Seismographisch registriert und benennt dieser Erzähler selbst scheinbar kleinste Details oder Vorkommnisse als Teil seiner alle und alles einbeziehenden Geschichte. Das verleiht ihr einerseits etwas Dokumentarisches, Polizeibericht-Artiges – hält das Ganze zugleich aber faszinierend in der Schwebe.

"Auf eine Woche Regen folgten noch einmal warme, freundliche Tage. Und die Parzellen im Gemeinschaftsgarten verwandelten sich in einen Urwald. Wiesenkerbel und Brennnesseln wucherten und die Ackerwinde trompetete in jeder Hecke. Aus den Häusern fiel warmes Licht, und am Marktplatz drangen Stimmen aus dem Pub. Autotüren wurden zugeknallt und jemand rief Gute Nacht.
Die Speicher trugen stumpfes, metallisches Grau."

Stand: 21.08.2018, 06:05