Joe Hagan - Sticky Fingers. Wie Jann Wenner und der Rolling Stone Musikgeschichte geschrieben haben.

Joe Hagan: Sticky Fingers. Wie Jann Wenner und der Rolling Stone Musikgeschichte geschrieben haben.

Joe Hagan - Sticky Fingers. Wie Jann Wenner und der Rolling Stone Musikgeschichte geschrieben haben.

Von Udo Feist

Im Auftrag der Imagemaschinen: Joe Hagan dokumentiert detailliert die Erfolgsgeschichte des Musikjournals Rolling Stone.

Joe Hagan
Sticky Fingers. Wie Jann Wenner und der Rolling Stone Musikgeschichte geschrieben haben.
Aus dem Englischen von Friederike Moldenhauer
Rowohlt Verlag: Hamburg 2018
671 Seiten
28 Euro

The Rolling Stone Magazine

Es ist so ähnlich wie mit dem Evangelium: Jesus verkündete das Reich Gottes, gekommen ist die Kirche. Die US-Musikzeitschrift Rolling Stone begann als quirliges Sprachrohr der Gegenkultur in San Francisco. Frech, engagiert, mitteilungsfreudig, von den psychedelischen Idealen der Epoche befeuert. Nach dem Monterey Pop Festival 1967 erschien die erste Ausgabe. Das Blatt setzte rasch neue publizistische Maßstäbe und wurde zur Institution – sprich: Establishment. Rolling Stone-Gründer Jann Wenner war damals 21 und einer jener Babyboomer, die zu Rock und Drogen ein neues Zeitalter heraufkommen wähnten. Erst Chefredakteur, dann Herausgeber - später ein Medienmogul.

"Sollte Jann Wenner eine wirklich gute Idee gehabt haben, dann bestand diese darin, dass die "Sixties" eine mythische Zeit gewesen seien. Die Wirkmacht dieser Idee war nachhaltig: Die Sechziger wurden endlos von seiner Generation glorifiziert und zum Fetisch erhoben mit Platten und Büchern, TV-Shows und Filmen, T-Shirts und Postern, ohne Ende und für immer und ewig, Amen. Die sechziger Jahre mit ihrem Idealismus, ihrem Innersten, waren ein Geschäft."

Über 100 Stunden Gespräche

Der Mitgründer und Herausgeber des Magazins "Rolling Stone", Jann Wenner, im Jahr 2008

Jann Wenner

Wenner selbst gab die Biografie bei Joe Hagan in Auftrag - nach zwei unter krassen Misstönen gescheiterten Versuchen mit anderen Autoren. Vertraglich ließ sich Hagan Unabhängigkeit zusichern. Über 100 Stunden Gespräche mit Wenner zeichnete Hagan auf, hatte Zugang zu dessen Privatarchiven und führte 235 Interviews mit Musikern, Blatt-Mitarbeitern, Freunden und Liebhabern. Er beschreibt ein Leben am Herzen der Macho-Branche Musikindustrie. Daher auch der Titel: Sticky Fingers - Klebrige Finger. Hagan gelingt ein umfassendes Bild: Detailreich, anschaulich, unterhaltsam, oft süffisant – mit Schwerpunkt auf den frühen Jahren.

"In der Zeitung wurden Gedichte von Richard Brautigan und Allen Ginsberg abgedruckt; Geschichten drehten sich um den Comiczeichner Robert Crumb und den Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein. Neben Interviews mit Miles Davis und Tiny Tim gehörten Kritiken neuer LPs von Musikern wie Joni Mitchell ("eine Rotblonde mit einer Vanille-Stimme") oder Sly Stone ("Die gewagteste Soul-Musik von 1968") dazu. Im Rolling Stone wurde jedes unbedachte Ähm und Uh von Frank Zappa und Jim Morrison protokolliert. Kein Schluckauf von John Lennon und Yoko Ono blieb der Öffentlichkeit verborgen."

Publizistische Macht

Mick Jagger vor dem Band-Logo

Mick Jagger

Wenner suchte stets die Nähe zu den Großen. Lennons Vertrauen missbrauchte er, weil er darin einen Vorteil sah. Der redete kein Wort mehr mit ihm. Nach Lennons Ermordung schwang Wenner sich dennoch zum emsigen Hüter der Legende vom eigentlichen Kopf der Beatles auf. Seine publizistische Macht erlaubte ihm das: Sein Blatt war imageprägend, der Platz auf dem Cover begehrt. Mick Jagger von den Rolling Stones war besonders oft dort zu sehen. Er und Wenner verstanden sich blendend, beide achten knallhart auf das Geschäft. Bob Dylan übrigens hielt stets Distanz. Als der Rolling Stone in den 80er Jahren die Millionenauflage überschritt, ließ Wenner von Finanzberatern die Besitzverhältnisse neu ordnen.

"Nach dem Aktienrückkauf startete Wenner eine umfangreiche Werbekampagne, um die Auflagenhöhe maximal auszuschlachten. Die einfache Message: Die Leser des Rolling Stone waren keine kiffenden Hippies mehr, sondern eher statusorientierte Yuppies wie Jann Wenner, die nach Geld und Sportwagen griffen. Auf der linken Seite stand ein fransentragender Hippie, auf der rechten ein mit Aktentasche bewaffneter Geschäftsmann. Das war Jann Wenners wahres Coming-out."

Der Stoff, den die Massen lieben

Mit solch unverfrorenem Pragmatismus hatte er Erfolg. Zu seinem nach New York umgezogenen Medienunternehmen gehörten bald auch Familien-, Outdoor- und Männerzeitschriften sowie das Promi-Klatsch-Blatt Us Weekly mit 90 Millionen Dollar Jahresgewinn. Us Weekly ging den Jetset, zu dem Wenner nun auch gehörte, aggressiv an. Es brachte den Stoff, den die Massen lieben, und war vom Tratsch-Touch des Rolling Stone gar nicht mal so verschieden. Dennoch sind Wenners Leistungen und die des Rolling Stone beachtlich, wie Hagan versiert erzählt. Das Blatt setzte nicht nur seine Ikonen in Szene, es brachte auch selbst Stars hervor, die Fotografin Annie Leibovitz etwa und den legendären Hunter S. Thompson, dessen subjektiver Gonzo-Journalismus 1972 mit "Fear and Loathing in Las Vegas" ein Triumph der Frechheit war, erstgedruckt im Rolling Stone. Sein erheiternder Ansatz:

"Wenn die Bullen in Vegas für eine Drogen-Konferenz auf höchster Ebene zusammentrafen, hatten wir das Gefühl, auch die Drogenkultur sollte dort repräsentiert sein."

Begeisterung für die Sache

Joe Hagan

Joe Hagan

Hagan zitiert genüsslich Details dieses literarischen Furors. Die Mischung von Stories und Anekdoten mit Analysen vor großem chronologischen Aufriss macht die üppigen Sticky Fingers denn auch zur vergnüglichen Lektüre. Ein Psychogramm von Wenner und seiner Epoche, das das einträgliche Kungeln der Imagemaschine Rolling Stone mit der Musikindustrie deutlich zeigt. Doch die herrlich respektlosen journalistischen Verdienste des Blattes diskreditiert Hagan ebenso wenig wie Jann Wenners eigennützige Begeisterung für die Sache, die stets verlegerischen Riecher mit Geschäftssinn verband. Die Essenz des Buches komprimiert Hagan bereits im 20-seitigen Prolog, aber:

Die Gesamtlektüre lohnt. Immerhin: Seit Erscheinen des Originals zum 50-Jährigen des Rolling Stone in den USA redet Wenner nicht mehr mit dem Autor. Und klar, statt des Reiches Gottes kam die Kirche – doch wer dächte ohne sie noch an das Evangelium?

Joe Hagan - Sticky Fingers

WDR 3 Buchrezension | 13.04.2018 | 06:05 Min.

Download

Stand: 11.04.2018, 14:22