"Der rote Jaguar" von Miljenko Jergović

Buchcover: "Der rote Jaguar" von Miljenko Jergović

"Der rote Jaguar" von Miljenko Jergović

In Miljenko Jergović' neuem Roman erwachen die Gespenster des Nationalismus im früheren Jugoslawien zu neuem, grausamem Leben. Eine Rezension von Andreas Wirthensohn.

Miljenko Jergović: Der rote Jaguar
Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert.
Schöffling & Co., 2021.
191 Seiten, 22 Euro.

"Der rote Jaguar" von Miljenko Jergović

Lesestoff – neue Bücher 24.11.2021 05:20 Min. Verfügbar bis 24.11.2022 WDR Online Von Thilo Jahn


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Fußball und Krieg

Der Fußball nimmt gerne für sich in Anspruch, im Sinne der Völkerverständigung zu wirken. Frei nach dem Motto: Wer sich auf dem Platz beharkt, muss keine Kriege führen.

Dass allzu oft das genaue Gegenteil der Fall ist und Fußballländerspiele Wogen des Nationalismus entfachen, wissen wir nicht erst seit dem legendären Fußballkrieg, der 1969 zwischen Honduras und El Salvador ausbrach und der vom größten aller literarischen Reporter, dem Polen Ryszard Kapuściński, auf meisterhafte Weise beschrieben wurde.

Einstige Widersacher treffen aufeinander

Wie aus einem Fußballmatch echte Gewalt entstehen kann, schildert auch Miljenko Jergović in seinem neuen Roman. Er spielt irgendwann in einer nicht näher bezeichneten Zukunft, aber diese Zukunft könnte jederzeit, auch schon morgen sein.

Jedenfalls tragen Serbien und Kroatien, die einstigen Widersacher im Jugoslawienkonflikt, ein WM-Qualifikationsspiel gegeneinander aus, und schon vor dem Anpfiff brodelt es in beiden Ländern. Eigentlich geht es um nichts mehr.

"Trotzdem wurde das Match von beiden Seiten mit einer solchen Spannung erwartet, als würde es über Würde und Ehre, wenn nicht gar über das Schicksal beider Länder und ihrer Bewohner entscheiden. So ist das im Sport, besonders im Fußball, wenn Spieler aus diesen beiden Ländern aufeinandertreffen. Jeder Wettkampf ist für sie in ihrer unstillbaren, allgegenwärtigen Sehnsucht nach Krieg – ein Kampf."

Mit der Heimat abschließen

Während das Spiel läuft, treffen auf tragische Weise zwei Lebenslinien aufeinander. Da ist zum einen das serbische Ehepaar Zoran und Borka, das schon lange in Wien lebt und alles tut, um die eigene jugoslawische Vergangenheit zu vergessen.

Trotzdem will Zoran noch einmal zurück in seine Heimatstadt Sarajewo, wenn auch nur, um sicherzugehen, dass ihn nichts mehr mit ihr und seiner Herkunft verbindet. Seine Frau kommt mit, und so sind sie gemeinsam im titelgebenden roten Jaguar unterwegs, als es zu einem verhängnisvollen Unfall kommt.

Der Krieg schwelt in den Herzen

Da ist zum anderen Herkul, der behinderte Sohn des glühenden kroatischen Nationalisten Ante Gavran, der ihnen vors Auto läuft und tot oder zumindest schwer verletzt ist (Genaues erfahren wir erst ganz am Ende). Was folgt, ist eine Explosion der Gewalt und des Hasses, die offenbar nur einen Anlass brauchten, um sich Bahn zu brechen. Der Krieg im früheren Jugoslawien mag zu Ende sein, in den Herzen der Menschen schwelt er noch immer weiter.

"Nichts konnte den unerbittlichen Gang der Ereignisse aufhalten. Schon war geschehen, was noch nicht einmal begonnen hatte. Vor uns öffnet sich die Hölle."

Das richtige und das falsche Leben

Miljenko Jergović erzählt seine düstere Utopie in drei Teilen. Die beiden ersten vermitteln uns die Lebensgeschichten der Protagonisten, deren Schicksale sich im bosnischen Dorf Briznik kreuzen. Und sie machen auf eindringliche Weise deutlich, dass der ethnische Konflikt, der den Vielvölkerstaat Jugoslawien zerstörte, jedes dieser Leben unweigerlich bestimmt.

Selbst Zoran und seine Frau, die ihren Kindern bewusst österreichische Namen geben und niemals auch nur ein Wort Serbokroatisch mit ihnen gesprochen haben, werden von außen immer wieder auf ihr Serbentum reduziert. Das für sie richtige Leben in Wien wird ständig überschattet vom falschen Leben der ethnischen Zuschreibung. Und auch der Kroate Ante Gavran führt lange ein unscheinbares Leben als Heizer, bis er sein Herz für die kroatische Sache entdeckt.

"Der Krieg hat alles verändert. Ich begann darüber nachzudenken. wer und was ich bin und wieso alles so gekommen ist. So begriff ich, dass ich an den Boden gefesselt bin, eben weil ich Kroate bin. Und das ist letztlich das, was ich mit meinem Volk teile. (…) Es ist einfacher, wenn man an die Existenz einer gewissen Ordnung glaubt und einen Sinn in allem sieht."

Vom Autounfall zum Pogrom

Im dritten Teil inszeniert Jergović die Eskalation der Ereignisse als einen rasenden Taumel, der durch die sozialen Medien und Unmengen an Fake News befeuert wird. Aus dem Autounfall wird ein schreckliches Pogrom, dem Dutzende Menschen zum Opfer fallen – einfach weil sie der falschen ethnischen Gruppe angehören.

Das ist mitunter etwas dick aufgetragen, Platz für Zwischentöne oder Nuancierungen bleibt hier nicht mehr, aber so ist das vermutlich, wenn der Mob regiert.

Wenn es der Kunst die Sprache verschlägt

"Der rote Jaguar" ist ein bitterböses Buch geworden, eine gnadenlose Abrechnung mit dem kroatischen Nationalismus und der unseligen Rolle, die der Katholizismus dabei spielt. Dass der Zorn des Autors vor allem im letzten Teil deutlich zu spüren ist, nimmt diesem Roman leider ein wenig von seiner literarischen Kraft. Aber im Angesicht des nationalistischen Furors muss es wohl auch der Kunst die Sprache verschlagen.

Stand: 17.11.2021, 14:45