Jennifer Clement - Gun Love

Jennifer Clement - Gun Love

Jennifer Clement - Gun Love

Von Peter Henning

So erbarmungslos schreiben nur Frauen: Jennifer Clements Ballade "Gun Love" führt in die Border Region an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.

Jennifer Clement
Gun Love

Aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai Schweder-Schreiner
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
252 Seiten
22 Euro

Trailerpark Trash

Über dem Trailerpark im Putnam County, unweit der amerikanisch-mexikanischen Grenze, liegt alle Tage ein beißender Müllgestank. Und hier zu leben heißt: keine Dusche, keine Küche und kein richtiges Bett. Doch die junge Pearl und ihre Mutter Margot kennen es nicht anders: seit nunmehr vierzehn Jahren hausen die beiden gemeinsam dort in einem heruntergekommenen Mercury Topaz Automatik, der früher einmal rot war - und inzwischen mit mehreren Schichten weißer Farbe übertüncht ist. Der Vordersitz ist Pearls Reich, nämlich Bett und Spielzimmer, während ihre Mutter auf dem Rücksitz schläft. Der Kofferraum dient ihnen als Kühl- und Kleiderschrank – und das Waschzeug liegt im Handschuhfach. Das Leben der beiden folgt den rauen Gesetzen der Trailerpark-Gemeinde, die sich aus Aussteigern, Verlierern, kleinen Dealern und sinistren Waffenschiebern rekrutiert.

"Der Park lag in Putnam County. Das Gelände war gerodet worden, so dass mindestens fünfzehn Wohnwagen draufpassten. Hinter ein paar Bäumen lag die Müllkippe der Stadt. Wir atmeten den ganzen Müll ein. Gase von Rost und Verwesung, korrodierte Batterien, faulendes Essen, tödliche Krankenhausabfälle, Medikamentendämpfe und Schwaden von Reinigungschemikalien. Meine Mutter hatte Recht. In unserem Teil von Florida lief alles durcheinander. Das Leben war wie ein Fuß am falschen Fuß."

Geh raus spielen

Jennifer Clement

Jennifer Clement

Jennifer Clement, 1960 in Greenwich, Connecticut geboren und in Mexiko-Stadt aufgewachsen, erzählt in ihrem zweiten, auf Deutsch vorliegenden Roman die Geschichte von Menschen, die aufgehört haben, an irdische Gerechtigkeit zu glauben. Ihr Alltag am schwärenden Rand der US-Gesellschaft ist ein mehr oder weniger aussichtsloses Festsitzen im Dreck. Und jeden Moment kann die Stimmung im Indian-Waters-Trailerpark kippen, wo der Gebrauch von Schusswaffen so alltäglich ist wie das Einatmen müssen der beißenden Müllgeruchschwaden.

Trotzdem setzt Margot alles daran, ihrer Tochter den Glauben an eine Zukunft zu geben, die sich dereinst fern der alltäglichen Schießübungen, des Krawalls und der nächtlichen Polizeieinsätze abspielen wird. Und lange bilden Margot und Pearl vor diesem Hintergrund ein verschworenes, unzertrennliches Gespann. Doch dann tritt der skrupellose Waffennarr Eli in Margots Leben – und Pearl muss hilflos mitansehen, wie Eli sich zwischen sie stellt und ihre Mutter ihr darüber mehr und mehr entgleitet:

"Er warf mich einfach raus aus dem Wagen. Er stellte seine texanischen Cowboystiefel neben dem linken Vorderrad ab. Geh raus spielen. Raus mit dir. Such dir was, womit du dich beschäftigen kannst. Na los, raus, sagte meine Mutter. Während ich auf der einen Seite ausstieg, schlüpfte Eli auf der anderen rein. Und immer gleich auf die Rückbank, als wäre es sein Bett. Inzwischen roch es im Mercury sogar nach ihm, wenn er nicht da war.
Geh raus spielen, sagte meine Mutter.
Also verschwand ich und lief über den Platz, aber eigentlich wusste ich nicht, wohin."

Eine unvergessliche Ballade

In ihrem Roman "Gebete für die Vermissten", dessen Hintergründe sie im mexikanischen Guerrero recherchierte, wo Drogen- und Menschenhandel zum Alltag gehört, hatte Jennifer Clement 2015 ungeschminkt die Schicksale von jungen Frauen geschildert, die verschleppt werden. "Gun Love" dagegen erweist sich als unvergessliche Ballade über das prekäre Glück im Kleinen und wie es plötzlich zerbricht. Denn als Margot von einem geistig verwirrten Streuner mit zwanzig Kugeln niedergestreckt wird und stirbt, stürzt Pearls kleine, ohnehin mehr als fragile Lebenskonstruktion in sich zusammen. Getrieben von dem Verlangen, das Erlebte hinter sich zu lassen, verschlägt es das Mädchen auf eine sentimentale Reise in einem Greybound-Bus quer durch die USA. An deren Ende aber kehrt sie noch einmal in den Trailerpark in Putnam County zurück: an den Ort, an dem ihr Leben zerbrach.

Ähnlich wie der ungekrönte Königs des sogenannten "White Trash"-Romans, Daniel Woodrell, der das bedrohte Werden und oft qualvolle Vergehen in der Welt der Trailer-Parks wie kein anderer vor ihm beschrieb, beschwört auch Jennifer Clement in ihrem expressiven Romanbastard eine Welt, in der sich eine nicht zu kontrollierende Gewalt immer wieder jäh bahnbricht. Sie tut es in Form von Episoden von kaum überbietbaren Schrecken, und verdichtet in Bildern, deren ruppige, ungezähmte Wildheit zum Schönsten und Packendsten zählt was die derzeitige US-Literatur zu bieten hat.
Das Resultat ist ein Roman wie der Plot zu einem Film des mexikanischen Kino-Berserkers Alejandro González Inárritu. Neongrell wie die Leuchtstoffröhren, die über den Eingängen der verwitterten Trailer flackern, erzählt er von Existenzen, die trotz allem so unverwüstlich scheinen wie die Prärierosen, die vereinzelt im Schutt dahinter blühen.

Jennifer Clement: "Gun Love"

WDR 3 Buchrezension | 08.01.2019 | 04:56 Min.

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Stand: 06.01.2019, 16:42