Jean Stafford - Die Berglöwin

Jean Stafford - Die Berglöwin

Jean Stafford - Die Berglöwin

Von Manuela Reichart

Wie aus unzertrennlichen Geschwistern Erwachsene werden - Mit mitleidlosem Blick erzählt Jean Stafford vom Ende einer Kindheit im Süden der USA.

Im Zentrum des Romans steht ein Geschwisterpaar.

Der Junge und das Mädchen sind anders als ihre hübschen älteren Schwestern, als ihre Mutter, die auf Höflichkeit und Anstandsregeln wert legt. Sie ist lange schon Witwe, keines ihrer vier Kinder kann sich an den Vater erinnern, und niemand kann sich einen Reim auf die symbiotisch aneinander hängenden Jüngsten machen.

"Es gab Zeiten, da fürchtete Mrs. Fawcett um den Verstand ihrer beiden jüngeren Kinder: Ihr Wesen zeigte so kalte Entschlossenheit, dass sie bei dem Gedanken zitterte, was sie tun mochten, wenn man ihnen in einer Sache entgegentrat, die ihnen sehr am Herzen lag. Woher mochte dieser Charakterzug stammen, sicher nicht von ihrer Seite der Familie, und auch wenn Mr. Fawcett keineswegs ein Weichling gewesen war, so war er doch sehr sanftmütig und hatte auch immer die Gegenseite eines Arguments sehen können."

Jean Stafford - "Die Berglöwin"

WDR 3 Buchkritik 10.03.2020 05:20 Min. Verfügbar bis 10.03.2021 WDR 3

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Sanftmütig und einsichtig sind Molly und Ralph wirklich nicht.

Sie gleichen im ersten Teil des Romans einer uneinnehmbaren Festung. Sie sind einander in unverbrüchlicher Liebe zugetan. Sie sind frech und vorlaut, machen alles gemeinsam, spielen, denken, träumen miteinander – und betrachten die Erwachsenen wie eine Sorte ziemlich ekelhafter Insekten. Sie haben keine Freunde, sie sind Brillenträger und ohne jede kindliche Anmut. Eine Spur von Eifersucht gibt es nur, als der geliebte Großvater wie jedes Jahr ins Haus kommt. Dessen plötzlicher Tod wird die erste einschneidende Erfahrung der beiden kleinen Außenseiter sein. Beim Leichenschmaus beschreibt die Autorin die Erwachsenen mit genauem Blick tatsächlich als ziemlich grässliche Wesen: da demütigt der Pfarrer den Sohn des Verstorbenen etwa durch lächerliche Bildungsprotzerei und die Mutter plappert oberflächlich über jede Peinlichkeit hinweg. Allein die beiden Kinder durchbrechen die Konventionen. Sie sind wohl auch die Einzigen, die den Verstorbenen geliebt haben.
Jean Stafford erzählt von einer eher traurigen Zeit zweier Kinder zwischen Kalifornien, wo sie mit der Mutter und den Schwestern leben, und Colorado, wo sie auf der Farm ihres Onkels viel Zeit verbringen.

"Manchmal sind ihre Erinnerungen verworren, sodass sie nicht ganz sicher sind, was für Bücher sie jeweils in den getrennten Haushalten gelesen, welche Ideen sie aufgeschnappt, welche Geräusche und Formen sie wahrgenommen haben. Ihre Beziehung untereinander war ebenso eine zweigeteilte. Auf der Ranch beachteten sie einander kaum, in Covina aber, allein mit ihrer Mutter, da Leah und Rachel jetzt auf ein Internat gingen, waren sie noch immer enge Freunde."

Für den Rest ihres Lebens

Wie sich das plötzlich ändert, wie aus einem unverbrüchlichen Geschwisterpaar zwei Menschen werden, die sich nicht mehr mögen, deren gemeinsame Kindheit plötzlich nichts mehr zählt, das steht im Mittelpunkt der Geschichte, die nicht wertet, sich nicht auf die eine oder die andere Seite schlägt.
Bei Molly entsteht –verursacht durch den Einbruch der Pubertät des Jungen und einen frevelhaften Satz im zweiten Teil des Romans jedenfalls ein unbändiger Hass auf den Bruder.

"Sie gelobte mehrmals und hob dabei den rechten Arm aus dem Wasser, Ralph Fawcett für den Rest ihres Lebens zu hassen. Sie war sich noch nicht sicher, wie sie ihm zeigen würde, dass sie seine Feindin auf ewig war, aber es eilte ja nicht. Vorerst konnte sie einfach hier in der Wanne liegen, sicher hinter einer verschlossenen Tür und über das nachdenken, was er getan hatte."

Die Liste der Unverzeihlichen

Jean Stafford entwirft psychologisch genau und mit einer ungewöhnlichen literarischen Mischung aus Distanz und Nähe das Porträt eines seltsamen Mädchens, das einem nicht besonders ans Herz wächst. Weil es wirklich eigenartig und selbstbezogen ist, sich nicht um andere schert und eine endlose "Liste der Unverzeihlichen" führt, auf der fast alle ihr nahestehenden Menschen verzeichnet sind. Schließlich eben auch ihr Bruder. Und auch diesem Jungen, der fürchtet, seine Schwester könne vielleicht doch einfach nur verrückt sein, der sich von seiner erwachenden Körperlichkeit beunruhigt und bedroht fühlt, beschreibt die Autorin mit einem mitleidlos-genauen Blick: wie sich das Leben vom Kind zum Heranwachsenden von einem Augenblick zum anderen ändert, wie die Verwirrung der Gefühle von Ralph Besitz ergreift, wie sich die Vorlieben und Wünsche ändern, ohne dass er versteht, warum das so ist.

Das Ende in diesem - nicht zuletzt auch durch wunderbare Naturbeschreibungen -faszinierenden Romans ist dann so überraschend und gewalttätig, dass man sich die Augen reibt. Der letzte Satz gehört hier der uralten farbigen Köchin, die weder für den Jungen noch für das Mädchen je Sympathie aufgebracht hat, die von den Kindern nicht als gleichwertiger Mensch betrachtet wurde. Sie benutzt– im Nachwort wird das ausführlich erklärt – jene Zuschreibung, mit der die schwarzen Sklaven des Südens die unteren weißen Schichten bezeichnet hatten.

"O mein Gott! Das arme , kleine bisschen weißer Abschaum."

Stand: 09.03.2020, 15:30