Drago Jančar - Wenn die Liebe ruht

Drago Jančar - Wenn die Liebe ruht

Drago Jančar - Wenn die Liebe ruht

Von Terry Albrecht

In einem herausragenden Roman erzählt Drago Jančar von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs in Slowenien.

Drago Jančar
Wenn die Liebe ruht

Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut
Zsolnay, Wien 2019
384 Seiten
24 Euro

Drago Jančar: "Wenn die Liebe ruht"

WDR 3 Buchkritik 14.01.2020 05:03 Min. Verfügbar bis 13.01.2021 WDR 3

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Zwischen den Mühlsteinen der Geschichte

Im letzten Weltkriegsjahr, 1944 beginnt Drago Jančars Roman "Wenn die Liebe ruht". Damit knüpft der slowenische Chronist thematisch an frühere Romane und Erzählungen an. Die Frage, die Jančar auch in seinem neuen Roman stellt, lautet:

Was passiert, wenn das zerbrechliche menschliche Schicksal beginnt, zwischen den Mühlsteinen der Geschichte zermalmt zu werden?

Eine alte Fotografie aus Maribor gab Jančar den Anstoß für den Roman. Den Auftakt bildet eine zunächst unscheinbar wirkende Straßenszene.

"Auf der Fotografie, die von einem unbekannten Fotografen aufgenommen wurde, sind zwei schlanke junge Mädchen zu sehen. Hier ein Mann mit einem Fahrrad, der mit jemandem plaudert. In der unteren Ecke rechts, geht ein Mann in Uniform. Er trägt schwarze Stiefel, einen grauen Militärrock, am Gurt eine Pistole. Das idyllische Bild eines ruhigen frühherbstlichen Vormittags in einer Straße von Maribor schlägt im Nu in eine Atmosphäre unsichtbarer Angespanntheit um: Woher kommt er, wohin marschiert dieser unbekannte SS-Mann?"

Eine Geschichte von Liebe, Gewalt, Mord und dem Kampf ums Überleben

Diese auf dem Buchcover abgedruckte Straßenszene setzt eine komplexe Geschichte von Liebe, Gewalt, Mord und dem Kampf ums Überleben in Gang. Der Erzähler erfüllt das Foto mit Leben. Das eine der beiden abgebildeten Mädchen ist die Medizinstudentin Sonja. Sie erkennt in dem SS-Offizier den Mann wieder, den ihr Vater einst ärztlich behandelt und auf dessen Schoß sie als Kind im Schnee gesessen hat. Damals trug er noch den slowenischen Namen Ludek. Jetzt nennt er sich deutsch: Ludwig. Sonja spricht ihn an. Sie trotz den inneren Widerständen es zu tun, denn sie möchte, dass er sich für ihren inhaftierten Freund einsetzt. Valentin, Hochschullehrer und Ingenieur für Geodäsie, soll angeblich ein Partisan sein, der gegen die deutsche Wehrmacht kämpft. Für seinen Einsatz, Valentin frei zu lassen, stellt der schmierige Ludwig der attraktiven Sonja Bedingungen. Valentins Körper ist von der Folter im Gefängnis entstellt. Kalt wird er von Ludwig, der dafür mitverantwortlich ist, in seiner Zelle inspiziert.

"Drinnen ging das Licht an. Er sah die Gestalt, die wie zu einer Falte zusammengekrümmt, mit den Knien fast bis zum Kinn, auf der Pritsche lag. Der Mann sprang auf und ging in Halbachtstellung, reglos starrte er die Luke in der Tür an. Eine jämmerliche Erscheinung. [...] Und für diese Kreatur, die wie ein aufgescheuchter Hase dreinschaut, [...] ist dieses schöne Mädchen bereit, seine Ehre aufs Spiel zu setzen?"

Sonjas Opfer ist umsonst.

Drago Jančar

Drago Jančar

Ihre Liebe zu Valentin bleibt unerfüllt. Drago Jančar, der selbst für ein Jahr in einem jugoslawischen Gefängnis war, wegen "feindlicher Propaganda", schreibt mit einer Genauigkeit in der Sprache eines Chronisten, dessen sachliche Kühle in der Beschreibung von Folter und Mord schwer für den Leser zu ertragen ist, aber die Unbarmherzigkeit des Krieges sehr deutlich werden lässt. Krieg bedeutet Kriegswillkür und die Zerstörung der Physis und Psyche des Menschen. Valentin kommt frei und geht zu den Partisanen, die sehr effektvoll am Ende des Krieges gegen die deutsche Wehrmacht ankämpfen und sich in die Wälder des Slovenske Gorice um Maribor zurückziehen.

Der Zivilist Valentin wird zu einem Kämpfer gegen die Nationalsozialisten. Drago Jančar macht die Wandlung Valentins, sein Abstumpfen, ja selbst sein Töten um zu überleben sehr deutlich. Auch der Kampf der Partisanen war nicht nur heldenhaft. Es herrschte Misstrauen untereinander, gerade am Ende der Besatzungszeit der Nationalsozialisten. So muss sich Valentin mehrfach beweisen und zeigen, dass er nicht mit ihnen kollaboriert hat, obwohl sie ihn unüblicher Weise freigelassen und nicht hingerichtet haben. Sonja gerät ebenfalls in die Gewaltspirale. Nach Valentins Befreiung wird sie denunziert und in ein Lager deportiert.

Der "blutrote Himmel über Slowenien"

Drago Jančars herausragender Roman verläuft an einer der entscheidendsten Schnittstellen in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts: dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem sich bereits abzeichnenden Konflikt zwischen Ost und West. Viele Menschen, wenn sie wenn sie Glück hatten und den Krieg überlebten, waren gebrochen, traumatisiert,. Im zweiten Teil des Romans "Wenn die Liebe ruht" erzählt Jančar, wie wenig Kraft die Überlebenden hatten, in ein ziviles Leben zurückzukehren. Und, wie wenig Idealismus bei ihnen vorhanden war, ein neues sozialistisches System unter Tito im Vielvölkerstaat Jugoslawien mit aufzubauen. Es ist der "blutrote Himmel über Slowenien", unter dem die Liebe ruht und das Hineinragen dieser Zeit in die des aufkommenden Kalten Krieges, in der viele Wunden nicht heilen konnten.

Stand: 09.01.2020, 19:42