Jana Simon - Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert.

Jana Simon - Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert.

Jana Simon - Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert.

Von Sven Ahnert

Sechs Jahre hat Jana Simon die Leben von sechs Menschen aus Deutschland begleitet. In ihren Langzeitreportagen zeichnet sie das Bild einer verunsicherten Gesellschaft im Zeichen radikalen Wandels.

Jana Simon
Unter Druck
Wie Deutschland sich verändert

S. Fischer, Frankfurt a.M. 2019
336 Seiten
20 Euro

Alexander Gauland

Wie ein Leitmotiv durchzieht das nüchtern reportierende Buch die Begegnungen mit dem AfD-Politiker Alexander Gauland. Jana Simon kam Gauland sehr nahe, sah ihn als rasenden Redner und erlebte ihn als nachdenklichen Zweifler. Zum Vorschein kam auch der von Angela Merkels moderater Politik enttäuschte Konservative. Simon zeichnet Gauland als Intellektuellen aus der Zeitungsbranche, belesenen Historiker, der auch von seinen linken Kollegen geschätzt wurde. Spätestens mit der Flüchtlingskrise 2015 kam der Bruch. Gauland radikalisierte sich, verlor Freunde und bewegte sich fortan in den aufgeweichten Grenzgebieten zwischen ultrarechten Demagogen und einem verunsicherten bürgerlichen Lager. Mitunter verblüfft Gauland die Autorin mit seiner entwaffnenden Aufrichtigkeit, wenn er die Motive seiner zugespitzten Reden und Auftritte zu rechtfertigen versucht. Seiner Lebensgefährtin und Tochter gegenüber verteidigt er den ruppigen Populismus der AfD mit dem schlichten Satz:

"Dann sage ich ihnen, wenn wir es so sagen, wie ihr es möchtet, hört uns keiner!"

Bozena Block

Jana Simon

Jana Simon

Im starken Kontrast zu Gaulands Politikerleben stehen Simons Begegnungen mit der examinierten Krankenschwester Bozena Block, die in den 1980iger Jahren von Polen in die Bundesrepublik geflüchtet war und sich im „Westen“ ein neues Leben aufbaute. Es ist eine berührende Leidensgeschichte über sozialen Auf– und Abstieg, ein prägnantes Beispiel dafür, wie das deutsche Sozialsystem durch die 2015 eskalierende Migrationskrise unter Druck geriet.
In Jana Simons Reportagen erleben wir, wie Bozena Block die Geflüchteten nach kurzer Zeit schon als soziale Bedrohung wahrnimmt.

"Block konkurrierte nun mit ihnen um bezahlbare Sozialwohnungen. Und auf einmal fragte sie sich, warum sie und vor allem ihr ältester Sohn, der in Deutschland geboren und ausgebildet wurde, nicht besser behandelt würden. „Ich selbst bin Aussiedlerin, aber ich sehe, was alles für die Flüchtlinge getan wird. Und die hier Lebenden und Arbeitenden haben keine Möglichkeit, eine Wohnung zu bekommen.“ Es fühlte sich an wie: Neid."

Aus Protest

Ihre Erfahrungen mit dem globalisierten Kapitalismus, der auch das deutsche Gesundheitswesen in Teilen an seine Grenzen geführt hat, haben die alleinerziehende Mutter sämtlicher Illusionen beraubt – mit Konsequenzen auf dem Stimmzettel, wie Jana Simon festhält.

"Bei der Bundestagswahl 2017 hat sie Angela Merkel gewählt, weil die sich „für Frieden einsetzte“. Das findet Block gut. Zu Beginn war sie auch von Martin Schulz angetan. Dann hat sie gemerkt, der ist unsicher und setzt sich nicht durch. Also gab sie ihre Zweitstimme der AfD. "Aus Protest", sagt sie."

Jörg Asmussen

Zur Riege der Macher, die möglicherweise selbst viel Druck ausüben müssen, gehört der Finanzpolitiker und heutige Investmentbanker Jörg Asmussen. Er verhandelte für die Europäische Zentralbank die Bedingungen der Schuldenkrise in Griechenland aus. Als Mitglied der sogenannten Troika war Asmussen ein SPD-Politiker mit großen Machtbefugnissen. 2016 wechselte er zum Investmenthaus Lazard und berät nun Regierungen und Konzerne in globalen Finanzfragen. Von sozialdemokratischen Skrupeln ist bei Asmussen wenig zu spüren, allenfalls ein gewisses Unbehagen, dass die Möglichkeiten heutiger Politik kaum noch geeignet sind, soziale Probleme wirklich zu lösen. Jörg Asmussen zieht im Interview mit Jana Simon eine nüchterne Bilanz:

"Ich habe insgesamt das Gefühl, dass der Druck in der Gesellschaft zugenommen hat. Die Arbeitswelten polarisieren sich. Eine Gruppe arbeitet weniger, verdient schlecht und hat überhaupt keine Chance, nach oben zu gelangen. Eine zweite arbeitet viel, verdient aber trotzdem sehr schlecht. Und die dritte arbeitet mehr, ist sehr flexibel, ist aber Sklave eines globalen Netzwerkes."

Katrin und Jörn Reichenbach

Auch beim gut verdienendem Mittelstand herrscht Krisenstimmung. Katrin und Jörn Reichenbach zogen von Niedersachsen ins Schwabenland, um ihr familiäres Glück zu finden. Sie fanden es beim Automobilzulieferer Bosch, in einem Eigenheim nebst Kindern und der Aussicht auf ein sorgenfreies Leben. Dann kam der Diesel-Skandal und die Angst zog ein in das heile Leben der Reichenbachs. Mit einem Mal ist selbst eine Festanstellung bei Bosch kein Garant mehr dafür, einen Lebensabend in Wohlstand und Frieden verbringen zu können. In Simons Reportage erleben wir das Zerplatzen eines ökonomischen Lebensmodelles.

"Jörn Reichenbach verdient mehr als hunderttausend Euro im Jahr. Sein Gehalt wird vollkommen aufgebraucht. "Der Mittelstand ist sauer, weil das, was wir arbeiten und was wir uns leisten können in keinem Verhältnis mehr zueinander steht", sagt er."

Deutschland steht unter Druck.

Bröckelnde Gewissheiten, sozialer Aufruhr und der Niedergang der großen Volksparteien geben den Ton an in Jana Simons trübsinnig stimmenden Porträts. Ihre Reportagen sind Momentaufnahmen aus einem beschädigten Musterland der sozialen Marktwirtschaft, das nun im Spiegel der von Jana Simon protokollierten Schicksale nachvollziehbar in Bedrängnis gerät. Wie Globalisierung und Digitalisierung diese soziale Krise mit zu verantworten hätten, das kann man nur zwischen den Zeilen erahnen – Lösungsansätze oder empörte Parteilichkeit lässt die Autorin nicht zu. Dennoch spürt man, dass es sie schmerzt, wie sehr die Fundamente der Gesellschaft brüchig werden, und der soziale Frieden mehr und mehr ins Wanken gerät. Jana Simon gelingt es, diesen gesellschaftlichen Wandel in nuancierten Lebensbildern glaubwürdig, subjektiv zugespitzt, abzubilden.

Jana Simon: "Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert"

WDR 3 Buchrezension 28.06.2019 06:04 Min. WDR 3

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Stand: 27.06.2019, 12:59