Jan Wagner - Gold. Revue

Jan Wagner - Gold. Revue

Jan Wagner - Gold. Revue

Von Christel Wester

Gold. Revue“ ist das erste Hörspiel, das der Lyriker und Büchner-PreisträgerJan Wagner geschrieben hat. Drei Monate lang hat er für diese grandiose Stimmenrevue im einstigen Eldorado der Goldschürfer recherchiert.

Jan Wagner
Gold. Revue Hörspiel

u. a. mit Mechthild Großmann, Heikko Deutschmann
Musik von Sven-Ingo Koch
Regie: Leonhard Koppelmann
Der Hörverlag
2 CD
84 Min.
ISBN 978-3-8445-2957-9

Dem Schriftsteller Jan Wagner ist es gelungen, Gedichten eine neue Aufmerksamkeit zu verschaffen. 2015 erhielt er als erster Lyriker den Preis der Leipziger Buchmesse und 2017 bekam er die wichtigste Auszeichnung der deutschsprachigen Literatur, den Georg-Büchner-Preis. Heute allerdings wollen wir Ihnen ein Werk Jan Wagners vorstellen, mit dem der Autor Neuland betreten hat: sein erstes Hörspiel, das er im Auftrag des Deutschlandsfunks verfasste und das jetzt auf CD erschienen ist. „Gold. Revue“ lautet der Titel des Hörspiels, das Regisseur Leonhard Koppelmann inszenierte. Dieses Stimmenspiel über die Goldschürfer und Glücksucher des 19. Jahrhunderts gehört zu den drei Finalisten, die für den Hörspielpreis der Kriegsblinden nominiert sind. Der Gewinner der vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands und der Film- und Medienstiftung NRW getragenen Auszeichnung wird heute bekannt gegeben.

"Weil alles werden muss, entstand auch ich."

Mit der tiefen Stimme von Mechthild Großmann beginnt "Gold. Revue", das Hörspieldebüt des Lyrikers und Büchner-Preisträgers Jan Wagner.

"War da, als etwas zitterte, das Leben in die Amöben und Bakterien fuhr, benötigte nicht Licht noch Sauerstoff zum Überdauern, brauchte keine Teilung von Zellen, um ich selbst und ganz zu sein."

Frau mit Brille vor Mikrofon

Mechthild Großmann

Ganz ruhig dringt in diesem Prolog die Geschichte von der Entstehung der Erde und dem Ursprung des Goldes ins Ohr. Mechthild Großmann ist bekannt als Staatsanwältin aus dem Münster-Tatort. Sie gehörte aber auch viele Jahre zum Pina Bausch-Ensemble und ist eine herausragende Rezitatorin.

"Warte geduldig, bis er seinen Ärmel zum Ellenbogen schiebt, sich endlich hinkniet, die Hand ins Wasser steckt und blinzle ihn an."

Für eine Stimme, die das Gold verkörpern soll, ist sie eine ebenso überraschende wie geniale Besetzung. Denkt man bei Gold unwillkürlich an Glitzern und Gleißen, so betont die sonore Tiefe auch dessen dunkle Seite: die Habgier, die das Edelmetall wachruft.

"Es ist Gold, sieh her."

Sven-Ingo Koch

Sven-Ingo Koch

Jan Wagners Hörspiel "Gold. Revue" ist ein Klangkunstwerk, an dem viele sehr gute Künstler mitgewirkt haben. Da sind einmal die zwölf Schauspielerinnen und Schauspieler, deren Stimmen der Regisseur Leonhard Koppelmann wie ein Orchester zusammenführt. Hinzu kommt die Musik, mit der der Komponist Sven-Ingo Koch Jan Wagners poetischen Text vertonte.

"Hand aufs Herz: Kommst Du mit oder nicht? Alle sind doch schon unterwegs. Massen von Menschen. Jeder mit Spaten, Hacke, Bratpfanne, Topfdeckel, Schale, womit sich nur graben lässt, die Erde umwühlen lässt, mit Flaschen, Phiolen und Tabakdosen, mit Fässchen und Destillierkolben gar."

In einem rhythmischen Stimmenspiel erzählt Jan Wagner vom Goldrausch, der im 19. Jahrhundert die Menschen in aller Welt erfasste. Tausende verließen ihre Familien, ihren Arbeitsplatz, ließen ihre Höfe, Werkstätten und Fabriken im Stich, brachen auf mit dem großen Traum vom Eldorado. Jan Wagner beleuchtet auch die Kehrseite dieses Rauschs.

"Und in den Gärten fallen überreif die Äpfel und Birnen von den Bäumen…Und der Salat verkümmert in den Beeten. Die Schmiede schweigt, die Walzen stehen still. .. Das Korn, das in den Speichern liegt, verfault."

Eine Collage aus Einzelschicksalen

Porträtfoto von Jan Wagner

Jan Wagner

Mit spielerischer Leichtigkeit lässt Jan Wagner in "Gold. Revue" Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Mentalitätsgeschichte lebendig werden. Drei Monate lang ist er durch Kalifornien gezogen, hat ehemalige Goldgräberstätten aufgesucht, stillgelegte Minen und Geisterstädte besichtigt und in Lokalmuseen recherchiert. Daraus hat er keine klassische Abenteuergeschichte mit einem nachvollziehbaren Plot geschaffen. Aber sein Hörspiel ist spürbar realitätsgesättigt. Die Mechanismen des Kapitalismus werden ebenso skizziert wie der Anbruch des Konsumzeitalters. Oft hat man beim Zuhören keineswegs das Gefühl, dass es sich hier nur um eine historische Epoche handelt.

"Das ganze Leben ein einziges riesiges Lagerhaus, ein gigantischer Markplatz, auf dem sich alles verhökern, verramschen, feilbieten lässt, Aufpreise und Sondertarife, Hochkonjunktur."

"Gold. Revue" ist eine Collage aus vielen Einzelschicksalen, Miniaturporträts, fragmentarischen Lebensläufen und Liebesgeschichten. Sie alle erzählen von Wunschträumen und Enttäuschungen, großen Versprechen und schnödem Verrat, Ausbeutung und Macht und harter, entbehrungsreicher Maloche.

"Ich schaufle den Sand. Ich führe den Spaten. Ich schiebe die Karre. Ich schärfe das Beil. Ich geh Dir zur Hand. Ich will es Dir raten. Ich kratze und scharre, im Stehen und Sitzen."

Gauner, Missionare, Zahnärzte, Händler, Bardamen und Handwerker

Viele Passagen sind wie Sprechchöre arrangiert. Aus ihnen schälen sich jedoch immer wieder individuelle Figuren mit ihren Geschichten heraus.

"Arbeitsgeräusche. Ich halte manchmal inne, blicke ins Land. Seufzen."

Jan Wagner lässt alle gesellschaftlichen Schichten zu Wort kommen: Gauner und Missionare, Zahnärzte und Händler, Bardamen und Handwerker, verlassene Ehefrauen und ihre Kinder. Hinzu kommen Songs, die an die Dreigroschenoper von Bert Brecht und Kurt Weill erinnern und das Hörspiel strukturieren.

"Jeder für sich selbst allein und der Teufel für uns alle."

Sprache erwacht zum Leben

Leonhard Koppelmann bei einer Preisverleihung

Hörspiel-Regisseur Leonhard Koppelmann

Im Booklet zum Hörspiel schreibt Jan Wagner, dass er die Librettisten immer beneidet hat, weil sie erleben dürften, wie ihre Sprache in den Mündern Fremder zum Leben" erwache.

Mit "Gold. Revue“ hat er nun selbst ein Spiel für Stimmen geschrieben, das man durchaus ein Libretto nennen kann. Und das wurde kongenial vertont von Sven-Ingo Koch, hervorragend inszeniert von Leonhard Koppelmann und grandios gesprochen von einem zwölfköpfigen Schauspielerensemble. "Gold. Revue" ist ein akustischer Genuss.

Hörbuchrezension: Jan Wagner "Gold. Revue"

WDR 3 Mosaik | 17.05.2018 | 05:54 Min.

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Stand: 17.05.2018, 09:54