Beste Bücher 2017

Christine Westermanns Bücher des Jahres 2017

WDR 2 Buchtipp

Beste Bücher 2017

Von Christine Westermann

Was man unbedingt lesen sollte, gelesen haben sollte, sich wünschen und schenken lassen sollte, selbst verschenken sollte - und warum diese Bücher Christine Westermann so beeindruckt haben, kurz: ihre persönlichen Bestseller des Jahres 2017.

Olivier Bourdeaut: Warten auf Bojangles

Der Roman erzählt von einer sehr verrückten, sehr glücklichen Familie. Doch, das gibt es. Ein Mann, der seine Frau vergöttert, aber sich nicht zum Affen macht. Ein kleiner Junge, der seine Maman anbetet, weil sie ganz anders ist als andere Mütter, extravagant und unglaublich schön. Weil sie ihn liebt und er das zu jeder Sekunde spüren kann. Die Familie feiert Feste, manchmal mit vielen Freunden, manchmal sind sie nur zu dritt. Dabei tanzen sie zu dem einzigen Lied, das auf ihrem Plattenspieler laufen darf: "Mr. Bojangles" von Nina Simone. Und spätestens nach einem Drittel des Buches ahnt man, dass es mit so viel Glück nicht einfach die nächsten hundert Seiten weitergehen kann. Tut es auch nicht. Oder vielleicht doch?

"Warten auf Bojangles" ist eines jener seltenen Bücher, das einem noch lange im Kopf bleibt. Von dem man weiß, dass man sich auch noch Monate später an Titel und Geschichte erinnern wird. Dass man es weiterempfehlen und verschenken wird. Das Buch hat ein trauriges Ende. Könnte man zunächst so sehen. Aber ganz am Ende klärt sich, warum dieser Roman überhaupt geschrieben wurde. Und das lässt schon fast wieder an ein Happyend denken. "Warten auf Bojangles" führte monatelang die Bestsellerlisten in Frankreich an und wurde in zwanzig Sprachen übersetzt.

Olivier Bourdeaut
Warten auf Bojangles
Pieper-Verlag
ISBN: 978-3492057820
Preis: 18 Euro

Arno Frank: So, und jetzt kommst du

Vorne auf dem Cover ein Foto. Ein Junge auf dem Rücksitz eines Autos. Er ist angeschnallt, guckt nicht direkt in die Kamera, wirkt ernst, zu ernst für einen Jungen, der gerade mal acht oder zehn Jahre alt ist. Aber vielleicht legt man das auch nur in dieses Bild hinein, weil man nach der Lektüre des Buches weiß, in welchem Auto er sitzt, welches Drama er gerade erlebt. Der Junge heißt Arno Frank, ist der Autor des Buches. Er zeichnet seine Familiengeschichte nach. Der Vater ist ein Betrüger, wird von Interpol gesucht, ist mit seiner Familie, auf der Flucht quer durch Europa. Große Spannung, bestürzende Details, stille Gewalt. Aber inmitten des Elends gelingt dem Autor immer noch das Fröhliche, das Bunte. Ein lebenslanges Trauma ist geblieben: Der Autor, Arno Frank bekommt noch heute feuchte Hände, wenn er ein Polizeiauto sieht. "So und jetzt kommst Du", das sagt der Autoverkäufer Jürgen gern als Schlusswort zu seinem staunenden Sohn Arno, wenn er ihm mal wieder erklärt hat, wie die Welt sich dreht und wie perfekt er, der Vater, sich in ihr zurechtfindet.

Arno Frank
So, und jetzt kommst du
Tropen-Verlag
ISBN: 978-3608503692
22 Euro

André Heller: Uhren gibt es nicht mehr. Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

Elisabeth Heller ist in ihrem 102. Lebensjahr, als ihr berühmter Sohn die Gespräche aufschreibt, die er über Monate mit seiner Mutter führt. Worauf kommt es an im Leben? Was ist wichtig, was eher nicht? Mit 102 Jahren, sagt Elisabeth Heller, geht es so langsam ans Abschiednehmen. Auch wenn sie sich innerlich noch jung sieht, auf Berge klettert, über den Wolfgangsee segelt. Oder munter von einem Selbstmordversuch aus Liebe erzählt, das Blödeste überhaupt, meint sie heute.

Christine Westermann vor einem Bücherregal

WDR 2 Literaturkritikerin Christine Westermann

Ein kleines Buch mit großem Witz, voller Weisheit und Poesie. Sie steht beim Gespräch mit ihrem Sohn in einem Zwischenraum, hat die Welt nicht verlassen, aber was danach kommt, ist zum Greifen nah. Denn sie hat ihn schon gesehen, den Durchschlupf, jene Stelle im Inneren, an der man, wenn man es will, durchschlüpfen kann und so vom Leben in den Tod oder wohin auch immer gleitet. Wie sich Elisabeth Heller den Abschied vom Leben nach mehr als hundert Jahren vorstellt, für mich kann es schöner nicht beschrieben werden.

André Heller
Uhren gibt es nicht mehr. Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr
Zsolnay-Verlag  
ISBN: 978-3552058316
18 Euro

Beste Bücher 2017: Christine Westermanns Empfehlungen

WDR 2 Bücher | 10.12.2017 | 04:21 Min.

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Stand: 10.12.2017, 13:03