Jackie Thomae - Brüder

Jackie Thomae - Brüder

Jackie Thomae - Brüder

Von Simone Hamm

Jackie Thomaes: Brüder ist ein Roman über zwei ungleiche Brüder, ein Roman zum Thema Rassismus, witzig und klug geschrieben.

Jackie Thomae
Brüder

Hanser Verlag, München 2019
430 Seiten
23 Euro

Jackie Thomae: "Brüder"

WDR 3 Mosaik 11.10.2019 05:30 Min. Verfügbar bis 10.10.2020 WDR 3

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Ein Großstadtroman

"Ich lebe in Berlin. Ich bin einsam. Ich schreibe einen Roman" - so witzelte man in den vergangenen Jahren über den Boom der Berlinliteratur. Und jetzt hat Jackie Thomae einen Roman geschrieben, in dem ein einsamer junger Mann in Berliner Nächten durch die Clubs tanzt. Sein Bruder ist kein Tänzer. Er ist Workaholic und wird Berlin verlassen. Thomae schreibt im schlanken Stil amerikanischer Autoren: auch das gehört zu einem veritablen Großstadtroman.

Jackie Thomae mixt alle Ingredienzien, die zu einem Buch, einem Film oder einer Serie über Berlin gehören und hat doch ein ganz anderes Thema: Rassismus. Und darüber schreibt sie so leicht und doch tiefgründig, wie man das sonst nur von den ganz großen kennt, von Chimamanda Ngozi Adichie etwa. Jackie Thomae erzählt von zwei Brüdern, die einen afrikanischen Vater haben. Er ist in den siebziger Jahren als Austauschstudent in die DDR gekommen. Die Brüder haben verschiedene Mütter. Sie kennen einander nicht. Der Vater geht zurück in den Senegal und meldet sich nicht mehr.

Mick

Der eine Bruder ist Mick. In den neunziger Jahren hoppt er durch die Berliner Clubszene, als gäbe es kein Morgen mehr - und als spielten Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung überhaupt keine Rolle.

"Wenn die Endzeitstimmung einsetzte, diese unerklärliche, fast greifbare Angst vor dem Tageslicht, wo wäre er hingegangen? Das Wochenende begann am Donnerstag, der Nacht für Kenner, die den Freitag und den Samstag den Amateuren überließen, es endete am Montag, irgendwann gegen später […] Dann ging es von vorne los mit den Großereignissen, die sich unvergesslich anfühlten, aber so austauschbar waren, dass er sich viele von ihnen hätte sparen können, wäre ihm das damals schon aufgefallen."

Der Mitreisende

Jackie Thomae

Jackie Thomae

Im ersten Teil des Romans - untertitelt "Der Mitreisende" - ist Jackie Thomae die auktoriale Erzählerin. Sie vermittelt gekonnt das Lebensgefühl der neunziger Jahre. Dazu gehören Drogen, einmal sogar Drogenschmuggel, man steigt auf, stürzt ab und dazu donnern die Beats.

Mick zieht in den Ostteil der Stadt, nach Pankow. Dort wird er von ein paar Männern aus einer Trinkhalle verfolgt und angegriffen. Sie fühlen sich provoziert. Thomae erzählt die Geschichte zweimal kurz hintereinander. Zuerst aus der Perspektive von Silvio Kurz, einem der Männer aus der Trinkhalle. Und einmal aus Micks Perspektive:

"So ungefähr ein Stündchen war es ganz lustig bei Norbert im Lottoshop. Bis plötzlich der Neger zur Tür rein kam und einen auf Weltmeister machte. Hatte sich ’n kompletten Nike Laden angezogen und kommt da so ’reingedribbelt, sagt nicht Tach, holt sich die blaue Pissplörre aus dem Kühlschrank und joggt praktisch in Norberts Bude weiter […] Dem zieh ich gleich eine, dachte Silvio. Und rannte los. Und stand gleich wieder vorm nächsten Problem, nämlich dem, dass Neger zwar sonst nichts gebacken kriegen, aber Meister sind im Rennen."

Dann geht es übergangslos weiter:

"Das stärkste Argument gegen den Oststadtrand erhielt Mick […] an dem Tag, als er auf auf dem Brustkorb von Silvio Kurz kniete. Er war nach dem Joggen in einen Lottoladen gegangen, wo er sich eine Flasche Gatorade kaufte […] Was machst ’n so? fragte Silvio Mick [...] Ich nehm' euch eure Frauen weg, was denkst du denn?"

Der Fremde

Diese schnellen Perpektivwechsel geben dem Roman seinen Drive. Rassismus blitzt ebenso schnell auf, wie er wieder verschwindet in den Nebelschwa-den der Berliner Clubs. Der zweite Teil des Romans - untertitelt "Der Fremde" - ist Micks Bruder Gabriel gewidmet, einem überaus erfolgreichen Architekten, der, nach einem Studium in Berlin, in London lebt. Gabriel und seine Frau erzählen im Wechsel in der Ichperspektive, Großstadtmenschen, die sich und ihr Tun permanent reflektieren. Jackie Thomas wirft wieder einen anderen Blick auf ihre Protagonisten, zeigt ihr Innenleben und gibt ihrem Roman so eine neue Wendung. Das ist klug und spannend zugleich. Gabriel hält London für postrassistisch, nichts als Geld zähle. Bis er - in einem aberwitzig komischen Kapitel - in ein Gesundheitszentrum geht.

"Kategorie A: Weiße Menschen haben anzukreuzen, on sie Briten, Iren, Irish Travellers, also Nichtsesshafte, weiße EU -Mitglieder oder sonstige Weiße sind.

Kategorie B umfasste mixed/multiple ethnic groups. …Weiß und schwarz aus der Karibik. Weiß und schwarz aus Afrika, weiß und asiatisch und sonstige Mixen (sic!) […]

Kategorie D unterteilte Schwarze in karibische, afrikanische und britische Schwarze. Plus: Any other blacks.

[…] Nach Ewigkeiten kreuzte ich an, woraus meine Mischung bestand. Aus EU - Weiß und Afrika black."

Ein Unterhaltungsroman auf höchstem Niveau

Man hätte der hochtalentierten Jackie Thomae ein besseres Lektorat gewünscht. Jemanden, der Sätze wie aus einem creative writing Programm "Sie las alles und blieb unlesbar" umgeschrieben und Seifenopernsätze wie: "Sie war das Beste, was ihm je passiert war" ersatzlos gestrichen hätte. Überhaupt wäre weniger manchmal mehr gewesen. Dass ein schwarzer Junge sein Kater Mohrle nennt, ist nicht ohne Witz und muss in dieser politisch überkorrekten Zeit nicht noch mehrere Zeilen lang erklärt werden.

Unabhängig davon ist "Brüder" ist ein Unterhaltungsroman auf höchstem Niveau. Ein Buch über zwei Männer, die ganz ähnliche Startbedingungen hatten und die zu völlig verschiedenen Menschen geworden sind. Obwohl sie dieselbe Hautfarbe haben.

Stand: 11.10.2019, 09:38