Buchcover: "Einer von Tausend" von Detlef Jablonski

"Einer von Tausend" von Detlef Jablonski

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

In einer ergreifenden Geschichte erzählt der 1955 geborene Berliner Liedermacher Detlef Jablonski die Geschichte seiner Jugend und seiner Knasterfahrungen in der DDR der 1970er Jahre. Eine Rezension von Peter Meisenberg.

Detlef Jablonski: Einer von Tausend. Eine Berliner Geschichte
KLAK-Verlag, 2021.
290 Seiten, 17 Euro.

"Einer von Tausend" von Detlef Jablonski

Lesestoff – neue Bücher 21.01.2022 04:56 Min. Verfügbar bis 21.01.2023 WDR Online Von Peter Meisenberg


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Kein edelmütiger Held

In der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts dienten Elendsbiografien zur Erbauung des Publikums. Aus größter Not finden Dickens‘ Oliver Twist oder die Figuren aus Victor Hugos "Les Miserables" schließlich doch einen Weg in die bürgerliche Wohlanständigkeit oder wenigstens einen heroischen Tod. Was vor allem daran liegt, dass die Autoren ihnen äußerst edelmütige Charaktere verpassten. Trotz größter Demütigungen können sie gar nicht anders, als grundanständig zu sein und zu bleiben. –

Detlef Jablonski wird in seinem Leben kaum Gelegenheit gehabt haben, Charles Dickens oder Victor Hugo zu lesen. Vielleicht liegt es daran, dass er in seinem autobiografischen Bericht auch nicht die leiseste Neigung zeigt, sich zum edelmütigen Helden seiner Elendsgeschichte zu stilisieren.

"Meine Mutter wurde von Herren, die alle die gleichen Anzüge, die gleichen Schuhe, die gleichen Ledermäntel und dazu passend die gleichen Schlapphüte trugen, in ihrer eigenen Wohnung erwartet, verhaftet, eingelocht und zu drei Jahren wegen Hehlerei verurteilt. Und so kam es, dass ich schon im Knast saß, bevor ich auf der Welt war."

Eine von Gewalt geprägte Kindheit

Geboren wurde Detlef Jablonski 1955 also im Haftkrankenhaus der DDR-Justizvollzugsanstalt Jerichow. Im Alter von zwei Wochen kommt er in ein Ostberliner Waisenhaus.

Die Mutter muss drei Jahre im Gefängnis bleiben, verschwindet dann nach Westberlin und taucht danach nur sehr sporadisch, dann gar nicht mehr auf. Eine zwanzig Jahre ältere Schwester der Mutter, Tante Lene und ihr Mann Kurt, nehmen das Kind als Pflegeeltern zu sich. Sie dressieren den Jungen zu einem Haussklaven, lassen ihn nie vor die Tür. Jablonski nennt sie Prügeleltern.

"Der Siebenstriem bestand aus einem dreißig Zentimeter langen Hartholzknüppel, an dem unter einer Ledermanschette sieben Lederstreifen befestigt waren. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich das Ding das erste Mal im zarten Alter von fünf Jahren zu spüren bekam. Ich musste mich auf dem Korridor nackt ausziehen. Alle Türen wurden verschlossen und dann ging es los. Ich konnte zusehen, wie der Lederstriemen um meinen Arm schnellte und das Ende vorn an der Brust sich in die Haut einschnitt. Seit ich in die Schule ging, gab es zwei bis drei Mal pro Woche Prügel."

Kein Weg in den Westen

Mit einer solchen Kindheit ist der Rest der Jugend gleichsam vorprogrammiert. Mit 16 verlässt er die Schule und die Pflegeeltern, macht eine Elektrolehre, besteht die Abschlussprüfung nicht, schlägt sich als Hilfsarbeiter in einem Kabelwerk durch, fühlt sich ausgebeutet und in der Gesellschaft überflüssig. Er will zu seiner Mutter, in den Westen. Die aber hält ihn hin. Ihr Antrag auf Familienzusammenführung kommt nie an.

Mit 18 macht er sich allein auf den Weg. Kauft ein Bahnticket nach Prag. Einfache Fahrt. In Dresden holt ihn die Volkspolizei aus dem Zug. Den Rest seiner Jugend verbringt er in Gefängnissen und Strafgefangenenlagern.

Große Aufrichtigkeit

Das, was Detlef Jablonski über die brutale, auf Demütigung und Entwürdigung abzielende Behandlung dort erzählt, reiht sich ein in die inzwischen fast unüberschaubare Menge von Berichten über das Strafvollzugssystem der DDR.

Seine Erzählung unterscheidet sich aber von den meisten anderen durch ihre extreme Subjektivität. Ihm geht es weder um eine Beschreibung noch eine Anklage des Unterdrückungs- und Vergewaltigungsapparats. Er berichtet nur, was der mit einem macht. Was der mit ihm, mit Detlef Jablonski gemacht hat. Keinen Helden, wie gesagt.

Sondern jemanden, der zwar aufmüpfig bleibt, sich aber, um nicht den Verstand zu verlieren, letztlich immer den Umständen anzupassen versteht. Diese Aufrichtigkeit macht Detlef Jablonskis Geschichte zu einer aufregenden Lektüre.