J. G. Ballard - Das Reich kommt

J. G. Ballard - Das Reich kommt

J. G. Ballard - Das Reich kommt

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Dystopien aus der Vorstadt: In J.G. Ballards "Das Reich kommt" mutieren enttäuschte Konsumenten aus Frust zu marodierenden Schlägern und marschierenden Faschisten.

J. G. Ballard
Das Reich kommt

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Diaphanes, Zürich 2019
368 Seiten
20 Euro

Sympathisch, möglicherweise auch etwas zwielichtig

Richard Pearson, der Ich Erzähler der Geschichte, ein gerade geschasster Werbefachmann, stellt sich selbst mit distanzierter Ironie vor:

"Zweiundvierzig Jahre alt, arbeitsloser Kundenberater. Sympathisch, möglicherweise auch etwas zwielichtig. [...] Gutgelaunt und optimistisch, insgeheim aber etwas verzweifelt. Er sieht sich als eine Art Terrorist, aber er kann nur eines gut: dem Spätkapitalismus die Pantoffeln wärmen."

J.G. Ballard - Das Reich kommt

WDR 3 Mosaik 20.05.2019 05:26 Min. Verfügbar bis 19.05.2020 WDR 3

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Auf der Suche nach Erklärungen

Er ist auf der Fahrt von London hinunter ins südlichere Surrey – ein Alptraum. Denn der früher idyllisch-ländliche Teil des hauptstadtnahen Grüngürtels, in dem sich Wohlhabende Villen leisten und Pendler bezahlbaren Wohnraum, hat sich in einen Vorhof zur Hölle verwandelt. Riesige Einkaufszentren liegen wie Pestbeulen auf dem Land, umgeben von dem ganzen dazugehörenden zivilisatorischen Dreck: vielspurige Straßen, betonierte Parkplätze, Tankstellen, Lagerhallen, Billiganbieter, Reklametafeln.

In einem dieser Einkaufszentren wurde Pearsons Vater erschossen. Auf der Suche nach Erklärungen landet der Sohn in einem überdimensionierten Konsumtempel: Etagen über Etagen mit Tausenden von Geschäften, Restaurants jeder Art, überragt von einer riesigen frei schwebenden Kuppel: eine pervertierte Kathedrale, ein Paradies für Shopper - und eine Brutstätte der Aggression.

"Jeder Bürger von Brooklands [...] erneuerte unentwegt den Inhalt von Haus und Heim, ersetzte die gleichen Autos und Kameras, die gleichen Keramik-Kochfelder und Fertigbäder. Nichts wurde gegen nichts eingetauscht. Hinter dieser hektischen Fluktuation herrschte eine gigantische Langeweile."

Über den Autobahnstädten lag eine harte Nacht

Doch Langeweile und innere Leere, tagsüber im Kaufrausch unterdrückt, suchen sich ihre Kicks: Mannschaftssport, blutig ausgereizt bei Spielern und Fans; Alkohol und Vandalismus plus Volksvergnügen Ausländerjagd; Bürgermilizen, die für Ordnung sorgen, aber selbst bestimmen, wer zu den Ordentlichen gehört und wer nicht. Die Entwicklung wird noch verstärkt durch eine Gruppe der örtlichen Führungsschicht, in der jeder sein eigenes Süppchen kocht, von persönlicher Eitelkeit über prophetische Besessenheit bis hin zum offen propagierten Faschismus.

"Über den Autobahnstädten lag eine harte Nacht, viel härter als der rosa Dunst Londons. Unter dem Deckmantel eines dicht gedrängten Programms von Sportereignissen lief eine Übung in ethnischer Säuberung ab, offenbar mit Wissen der städtischen Polizei."

Konsumismus und ein neuer Totalitarismus

Pearson, getrieben vom Zorn über den Mord an seinem Vater, mischt bald mit, zuerst zynisch-manipulativ, dann selbst fortgerissen durch die alles überflutende Aggressivität – einer dieser typischen Ballard’schen Antihelden, deren Heroismus vor allem im Überleben besteht. J.G. Ballard wirft sie in grotesk-aussichtslose Situationen, Auswüchse einer Moderne, die nur zerstört, seien es Menschen, Landschaften oder Kulturen. In "Die Betoninsel" wird einer in die Welt unter einem gigantischen Autobahnkreuz katapultiert, in "Crash" die perverse Lust an Autounfällen aufs Korn genommen, in "High-Rise" geht es um menschenvernichtende Wohnmaschinen. In "Kingdom Come", "Das Reich kommt" nun seziert er den Konsumismus, dieses Wechselbalg des modernen Kapitalismus. Dessen zerstörerische Faszination heizt Pearson durch eine kalkuliert boshafte Kampagne noch an: er macht einen TV-Werbestar zur virtuellen Leitfigur für die Konsumenten.

"Nazi-Symbole und Georgshemden – „das alles verabscheute ich ebenso wie die Angriffe auf die asiatischen Gemeinden [...]. Dennoch war ich für meine Nachbarn ein finsterer Manipulator, der daran arbeitete, nicht Kühlschränke oder Mikrowellenherde zu verkaufen, sondern einen Führer zum Selberbauen und einen hässlichen Vorstadtfaschismus. Zufällig waren Konsumismus und ein neuer Totalitarismus einander in einem vorstädtischen Einkaufszentrum begegnet und feierten eine Alptraumhochzeit."

Die Vorstädte träumen von Gewalt

J.G. Ballard braucht keine Aliens oder extraterristischen Gewalten für seine literarischen Welt-Zerstörungen. Er hasst und verachtet die Moderne, den Konsumismus und die Dauerverdummung durch TV und Werbung, den Siegeszug des Hässlichen durch Betonierung und Hochhausghettos, die aggressive Dumpfheit manipulierter Massen, die sich in Gewaltausbrüchen Luft schaffen. Kein eifernder Besserwisser, der sich über den Zerfall aller Kultur empört, sondern ein kühler Beobachter, der Entwicklungen schon ins Monströse verlängert, wenn sie erst im Keim erkennbar sind.

"Das Reich kommt" von 2006, wie seine anderen Werke soeben im Diaphanes-Verlag erschienen, ist nicht das Beste seiner Bücher, die Zeichnung der Charaktere überzeugt nicht immer, Eskalationen werden oft mehr behauptet als entwickelt. Aber Ballard bleibt auch hier ein kluger, ironischer Erzähler, mit Neigung zu einer spöttisch eingefärbten und doch melancholischen Poesie.

"Die Vorstädte träumen von Gewalt. Nachts, wenn sie in ihren verschlafenen Villen im Schutz wohltätiger Einkaufszentren schlummern, warten sie geduldig auf die Alpträume, aus denen sie in einer leidenschaftlicheren Welt erwachen..."

Stand: 20.05.2019, 09:00