Ivan Ivanji - Corona in Buchenwald

Buchcover: Ivan Ivanji - Corona in Buchenwald

Ivan Ivanji - Corona in Buchenwald

Von Stefan Berkholz

Ivan Ivanji, mit 16 Jahren aus dem KZ Buchenwald befreit, hat mit 92 Jahren noch einmal eine Selbstbefragung verfasst. Der Titel seines neuen Romans lautet: "Corona in Buchenwald".

Ivan Ivanji: Corona in Buchenwald
Picus Verlag, Wien 2021.
256 Seiten, 24 Euro.

Wer ist Opfer und wer Kämpfer?

Ivan Ivanji möchte nicht als "KZ-Autor", wie er sagt, bezeichnet werden – auch wenn er in vielen seiner Romane über die Zeit des Nationalsozialismus geschrieben hat. Sein großer autobiographischer Roman stammt von 2014 und trägt den Titel: "Mein schönes Leben in der Hölle".

Der einzige wirkliche KZ-Roman sei "Der Aschenmensch von Buchenwald" von 1999. Darin schildert Ivanji in einer Einheit aus erzählerischem Bericht, autobiographischen und authentischen Ereignissen und fiktiven Elementen die Geschichte dieses Lagers. Nun also, im Alter von 92 Jahren, hat er wieder einen Roman zum Thema veröffentlicht, der Titel: "Corona in Buchenwald".

"Mein eigenes Judentum hat mich nie sonderlich interessiert, das heißt die Religion als solche natürlich, aber nicht mehr als die anderen Religionen, der seltsame Staat Israel schon und das Experiment Kibbuzim, aber China zum Beispiel war doch immer viel spannender als Eretz Israel. (…) Ich bin anscheinend nicht nur ein vaterlandsloser, sondern auch ein rassenloser Geselle. Das hätte Hitler nicht gelten lassen. (…) Es ist unwichtig, wer Arier und wer Jude ist, wesentlich ist hingegen, wie viele von uns sind Opfer, wie viele Kämpfer?"

Aus einer Gedenkveranstaltung wird ein Roman

So lässt Ivan Ivanji sein Alter Ego Sascha in diesem Roman zu Wort kommen. Im April 2020 sollte die Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung von Buchenwald stattfinden. Die Pandemie kam dazwischen. Die geplante Gedenkveranstaltung fiel aus. So hat Ivanji daraus nun einen Plot für seinen neuen Roman gemacht.

"Wir sollen Würde bewahren. Und Solidarität. Ich glaube, gerade die jetzigen Zeiten erinnern uns wieder daran, wer wir waren, wie wir im Gedächtnis bleiben wollen, im Gedächtnis der Menschheit."

Geschichten zum Unterhalten

So lautet der Schwur der zusammengekommenen dreizehn Überlebenden. Einer von ihnen erkrankt und wird mit Corona-Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert. Die anderen haben im Hotel zu bleiben, gefangen in ihren Zimmern, in Quarantäne, im Wartestand. Um sich die Zeit zu vertreiben, beschließen sie, sich jeden Nachmittag um fünf eine Geschichte zu erzählen, über Bildschirme sind sie miteinander verbunden.

"Wir sind zu zwölft, wenn Franco bald zurückkommt, was ich sehr hoffe, sonst elf, wir wählen für jeden Abend einen von uns, der sein Thema selbst bestimmt und seine Geschichte zum Besten gibt, etwas Wahres über das Überleben in den Lagern, etwas aus seinem eigenen Leben oder etwas Erfundenes, wie er will, Hauptsache, er unterhält uns damit. Was meint ihr?"

Wie authentisch können Erinnerungen sein

Eine der Figuren erwähnt jenen Schriftsteller, der im KZ um sein Leben dichtete, den SS-Despoten zum Wohlgefallen. Sein Name: H. G. Adler. Den gab es wirklich, von ihm liegt allerlei Literatur zum Überleben im KZ vor. Eine zweite Figur erzählt, wie sie als Boxer mit Schaukämpfen das Lager überlebte. Solche Boxer gab es im KZ. Eine weitere Figur, ein Zeuge Jehovas, legt Zeugnis darüber ab, wie überlebenswichtig ihr Glaube war.

Doch Ivanji stellt auch umgehend Distanz zu den erzählten Geschichten her, nicht nur, weil es ein Roman ist. Denn: Wie authentisch sind überhaupt Erinnerungen, lässt Ivanji fragen. Was ist wirklich erinnert nach so langer Zeit? Und was ist hinzu fantasiert? Auch solche Fragen stellt Ivanji in diesem Roman, wie überhaupt der Zweifel über allem bestehen bleibt. In einem Interview bekannte Ivanji vor vier Jahren.

"Was ist das überhaupt? Ist nicht ein jeder Mensch Zeuge seiner Zeit? Das hat sich so eingebürgert auf die - am liebsten - Leute, die im KZ waren. Goethe ist ja auch Zeitzeuge über Italien, wo er als Tourist herumgefahren ist, die Kriege, die er von der falschen Seite gesehen hat. Alles ist Zeitzeuge. Ist Platon nicht ein Zeitzeuge und Vorgänger des Faschismus im alten Griechenland?

Was man erzählt, hat die wahre Erinnerung verdrängt. Sie ist immer unklarer geworden, hat sich von der Todesangst in Phrasendrescherei verwandelt. Was ist wahr, wirklich wahr?"

Weit mehr als nur nett geschrieben

So lässt Ivan Ivanji sein Alter Ego Sascha im Roman fragen. Mit 92 Jahren hat der Schriftsteller noch einmal letzte Fragen in den Raum gestellt, noch einmal die Frage, wer überleben konnte, noch einmal die Frage nach den Prägungen der Davongekommenen. Und schließlich, schmerzlicher, die Frage, wer nach ihrem Tod die Erinnerung weitertragen werde.

Ein fiktives, ein melancholisches Buch liegt vor, solide gebaut, dialogreich, gallig, unterhaltend. Eine literarische Selbstbefragung im Wartesaal der Corona-Zeit. Ivanji verfasst literarische Geschichtsschreibung, er hält untergegangene Bräuche und Figuren in seiner Literatur fest, er streift Gräuel und Massaker, er überliefert etwas von dem, was nicht mehr ist. Doch Ivanji möchte seine Literatur nicht überfrachten, er bleibt bescheiden.

"Ich will unterhalten damit. Ich glaube, dass der Literat die Leute unterhalten soll, nicht belehren. Ich habe keine Absichten, irgendetwas zu erreichen, außer vielleicht etwas Eitelkeit, dass man sagt: Naja, das ist ganz nett geschrieben."

Stand: 11.05.2021, 16:03