Ivana Sajko - Familienroman, Die Ereignisse von 1941 bis 1991 und darüber hinaus

Ivana Sajko - Familienroman, Die Ereignisse von 1941 bis 1991 und darüber hinaus

Ivana Sajko - Familienroman, Die Ereignisse von 1941 bis 1991 und darüber hinaus

Von Moses Fendel

Ein Mosaik aus Angst und Mut und banalen Alltagserlebnissen – die kroatische Autorin Ivana Sajko bricht in ihrem eigenwilligen Familienroman mit der heroischen Inszenierung der Geschichte.

Ivana Sajko
Familienroman
Die Ereignisse von 1941 bis 1991 und darüber hinaus

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer
Voland und Quist, Leipzig 2020
172 Seiten
20 Euro

Ich wollte einen historischen Roman schreiben

Wie lässt sich die Geschichte eines Landes oder einer Gesellschaft angemessen erzählen? Noch dazu, wenn das Land, um das es geht, in mehrere Staaten zerfallen ist, die inzwischen jeder auf seiner ganz eigenen Version der Geschichte beharren? Die kroatische Autorin und Regisseurin Ivana Sajko hat auf diese Frage mit ihrem "Familienroman" eine höchst eigenwillige Antwort gegeben.

"Ich wollte einen historischen Roman schreiben, auf die einzige Art, die ich für möglich halte, unter Vermeidung sowohl des Genres wie auch jeder Ideologie, wie eine Geschichte, die sich vielleicht gar nicht ereignet hat, die sich eigentlich gar nicht ereignen kann. Wir können nur von ihr träumen und sie später wie einen Traum nacherzählen."

Kein Familienroman im herkömmlichen Sinne

Herausgekommen ist dabei kein Familienroman im herkömmlichen Sinne. Wer einen opulenten Schmöker oder eine epische Familiensaga erwartet, wird das Buch vermutlich enttäuscht weglegen. Am Anfang steht der Krieg. Ein Thema, mit dem sich Sajko schon in ihren beiden vorherigen Romanen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln auseinandergesetzt hat. 1941, im Zweiten Weltkrieg, überfällt Deutschland das Königreich Jugoslawien. Die faschistische kroatische Ustascha-Bewegung kämpft an der Seite der deutschen Besatzer mit großer Brutalität gegen Juden, Serben und Kommunisten. Auf der anderen Seite steht die gesamt-jugoslawische, kommunistische Partisanenbewegung unter dem späteren Staatschef Tito. Der jugoslawische Gründungsmythos des Partisanenkampfes durchzieht den Roman wie ein Roter Faden. Er bildet auch den Hintergrund, vor dem sich die Großeltern der Erzählerin kennenlernen.

"Ein Nervenzusammenbruch ist wie eine Fahnenflucht. Nachdem die Nacht angebrochen ist, schleicht sie sich aus dem Krankenhaus und flieht barfuß aus dem Lager. Sie hat keine Ahnung, wohin sie geht, und sie versteckt sich nicht vor den Wachen. Verloren tastet sie sich im Dunklen voran, bleibt im Dickicht hängen, stößt gegen Bäume, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie jemand aufhalten wird. Halt!
Halt, oder ich schieße!
Sein Gesicht taucht aus dem Wald auf. Fast hätte er abgedrückt. Er nimmt ihren Kopf in seine Hände und wiederholt: fast, sie habe ihn erschreckt, es habe nur wenig gefehlt, er hätte sie töten können, fast, er drückt sie nervös an sich, er habe sie schon irgendwo gesehen, aber wo?"

Drei Erzählstränge

Ivana Sajko i Alida Bremer

Ivana Sajko

Genau betrachtet besteht der Roman aus mindestens drei Geschichten: Neben der jahrzehntelang verschütteten und verschwiegenen Geschichte ihrer Familie, vor allem ihrer Großmutter Kaja, erzählt Sajko auch die Geschichte ihrer Heimatstadt Zagreb im 20. Jahrhundert. Einen dritten Erzählstrang bildet eine Auswahl an Ereignissen und vermeintlichen Helden. Dafür hat Sajko bewusst widersprüchliche Dokumente, Kommentare, Erinnerungen und Sätze zusammengetragen und in das Geflecht ihres Romans eingewoben. So dokumentiert sie nebenbei einige der Debatten unter jugoslawischen Künstlern und Intellektuellen. Schon früh macht Sajko klar, dass ihr "das Volk" als kollektiver Akteur in der Geschichte suspekt ist.

"Die Botschaft war eindeutig. Und das Volk merkte sie sich. Seitdem jubelt es nur, winkt und klatscht, und es hat sich an alles gewöhnt, auch an jene oben genannten Gauner, Diebe, Verbrecher, Beutelschneider, Zocker, Haderlumpen, Halsabschneider, Langfinger, Räuber, Brandstifter, leichte und schwere Mörder, denn das Volk tut – genauso, wie die Mutter sagt – , was es muss. Das heißt: nichts."

Ivana Sajko: Familienroman

WDR 3 Buchkritik 26.05.2020 05:52 Min. Verfügbar bis 26.05.2021 WDR 3

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Es gibt kein: ich will nicht

Sajko stellt klar, dass Geschichte nur selten heroisch ist – auch wenn genau das diverse Herrscher ihren Untertanen bis in die heutige Zeit immer wieder weismachen wollen. Für die Autorin ist Geschichte vielmehr ein Mosaik aus Angst und Mut, Heldentaten, Traumata und nicht selten nichts weiter als eine Aneinanderreihung von banalen Alltagserlebnissen. Mit dem Ende ihres Romans schlägt Sajko einen Bogen vom Jahr 1941 ins Jahr 1991. Sie beleuchtet die Kontinuitäten, zwischen dem Krieg, aus dem das sozialistische Jugoslawien hervorging, und demjenigen, der das Ende dieses Vielvölkerstaats besiegelte. Man kann darin aber auch eine universelle Eigenschaft jedes Krieges lesen: Der Einzelne opfert seine Individualität und seinen freien Willen zugunsten der Idee einer Nation oder ethnischen Zugehörigkeit.

"Der Krieg arbeitet an der Leere und bindet sich nicht an Kleinigkeiten. Sie gingen langsam voran, und unterwegs verloren sie Beine, Arme, Nieren, Lebern, Mägen, Geschlechtsteile und Köpfe. Als sie endlich das Dorf erreichten, waren nur noch einige da. Sie wussten, was sie zu tun hatten. Zuerst eine Granate und dann alles Weitere. Der Befehl lautet immer gleich, das heißt, es gibt kein: ich will nicht, und es gibt kein: Ich kann nicht. MAN MUSS."

Das Fazit fällt gemischt aus.

Die Lektüre ist über weite Strecken mühsam, Spannung kommt nicht auf. Vieles wird auf den knapp 200 Seiten nur angerissen. Wer sich mit der Geschichte Jugoslawiens und besonders der kroatischen Nationalbewegung nicht auskennt, kann schnell die Orientierung verlieren. Das macht das Buch aber keineswegs irrelevant. Das Verdienst dieses untypischen Familienromans besteht im multiperspektivischen Ansatz der Autorin. Wie in einem kubistischen Gemälde macht sie unterschiedliche Sichtweisen und Blickwinkel gleichzeitig sichtbar. Sajko macht deutlich, dass der Versuch, Geschichte als heroische Erzählung eines Staates oder einer Nation zu inszenieren, ins Leere geht. In Zeiten der nicht nur in Europa weit verbreiteten Rückbesinnung auf das Nationale tut es gut, daran erinnert zu werden.

Stand: 24.05.2020, 15:03