Michael Blume - Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug

Michael Blume - Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug

Michael Blume - Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug

Von Kersten Knipp

Prägnant und schlüssig analysiert der Religionswissenschaftler Michael Blume die Krisen des Islam, von der Lage der Bildung bis hin zu den gesellschaftlichen Verwerfungen durch das Erdöl. Und er zeigt Lösungen auf.

Michael Blume
Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug
Patmos Verlag, 2017
192 Seiten
19,00 Euro

Stiller Rückzug der Muslime von ihrem Glauben

Im August 2016 klagte der Imam der Berliner Risala-Moschee in einer Predigt sein Leid. Monat für Monat zahle er dem eigens eingestellten Scheich tausend Euro, damit dieser die Kinder der Muslime unterrichte. Doch diese Kinder gebe es nicht, zumindest nicht in seiner Moschee. Über zwei Jahre lang seien nicht mehr als zehn Schüler bei ihm gewesen. Auch insgesamt seien es nicht viel mehr. Zitat: "Es gibt nur 25 Schüler. Wo sind die Kinder der Muslime? Wo sind die Kinder der Muslime?"

Die Not des Imams, so stellt es der Religionswissenschaftler Michael Blume dar, ist mehr als eine nur gefühlte. Die Zahlen, die Blume aus belastbaren Quellen zusammengetragen hat, weisen vor allem auf ein Phänomen hin: den "stillen Rückzug" der Muslime von ihrem Glauben. Im Alltag praktizierten immer weniger Muslime ihre Religion. Eine Studie der Deutschen Islamkonferenz aus dem Jahr 2009 ergab etwa, dass nur noch knapp 34 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime angaben, täglich zu beten. Rund 15 Prozent erklärten, Zitat "ein paar Mal" im Jahr zu beten, gut 20 Prozent taten das nach eigener Angabe nie.

Nicht einmal zwei Prozent der deutschen Bevölkerung

Zahlen wie diese, so Blume, dokumentierten einen Trend, der sich rein quantitativen Erhebungen zur Zahl der Muslime grundsätzlich entziehe. Denn die Zahl der Muslime sage wenig über die Realität des religiösen Lebens. Der Grund liege auf der Hand: im Islam werde man als Gläubiger geboren – anders als im Christentum, das eine Entscheidung des einzelnen Menschen fordert, symbolisiert durch die Taufe und die Mitgliedschaft in einer Kirche. Aus dieser kann man auch wieder austreten – auch das ist im Islam nicht der Fall.

"Und so kommt es, dass in den meisten deutschsprachigen und internationalen Statistiken noch immer Äpfel mit Birnen verglichen werden. [...] Würde man beim Islam in Deutschland das gleiche, strenge Kriterium anlegen wie beim Christentum, wären nur noch die etwa 20 Prozent der Muslime zu zählen, die tatsächlich einer Religionsgemeinschaft angehören und dafür Beiträge entrichten. Die Zahl der Muslime würde auf etwa eine Million Menschen und nicht einmal zwei Prozent der deutschen Bevölkerung zusammenschrumpfen!"

Die intellektuelle Kraft des Islam

Michael Blume, Porträt

Michael Blume

Die Zahlen sind das eine. Das andere die spirituelle oder intellektuelle Kraft des Islam. Michael Blume diagnostiziert im Islam einen Bildungsverfall, der weit zurückreicht – nämlich bis ins Jahr 1485, als der osmanische Sulta Bayazid II. den Gebrauch von Druckmaschinen mit arabischen Buchstaben zum Verbrechen erklärte, auf das sogar die Todesstrafe stand. Diesen Bildungsrückstand, so Blume unter Bezug auf den von den Vereinten Nationen herausgegebenen "Arab Human Development Report", habe die arabische Welt bis heute nicht mehr aufgeholt. So würden etwa in der gesamten arabischen Welt jährlich rund 330 Bücher übersetzt – ein Fünftel dessen, was allein ins Griechische übertragen wird.

Eine Kultur des Lernens, so Blume, sei im Islam kaum vorhanden. In Kombination mit dem finanziell prekären Zustand zahlreicher Moscheegemeinden in Deutschland habe dies dramatische Folgen.

"Die Moscheegemeinden auch in der westlichen Welt werden entweder staatlich aus den Herkunftsländern oder von eher konservativen Muslimen organisiert. Die Imame stammen meist ebenfalls aus den Herkunftsländern und können im Übrigen auch kaum so vergütet werden, wie es im Westen ausgebildete Akademiker erwarten dürfen. Damit aber bieten europäische Moscheen – ob mit prachtvoller Fassade oder in schmucklosen Hinterhöfen – meist eine Art Gegenkultur an, die auf gebildete und aufstrebende Menschen eher abschreckend wirkt, Bildungsverlierer und Unzufriedene dagegen anzuziehen vermag."

In Summe, eine großen spirituelle Krise

Blume sieht den Islam vor zahlreichen Herausforderungen:

Rentierstaaten, also die Erdöl fördernden Staaten, die die Bildung ihrer Bürger ganz bewusst nicht fördern, um auf diese Weise politischen Einspruch zu verhindern; im Gegenzug religiöser Extremismus als eine Form, diesen Einspruch zu artikulieren; dazu Verschwörungstheorien, etwa die, die westliche Welt wolle – in Anführungszeichen "den" Islam bekämpfen; dazu eine ungeregelte Familienpolitik, die teils zu einer unverantwortlich hohen, weil kaum angemessen zu unterhaltenden Zahl von Kindern führe: All dies, so Blume, summiere sich zu einer großen spirituellen Krise. Das heißt aber auch: Der Islam ist womöglich nur Vorreiter einer Entwicklung, die sich auch woanders durchsetzen könnte.

"Aus humanistischer, christlicher und jüdischer Sicht stellt die komplexe Krise des Islams dabei eher eine Mahnung dar als einen Grund zum Hochmut. Denn so, wie die islamische Zivilisation ihre lange Führungsrolle verloren hat, steht auch keine ewige Blüte anderer Hochkulturen fest."

Michael Blume hat ein sehr kluges, sehr objektives Buch über die vielfältigen Krisen des Islam geschrieben. Fair, zugewandt und zugleich mit Distanz wirft es einen Blick auf eine Weltreligion in der Krise. Muss sie auf ewig in dieser Krise verharren? Nein, sagt Michael Blume. Jeder einzelne Gläubige hat es in der Hand, zur Lösung dieser Krise beizutragen. Durch Bildung etwa, verantwortliche Familienplanung, einen ökologischen Lebenswandel, der den Rentierstaaten weniger Geld in die Taschen spült und sie so zu Reformen zwingt. Fazit: Es gibt auch in der Religion nichts Gutes, außer man tut es.

Stand: 01.01.2018, 22:29