Christopher Isherwood - Leb wohl, Berlin

Christopher Isherwood - Leb wohl, Berlin

Christopher Isherwood - Leb wohl, Berlin

Von Christoph Vratz

Zum Beginn des Zweiten Weltkrieges erschien mit Christopher Isherwoods Roman "Leb wohl, Berlin"
ein Buch, das wie ein Requiem auf die alte Reichshauptstadt wirken musste. Jetzt hat Regisseur Leonhard Koppelmann eine Hörspiel-Fassung realisiert.

Christopher Isherwood
Leb wohl, Berlin

Regie: Leonhard Koppelmann
Musik: Jörg Achim Keller
Hörspiel mit Mathieu Carrière, Laura Maire, Barbara Philipp, Matthias Bundschuh,
Bernhard Schütz, Timo Weisschnur, Udo Kroschwald, Felix von Manteuffel, Friedhelm Ptok,
Martin Engler, Wanja Mues, Christopher Nell
Hörverlag
4 CDs
ISBN 978-3-8445-3631-7

Es sind die letzten Tage der Weimarer Republik. In Berlin pulsiert das Leben. Doch die Menschen wollen nicht wahrhaben, dass die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges bereits am Horizont droht. Der britische Schriftsteller Christopher Isherwood hat in seinem Roman "Leb wohl, Berlin" den melancholischen Abgesang auf eine verlorene Welt festgehalten. Jetzt hat Regisseur Leonhard Koppelmann eine Hörspiel-Fassung realisiert.

Christopher Isherwood "Leb wohl Berlin" (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 30.10.2019 05:51 Min. Verfügbar bis 29.10.2020 WDR 3

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Berlin pulsiert

Lachen, Menschenmassen, Unterhaltungsmusik, Glockengeläut, Kinderreime – Berlin, die Metropole: Sie pulsiert. Die Stadt erscheint unzähmbar, sie wirkt ungeordnet, prall und reich an Gegensätzen – mit glanzvoll überladenen Fassaden und pulsierendem Reichtum sowie auf der anderen Seite mit verdreckten Häuserfronten und dem Elend der Armut. Es ist das Berlin der späten 1920er und frühen 1930er Jahre. Die Weimarer Republik steht am Abgrund.

Christopher Isherwood

Christopher Isherwood

"Kabinett Müller tritt zurück, Brüning soll neuer Reichskanzler werden Das ganze Viertel sah so aus. Eine Straße nach der anderen mit Häusern wie riesige Geldschränke, vollgestopft mit den vergilbten Wertsachen eines bankrotten Mittelstandes und seinen Möbeln aus zweiter Hand."

Im Frühjahr 1929 kommt der britische Schriftsteller Christopher Isherwood nach Berlin. Er ist 24 Jahre jung, hat ein Geschichts- und ein Medizinstudium abgebrochen. Nun möchte er einen Roman schreiben – einen Roman, in dem er selbst auftritt unter seinem echten Namen.

"Isher- Isherwood, gib ihm auch noch was… – Nein, ich bleibe beim Bordeaux"

Ein kunstvolles, vielstimmiges Gesellschafts- und Geschichts-Panorama

Isherwood entwirft in "Leb wohl, Berlin" das Kaleidoskop einer Gesellschaft, die aus den Fugen gerät. Wie im Blitzlichtgewitter treten die Menschen auf und ab: Künstlerinnen wie die leichtsinnige Sally Bowles, die jüdische Kaufhaus-Familie Landauer, diverse Halbwelt-Gestalten und zwei junge Männer, die ihr Glück suchen und dabei voneinander abhängig sind. Der Roman besteht aus lauter Miniaturen, aus vielen Episoden und Dialogen.

"Die Welt am Abend – Was bringt die Welt 1931? – Die Welt am Abend: Letzte Ausgabe des Jahres. – Eine Ausgabe bitte – Kostet einen Groschen – Danke"

Isherwoods Roman wurde einem Millionenpublikum durch das Musical "Cabaret" von 1966 bekannt und durch die Verfilmung mit Liza Minnelli im Jahr 1972. Jetzt hat Heinz Sommer, der bereits Max Frischs "Homo faber" und den "Tonio Kröger" von Thomas Mann als Hörspiel bearbeitet hat, Isherwoods Romanvorlage neu eingerichtet. Regie führt Leonhard Koppelmann, eine Koryphäe unter den literarischen Hörspiel-Regisseuren. Hier entfaltet sich ein kunstvolles, vielstimmiges Gesellschafts- und Geschichts-Panorama, angereichert mit Ausschnitten aus Filmreportagen, Reden, Zeitungs- und Radiomeldungen.

"Kurz nach neun Uhr abends begannen sich größere Trupps von Nationalsozialisten am Kurfürstendamm zusammenzurotten. Es handelt sich hierbei offenbar um eine planmäßige Aktion der Hakenkreuzler, die den Zweck haben sollte, das jüdische Neujahrsfest zu stören…"

Die Sonne schien und Hitler herrschte über die Stadt.

Finster breitet sich mehr und mehr die Krake des Nationalsozialismus aus. Analog zur literarischen Vorlage schildert auch das Hörspiel auf eindringliche Weise, wie Berlin – und damit Deutschland – sich mehr und mehr dem Abgrund nähert.

"Die Sonne schien und Hitler herrschte über die Stadt. Fräulein Schröder sprach nur noch ehrwürdig vom Führer und hatte sich akklimatisiert. Sie folgt einem Naturgesetz, wie ein Tier, das sich ein Winterfell wachsen lässt. Tausende wie Fräulein Schröder würden sich akklimatisieren, sie mussten ja weiter in der Stadt leben, ganz gleich welche Regierung gerade an der Macht war."

Diese Hörspiel-Bearbeitung zeigt schonungslos, was Isherwood vor 80 Jahren in seinem Roman beschrieben hat – und was auch heute wieder von bedenklich stimmender Aktualität ist.

"Das gesamte öffentliche Leben in Deutschland befindet sich in einer schweren Krise. Wie in solchen Fällen üblich, fehlt es nicht an Rezeptemachern und Kurpfuschern, die ihre einzig erfolgversprechende Heilmethode anpreisen. Doch ist Politik kein Mittel, um Verwirrung zu stiften und um die Menschen gegeneinander zu verhetzen, wie es heute gang und gäbe geworden ist…"

Meisterhaft umgesetzt

Mathieu Carrière

Mathieu Carrière

Die Hörspiel-Produktion ist glänzend besetzt, vor allem mit Mathieu Carrière als mal einfühlsamem, mal betont nonchalantem Erzähler. Auch die Sprecher in den weiteren Rollen bilden ein vielschichtiges und überzeugendes Ensemble, darunter Christopher Nell als der junge Christopher Isherwood, Laura Maire als zarte, unsichere Sally Bowles oder Matthias Bundschuh als Bernhard Landauer. Der Roman wird hier in seiner ganzen Vielstimmigkeit auf geradezu virtuose Weise eingefangen, auch musikalisch durch eine Fülle von Anspielungen und einen gelungenen Mix zwischen Zwölftonharmonien, Swing und Drehorgelklang…

Das Hörspiel "Leb wohl, Berlin" setzt alle Facetten der Romanvorlage um: knallbunt und schrill, feinfühlig und abgründig – kurz: meisterhaft.

Stand: 30.10.2019, 15:01