Christopher Isherwood - Die Welt am Abend

Christopher Isherwood, Die Welt am Abend

Christopher Isherwood - Die Welt am Abend

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Ein Mann in einer Krise: die Ehe kaputt, die Welt vor dem Abgrund. Aber er stellt sich: seinen Erinnerungen an die flirrenden 30er Jahre, dem drohenden Weltkrieg.

Christopher Isherwood
Die Welt am Abend

Übersetzt von Hans-Christian Oeser
Verlag Hoffmann & Campe
384 Seiten
20.00 Euro

Christopher Isherwood: "Die Welt am Abend"

WDR 3 Buchrezension 16.09.2019 05:45 Min. Verfügbar bis 15.09.2020 WDR 3

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In den Hügeln Hollywoods

Stephen Monk, 32 Jahre alt, reich und attraktiv, wird von seiner Frau Jane schamlos betrogen. Vermutet hat er das schon seit längerem, Gewissheit erhält er während einer rauschenden Party hoch oben in den Hügeln Hollywoods:

"Jetzt plötzlich – jetzt, da es nie wieder Zweifel, Angst oder Argwohn geben würde – hier, in der brutalen Gegenwart der schlichten, unglaublichen Tatsache, empfand ich, womit ich nie gerechnet hätte: ein großes, fast quälendes Aufwallen von Schadenfreude, von schadenfroher Erleichterung. Erwischt. Endlich habe ich sie erwischt."

Tante Sarah

Noch in derselben Nacht fliegt er an die Ostküste, abschiedslos, vor Zorn zerrissenen und doch innerlich nur ein Haufen Elend. Er weiß nicht, was er will, was er soll, und landet schließlich, wohin er eigentlich nie zurückkehren wollte: bei seiner Tante Sarah, einer Quäkerin, die auf dem Land in der Nähe von Philadelphia lebt,

"eine kleine, kompakte, resolute Gestalt, eifrig und mädchenhaft, trotz ihrer weißen, unordentlichen Haare. Sarahs Haare waren schon immer unordentlich gewesen; und mir schien, dass das Einzige, was sich in all den Jahren, in denen ich sie kannte, an ihr verändert hatte, die Haarfarbe war. Ihre Augen und ihre Brille funkelten vor Aufregung. »Stephen«, rief sie, »willkommen daheim!«"

Man schreibt das Jahr 1941

Christopher Isherwood

Christopher Isherwood

Sarah fragt nichts und weiß doch alles, nimmt auf, was und wer Hilfe braucht, einen streunenden Hund ebenso wie diesen verletzten und verstörten Mann. Sie bietet – man schreibt das Jahr 1941 - auch einer aus Deutschland geflohenen Jüdin Schutz, Gerda Mannheim, die verzweifelt auf Nachricht von ihrem im KZ internierten Mann wartet. Gerda pflegt Stephen, als er bei einem Unfall – oder einem unbewussten Selbstmordversuch? - schwer verletzt wird. Eingegipst ans Bett gefesselt versinkt er in einem Wust von Erinnerungen, an seine gescheiterte Ehe mit Jane, vor allem aber rückblickend an seine erste Frau, die bekannte Schriftstellerin Elizabeth Rydal. Als Gerda hört, dass sie vor sechs Jahren gestorben ist, will sie taktvoll das Thema wechseln, doch Stephen wehrt ab:

"Ich spreche gern von ihr. Und es ist schon eine ganze Weile her, dass ich jemandem von ihr erzählen konnte ... Ich wünschte, Sie hätten sie kennengelernt, Gerda. Ich wünschte, jeder, den ich kenne, hätte sie kennengelernt ... Aber ich möchte, dass Sie zuerst dieses Buch lesen. Dann hätten wir etwas, womit wir anfangen können."

Reisende und Getriebene

"Dieses Buch" ist Elizabeths berühmter Roman "Die Welt am Abend". Er trägt also denselben Titel wie auch Christoper Isherwood eigenes Buch, und beide, der fiktive wie der reale Roman, tauchen ein in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, diese seltsam hektischen und schon unheilgeschwängerten 30er Jahre. Beide greifen Themen auf, die auch Isherwood selbst umgetrieben haben: den Lebenshunger und die sexuellen Exzesse einer hedonistisch-reichen jungen Oberschicht, eine kosmopolitisch offene Welt, in der die Reisenden doch zu Getriebenen werden, die atmosphärische Veränderung in einem Europa, das langsam von der braunen Pest infiziert wird.

"Sie breitet sich von Deutschland über ganz Europa aus. Sie wird von Auge zu Auge, von Stimme zu Ohr übertragen. Die Zeitungen stinken geradezu. Und auch der Rundfunk. Alles wird verpestet. (...) Das Alltagsleben geht nur wegen unserer völligen Unempfindlichkeit weiter."

Das Spiel der Geschlechter

Von all dem bleibt auch die tiefe Liebe zwischen der berühmten Schriftstellerin und ihrem zwölf Jahre jüngeren Ehemann nicht unberührt. Stephen liest die Briefe seiner Frau, die er veröffentlichen will, auch Briefe, die sie an andere geschrieben hatte – eine zum Teil bittere Lektüre, die ihn mit einem unerwarteten Blick auf sich selbst konfrontiert: Wie bedingungslos Elizabeth ihn liebte, selbst wenn sie genau wusste, dass er sie betrog, mit seiner späteren Ehefrau Jane, aber auch mit einem jungen Fotografen. Das oft changierende Spiel der Geschlechter war eins von Christopher Isherwoods Lebensthemen, die eigene Homosexualität hat er offensiv gelebt. Und er war ein politisch hellwacher Mensch, der die Schrecken der Nazizeit früh erahnte, wie sein autobiographischer Roman „Leb wohl, Berlin“ zeigt, die Vorlage für das 30er Jahre-Musical „Cabaret“. Themen, die er auch in „Die Welt am Abend“ aufgreift, diesem klugen, sensiblen, souverän erzählten Roman über verstörte Menschen in einer verstörenden Zeit.

"Ohne ihre Neonlichter wirkte die Stadt grimmiger denn je, und im feuchten Mittwinternebel nahmen sich die hohen Gebäude im Zentrum wie hochgestellte Särge aus. Die Straßen wimmelten von betrunkenen Matrosen und Soldaten; Hunderte von benommenen, entwurzelten Burschen, die sich, während sie darauf warteten, in den Krieg geschickt zu werden, die Zeit vertrieben. Sie waren eine neue, anonyme Rasse, die anwuchs und sich rasch im ganzen Land ausbreitete."

Eine späte literarische Entdeckung

Im angelsächsischen Sprachbereich ist Christopher Isherwood "Die Welt am Abend" als großer Roman bekannt und geschätzt – fast unbegreiflich, dass er erst jetzt zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde: eine wenn auch späte literarische Entdeckung und ohne Abstriche empfehlenswert.

Auch durch den Schluss des Romans, der auf Versöhnung setzt, mit anderen, mit sich selbst. Doch nicht mit dem Feind: der Pazifist Stephen Monk zieht in den Krieg - als Fahrer einer zivilen Rettungseinheit in Afrika.

Stand: 05.09.2019, 15:33