Lion Feuchtwanger - Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher

Lion Feuchtwanger - Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher

Lion Feuchtwanger - Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher

Von Judith Heitkamp

Notate zwischen Weltgeschichte und Rachenkatarrh - Lion Feuchtwangers Tagebücher führen im atemlosen Telegrammstil durch Bestseller-Erfolge, Liebschaften, Exil und Krieg.

Lion Feuchtwanger
Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher.

Herausgegeben von Nele Holdack, Marje Schütze-Coburn und Michaela Ullmann
unter Mitarbeit von Anne Hartmann und Klaus-Peter Möller
mit einem Vorwort von Klaus Modick
Aufbau Verlag, Berlin 2018
640 Seiten
26 Euro

Nicht zur Veröffentlichung bestimmt

Zweifellos – diese Tagebücher waren nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Sie dienen weder der Selbsterklärung noch dem Ruhm, die Nachwelt haben sie gar nicht im Blick – im, sagen wir, Thomas Mann‘schen Sinne hat Lion Feuchtwanger tatsächlich keine Tagebücher geschrieben. Und doch hat er an vielen, vielen Tagen seines Lebens kurz festgehalten, was war. Im Telegrammstil notiert er: Roman beendet, Sekretärin gevögelt, Rachenkatarrh.

"12. Juni (1935). An dem Aufsatz über "Sinn und Unsinn des historischen Romans". Von Rußland kommt Nachricht, sie wollten alle meine Bücher drucken. Mit Eva Herrmann ausgegangen. Mittel.

Die Frage ist ja, warum veröffentlicht man ein intimes Tagebuch, das nicht zur Veröffentlichung gedacht war? Ich denke, man macht es nur, wenn man es als Dokument und als Zeitzeugnis wichtig findet. Und der Mensch Feuchtwanger liegt jetzt natürlich nicht wie das offene Buch vor einem, aber er wird doch deutlicher als je zuvor in seinen Widersprüchen und in seinen besonderen Eigenheiten."

Lion Feuchtwanger - Ein möglichst intensives Leben

WDR 3 Mosaik 11.01.2019 05:33 Min. Verfügbar bis 11.01.2020 WDR 3

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Die Frage der Veröffentlichung

Lion Feuchtwanger, Porträtaufnahme, um 1950

Lion Feuchtwanger

Nele Holdack ist eine der drei – zwischen Deutschland und der Feuchtwanger Memorial Library in Kalifornien zusammenarbeitenden - Herausgeberinnen der Tagebücher und gleichzeitig leitende Lektorin im Aufbau-Verlag, in dem die Feuchtwanger-Werke erscheinen. Lange war die Frage der Veröffentlichung auch unter den Nachlassverwaltern umstritten, und nur Feuchtwanger-Forscher hatten das Privileg, vor Ort in Los Angeles Einsicht zu nehmen. 60 Jahre nach Lion Feuchtwangers Tod können nun alle Fans lesen, was der bis heute auflagenstarke Autor für erinnerungswürdig hielt. Zum Beispiel zu seinem Liebesleben.

"Diese Buchhaltung ist fast schon sagenumwoben ... er ist irgendwie ein Getriebener, immer auf der Suche nach Bestätigung. Die Regel war, dass wir Begegnungen beim ersten Mal grundsätzlich stehen lassen, Wiederholungen, wo es dann nur noch buchhalterisch gewesen wäre, haben wir aber weggelassen. Das führt dann zu so drastischen Zahlen, das z. B. von 750 mal „vögeln“ am Ende noch 100 stehen geblieben sind."

Erkenntnisgewinn

Nicht immer ist der Erkenntnisgewinn groß. Natürlich sind viele der neuralgischen Stellen aus den Tagebüchern in Zitaten bereits veröffentlicht. Das gilt etwa für die umstrittene Moskau-Reise 1936/37, nach der Feuchtwanger Stalin und seiner Sowjetunion eine umfängliche Ergebenheitsadresse schrieb. Da ist Feuchtwangers Weg ins Exil 1933, der im Einzelnen bisher weniger Aufmerksamkeit fand, spannender. Als Hitler Reichskanzler wird, ist der gefeierte Autor gerade in USA.

"New York, 31. Januar. […] Scharfer Angriff gegen mich im „Völkischen Beobachter“. Alle wollen mich interviewen über Hitler. [...] Mir ist sehr mies vor dem Vortrag heute Abend. [...] Dann geht alles ausgezeichnet, ich spreche besser als jemals. Whisky getrunken."

Das Panorama eines Lebens

Da hätte man gerne mehr gewusst. Was sagt er in diesen Interviews? Was steht im Völkischen Beobachter? Was sagen die Briefe, von denen er so unglaublich viele geschrieben hat, im Januar 33 zu Ängsten, Sorgen, Zukunftsfragen? Sicher, eine Tagebuch-Ausgabe kann nicht alles auf einmal leisten. Und doch führt das karge Telegramm-Staccato der Texte direkt zu der Notwendigkeit, die Notizen in den Zusammenhang mit anderen Schriften zu stellen. Dieser Wunsch wird nicht erfüllt -dennoch. Je länger man sich in den stichworthaften Stil einliest, je mehr Mosaiksteinchen zusammenkommen, umso mehr entsteht das Panorama eines Lebens. "Ohne Filter", wie Klaus Modick zu Recht in seinem Vorwort schreibt, ohne Glättung.

"St. Anton, 13. März Eilbrief der Sernau aus Zürich, mein Haus sei von S.A.-Truppen besetzt, das Auto und die Schreibmaschine beschlagnahmt. Die Akten und Manuskripte herausgerissen und fortgeschleppt. Ich nehme es sehr ruhig auf, auch Marta. Spazierengegangen. Ganz nett geflirtet."

Durchsprechprobe zu Nachtasyl. Eisner erschossen

Die Gelassenheit, die aus diesen Notaten spricht, ist beeindruckend bis beängstigend. "Durchsprechprobe zu Nachtasyl. Eisner erschossen", heißt es z. B. lakonisch 1919, in den Tagen der bayerischen Revolution. Oder 1940, als die Franzosen alle in Frankreich lebenden Deutschen einsperren: "Ausgezeichnet geschlafen. Vorbereitung für die Internierung." Oder das berührende "Neue Schreibmaschine gekauft. Neues Leben", das er gleich zu Anfang eines, wie er natürlich nicht weiß, lebenslangen Exils festhält. Richtig emotional wird es fast nie, und wenn, dann bei ganz anderen Themen – beim Ärger über das "Scheißauto" zum Beispiel, das in Sanary angeschafft wurde.

"Er ist Stoiker, und das hat ihm das Leben gerettet, genauso ist er aber auch leidenschaftlich, […] und das wiederum hat ihn den Schriftsteller werden lassen, der er von Anfang an sein wollte."

Umwerfend ungeschönte Zeilen

Marta Feuchtwanger, 1926

Marta Feuchtwanger

1940 reißen die ohnehin mehrfach unterbrochenen Tagebücher ab. Spätere Kladden, die es gegeben haben muss, wie aus Bemerkungen von Feuchtwangers Frau Marta hervorgeht, gelten als verschollen. Kein Innenblick also auf die schriftstellerisch erfolgreichen Exil-Jahre in Pacific Palisades und die bis zum Schluss nicht erfolgte Einbürgerung in den USA. Schade - so anstrengend diese Kurz- bis Kürzest-Notate mit all den Reihungen und Namen manchmal lesen zu sind. Denn es sind – Respekt! – umwerfend ungeschönte Zeilen. Aus einem reichen Schriftstellerleben mitten in den Verwerfungen des letzten Jahrhunderts.

Stand: 09.01.2019, 12:05