Inger-Maria Mahlke - Archipel

Inger-Maria Mahlke - Archipel

Inger-Maria Mahlke - Archipel

Von Insa Wilke

Unprätentiös, souverän, politisch relevant - Inger-Marias Teneriffa-Roman "Archipel" ist zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert. Überzeugend führt die Autorin den Familienroman ins 21. Jahrhundert.

Inger-Maria Mahlke
Archipel

Rowohlt Verlag, Reinbek 2018
432 Seiten
20 Euro

Inger-Maria Mahlke: "Archipel"

WDR 3 Mosaik | 05.10.2018 | 05:58 Min.

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Ringen um Souveränität

Die Menschen sind blind für den weiten Raum der Vergangenheit, aus dem sie kommen. Kein Wunder also, dass sie Mühe haben, in der Gegenwart einen festen Stand zu finden. Die Literatur findet in dieser Blindheit für die Vergangenheit und im menschlichen Ringen um Souveränität, seit jeher einen umso verlässlicheren Grund. Und wer jetzt einwenden möchte, nichts sei aber doch heutzutage so gut ausgeleuchtet wie die Vergangenheit, der lese Inger-Maria Mahlkes Roman "Archipel", der ganz zu Recht für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert worden ist.

Eine der Szenen des Entrees, die allein die Lektüre dieses Romans zu einer beglückenden machen, spielt in einem "Asilo", einem Altenheim in La Laguna, der früheren Hauptstadt der Kanarischen Inseln auf Teneriffa. Mit sicherem Gespür hat Mahlke eine ihrer Hauptfiguren an dem dramaturgisch plausibelsten aller Posten platziert: an der Pforte. Julio Baute – "el Portero" – ist selbst schon 95 Jahre alt und hat die Aufgabe, die dementen Bewohnerinnen und Bewohner daran zu hindern zu türmen.

"Zwei der Damen, Demetria mit ihrem Gehstock und Trini mit dem Papagei, lehnen bereits am Patiofenster. "Hola Chicas", hört Julio Baute die Freiwillige sagen, und wie hübsch sie doch beide heute aussehen. Die Damen kichern, aber Julio ist sich sicher, sie haben nur den kleiner werdenden Spalt der Tür im Auge."

Eine Sprache der Gesten

Was sich hier zeigt, ist Inger-Maria Mahlkes Verständnis für ihre Figuren, die Umsicht, mit der sie noch vermeintliche Nebenfiguren behandelt und die für die Intensität ihres Romans sorgen. Sie beherrscht eine Sprache der Gesten und weiß um die vielsagenden Schattierungen des Schweigens. Die beeindruckenden und auch berührenden Szenen aus dem Altenheim zeigen aber noch etwas anderes: „Archipel“ ermöglicht eine fast körperliche Zeit-Erfahrung.

Einige der Nebenfiguren, die an Julio Bautes Pforte rütteln, werden im Verlauf der Handlung in nur von aufmerksamen Lesern wahrnehmbaren beiläufigen Bemerkungen Kontur bekommen und so aus der Anonymität auftauchen. Als Leserin fühlt man sich dann ertappt in seiner eigenen Blindheit für die in den Lebensgeschichten der unmittelbarsten, alltäglichsten Umgebung geronnenen Zeit, diese Erkenntnis hat das Potential, ganz unspektakulär Leben zu verändern.

Fast einhundert Jahre in die Vergangenheit

Inger-Maria Mahlke spielt dieses Thema der für ihren Kontext blinden Existenz immer wieder in Variationen durch. Unauffällig geschieht das, weil auf der Handlungsebene der Familien- und der politischen Geschichte ja auch einiges zu verarbeiten ist. Dabei ist die grundlegende Form dafür ziemlich plakativ: die eines umgekehrten Stammbaums. "Archipel" erzählt von drei Familien, die für drei soziale Klassen stehen.

Die aristokratischen, großbürgerlichen Bernadottes mischten im Kolonialismus mit und gehörten zu den Gründern der rechten Partei, die später von Franco entmachtet wurde. Die Bautes repräsentieren den Mittelstand, der die Sozialisten unterstützte. Und die Frauen der Familie Morales leben am Fuß der sozialen Pyramide: ausgestoßen, benutzt und ganz auf sich gestellt.

Sie alle leben auf Teneriffa, der Insel, die den Brückenkopf bildete zu den Kolonien in Südamerika und Nordafrika. Von hier aus organisierte der auf die Kanaren strafversetzte General Franco 1936 seinen zweiten, entscheidenden Staatstreich, der erst in den Bürgerkrieg und dann in die Diktatur führte.

Inger-Maria Mahlke

Inger-Maria Mahlke

Wie im Brennglas lässt sich auf Teneriffa also spanische Geschichte betrachten, die vor allem im 20. Jahrhundert immer auch mindestens europäische Geschichte war, ob es um Kolonialismus, Faschismus oder den Klassenkampf geht. Mahlke gräbt sich Kapitel für Kapitel fast einhundert Jahre in die Vergangenheit zurück, beginnend im Jahr 2015, bei Rosa, der Tochter von Ana Baute und Felippe Bernadotte. Sie erzählt dabei nicht in bequemen großen Bögen, federt nicht den manchmal durchaus mühsamen Gang zurück in die Zukunft durch Cliffhanger ab, sondern entwirft ihren Familienroman als hauchfeines Gewebe von Andeutungen. Das klingt dann zum Beispiel so:

"Begonnen hat es vor einem Jahr, im Februar 1957, als Lorenzo abends mit einem länglichen Streifen Papier in der Hand aus dem Auto steigt. Dem Fahrer nicht zunickt, der ihm die Wagentür aufhält, an der Hilfe vorbei – sie wartet am Eingang, um Hut und Mantel entgegenzunehmen – die Empfangshalle durchquert."

Geschichte fährt einem in die Knochen

In diesem Stil erzählt Mahlke davon, wie Rosas faschistischer Urgroßvater Lorenzo degradiert wurde, ohne den historischen Hintergrund der franquistischen Macht-Politik, der aber wesentlich ist, auch nur einmal zu erwähnen. Sie geht also sehr weit in dem, was sie ihren Leserinnen und Lesern zutraut. Anders ist aber die aufregende, auf die Intuition der Leser setzende Genauigkeit ihrer Charakterzeichnungen nicht zu haben. Und niemals wäre ihr sonst diese magische Metamorphose einer ästhetischen Erfahrung in eine existentielle gelungen. Man liest nicht von der stumm gestellten Geschichte, sondern sie fährt einem in die Knochen. „Gelöscht ist auf ewig gespeichert“, sagt Rosas Vater Felipe, der selbst vergeblich versucht hat, sich von seinem Erbe zu befreien.

Vater Felipe, der selbst vergeblich versucht hat, sich von seinem Erbe zu befreien. Es ist nicht neu, dass sich Literatur der Frage widmet, wie die unerzählten Erfahrungen von Menschen noch Generationen später fatal nachwirken. Es sind vor allem Frauen, die in den letzten Jahren danach fragen: Ines Geipel, Katja Petrowskaja, Anne Weber. Inger-Maria Mahlke erzählt davon mit ihrem fiktiven Roman "Archipel" auf besonders eindringliche Weise und führt so den Familienroman ins 21. Jahrhundert, unprätentiös, literarisch souverän und – vor allem – auch politisch relevant.

Stand: 04.10.2018, 15:28