Ernest Hemingway - In einem anderen Land

Ernest Hemingway - In einem anderen Land

Ernest Hemingway - In einem anderen Land

Von Kurt Darsow

A Farewell to Arms“. Ernest Hemingways Flaschenpost aus dem Ersten Weltkrieg erscheint in neuer Übersetzung. Sie zeigt den Kraftkerl als Sprachkünstler.

Ernest Hemingway
In einem anderen Land

Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Rowohlt Verlag, Reinbek 2018
400 Seiten
25 Euro

Ungereimtheiten und hautnahe Schlachtbeschreibung

"Im Spätsommer dieses Jahres waren wir in einem Haus in einem Dorf mit Blick über den Fluss und die Ebene zu den Bergen. Im Flussbett lagen Kiesel und Felsen, trocken und weiß in der Sonne, und das Wasser war klar und strömte schnell und blau in den Rinnen."

Ernest Hemingway an seinem Schreibtisch

Ernest Hemingway

Mit diesen kurz angebundenen Tatsachensätzen beginnt Ernest Hemingways 1929 bei Scribner‘s in New York erschienener Roman "A Farewell to Arms". Der Titel der schon im Jahr darauf im Rowohlt Verlag herausgekommenen deutschen Übersetzung "In einem anderen Land" trifft die Sache besser.

Er bezieht sich nicht nur auf die Kurzgeschichte "In Another Country", die als Keimzelle des Romans gelten kann, sondern weist auch auf den imaginären Charakter des Romans hin. Den grausamen Operettenkrieg um ein paar uneinnehmbare Bergspitzen am Grenzfluss Isonzo, für den Hemingway immer wieder als Zeitzeuge angeführt wird, kannte er höchstens vom Hörensagen. Erst ein halbes Jahr später, als die italienische Front sich bereits im Zustand heilloser Auflösung befand, nahm er als Sanitätsoffizier des Roten Kreuzes am Ersten Weltkrieg teil. Das österreichische Mörsergeschoss, das ihn im Juli 1918 nur um Haaresbreite verfehlte, wurde nicht an den Ufern des Isonzo abgefeuert, sondern bei Fossalta di Piave nördlich von Venedig. Doch solche Ungereimtheiten können seiner hautnahen Schlachtbeschreibung nichts anhaben. Sie belegen lediglich, dass der Ich-Erzähler Frederic Henry nicht Hemingways Alter Ego ist. Und auch die blonde Krankenschwester, in die der beinverletzte sich im Hospital verliebt, ist eine weitgehend erfundene Figur.

Wärmeinseln der Normalität

"Hallo, Darling, sagte sie. Sie sah frisch und jung aus und sehr schön. Ich dachte, noch nie habe ich eine so schöne Frau gesehen. In mir drehte sich alles. Sie schaute zur Tür, sah, da war niemand, setzte sich auf die Bettkante, beugte sich über mich und küsste mich."

Gottfried Benn war von der bittersüßen "love affair" zwischen dem amerikanischen Kriegsfreiwilligen und der schottischen Krankenschwester entzückt. "Sätze von einer Zärtlichkeit, die einem physisch im Rückenmark vergehn" und eine "Unmittelbarkeit, die nur großer Stil hervorbringt" sagte er dem Schmöker nach, den er 1943 in einer Berliner Leihbibliothek aufgegabelt hatte. Thomas Mann dagegen pries "In einem anderen Land" als ein "wahrhaft männliches Buch" und lag mit dieser Wertung wie so oft daneben. Denn mit Frederic Henrys Männlichkeit ist es glücklicherweise nicht weit her.

Der US-amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway

Ernest Hemingway

Aus dem Wetterleuchten der Artillerie, den vernichtenden Feuerschlägen, "als würde die Tür eines Hochofens aufgerissen", den schlammbespritzten Marschkolonnen und standrechtlichen Erschießungen flüchtet er sich immer wieder in Wärmeinseln der Normalität, die ihm den Krieg überhaupt erst erträglich machen: hochgestecktes Haar und wunderbar glatte Haut, eisgekühlter Capri Bianco und ein sauberes, gut beheiztes Café, die frische Hasenspur im Schnee und das leise Zittern einer Angelschnur. Dem Wüten der Geschichte setzt er Momente von pflanzenhafter Ruhe entgegen, in denen die Waffen schweigen und die Zeit stillzustehen scheint.

Ein Sprachkünstler von hohen Graden

Monoton aneinander gereihte Hauptsätze, oft nur aus Subjekt, Prädikat und Objekt bestehend, sind Hemingways Spezialität. Monoton? Wer den Meister der sprachlichen Verknappung zum unbeholfenen Langweiler herabstuft, verkennt die immense Feinarbeit, die in seinen ausgenüchterten Tatsachenbeschreibungen steckt. Was nach dem Muster der Zeitungsreportage oder des Polizeiberichts geschneidert zu sein scheint, arbeitet mit lautmalerischen Mitteln subtilster Art. Neununddreißig Mal hat er nach eigenem Bekunden allein den letzten Absatz des Romans umgeschrieben, bis der Wortklang dem Stimmungsgehalt entsprach. Auch die neue Übersetzung von Werner Schmitz kann dieser stilistischen Finesse nur annähernd gerecht werden. Ansonsten aber ist sie der "autorisierten" Fassung von Annemarie Horschitz-Horst aus dem Jahr 1930 in nahezu allen Belangen überlegen. Sie bringt ihr altbackenes Vokabular auf den neuesten Stand und stellt darüber hinaus zahlreiche grammatikalische Ungenauigkeiten richtig. Auch in den dialogischen Partien des Romans trifft sie die Rauheit des Originals durchweg besser. Dieter Wellershoff hat dem auf der Stelle tretenden Palaver, das viel sagt, indem es nichts sagt, die "Endlosigkeit formelhaften Weiterredens" attestiert. In der Nachbarschaft Samuel Becketts hatte man den Kraftkerl Hemingway bisher nicht vermutet. Als Sprachkünstler von hohen Graden ist er erst noch zu entdecken. Zu dieser Ehrenrettung leistet die neue Übersetzung einen wichtigen Beitrag.

Ernest Hemingway: "In einem anderen Land"

WDR 3 Buchrezension 05.02.2019 05:20 Min. Verfügbar bis 05.02.2020 WDR 3

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Stand: 04.02.2019, 15:30