Hannah Arendt und Mary McCarthy - Im Vertrauen – Briefe von 1949 - 1975

Im Vertrauen – Briefe von 1949 - 1975

Hannah Arendt und Mary McCarthy - Im Vertrauen – Briefe von 1949 - 1975

Von Monika Buschey

Der Briefwechsel von Hannah Arendt und Mary McCarthy spiegelt Privates und Politisches. Das Dokument einer innigen Freundschaft. Ein Austausch, der noch Jahrzehnte später fasziniert, lebendig gemacht im Hörbuch.

Im Vertrauen – Briefe von 1949 - 1975
Katharina Thalbach und Sandra Quadflieg lesen
Hannah Arendt und Mary McCarthy
Random House Audio
Zwei Audio CDs
ISBN 978-3-8371-4606-6

"Man kann nicht sagen, wie das Leben ist, es sein denn, man erzählt die Geschichte."

Was immer Hannah Arendt mit diesem Satz gemeint hat – als Auftakt eines Hörbuchs macht es sich gut. Aus den Briefen, die Hannah und Mary einander geschrieben haben, entstehen Geschichten, die auf besonders intensive Weise von den Überraschungen des Lebens erzählen. Die Schriftstellerin und die Philosophin bleiben nicht beim Persönlichen - obwohl es breiten Raum einnimmt - sie erläutern ebenso engagiert die politischen Entwicklungen, die Probleme beim Schreiben, und sie ermutigen sich gegenseitig, wenn wieder einmal eine Ungerechtigkeit zu beklagen ist.

"Vermont, 28. Juni 1959. Liebste Hannah, eine bösartige Attacke, hast Du diese Rezension gelesen? Sie trägt das charakteristische Zeichen, eine Art glitzernde Bösartigkeit. Jedenfalls scheint das alles reichlich niederträchtig."

Hannah geht auf die bösartige Attacke, die einem Text der Freundin gilt, gar nicht weiter ein, stattdessen konzentriert sie sich auf ein Lob, Balsam für die verletzte Ehre.

"Liebste Mary, gerade habe ich den letzte Teil deiner Florenz-Serie im New Yorker gelesen – allerdings nicht die vorausgehenden, und darüber bin ich ganz unglücklich. Dies ist hervorragend! Und besonders mag ich die Landschaftsbeschreibungen… Der Schlüssel zum Rätsel liegt für mich in deiner absoluten Gleichheit und Gleichzeitigkeit des Toten und Lebendigen. Übrigens bist Du sehr viel sorgfältiger, als ich erwartet habe. In Liebe, Hannah."

Glückwünsche zur Wohnung

Mary McCarthy

Mary McCarthy

Mary McCarthy wurde 1912 in Seattle geboren. Ihr Roman "Die Clique" machte sie berühmt. In den 50er Jahren lebte sie lange in Europa.

"Liebste Hannah, inzwischen haben wir in fieberhafter Eile eine Wohnung gekauft. Sie liegt in der Rue de Rennes, nah Gare Montparnasse. Um genau zu sein im oberen Stock eines viktorianischen Hauses.

Liebste Mary, schön von Dir zu hören. Mir ist so bewusst, wie sehr Du mir hier fehlst. Meine Glückwünsche zur Wohnung. Ich weiß genau, wo es ist. Arbeitest Du? Ich las ein Interview, das Du der Paris Review gegeben hast und fand es gut. Ich bin mitten im Eichmann und ziemlich verzweifelt, weil ich es nicht so kurz machen kann, wie ich wollte."

Meine deutsche ‚Widergutmachungssache‘

Hannah Ahrendt

Hannah Ahrendt

Hannah Arendt wurde 1906 in eine jüdische Familie hinein geboren, sie studierte bei Heidegger und Jaspers und emigrierte 1933 über Paris nach New York.

Als sie beauftragt wurde, über den Eichmann-Prozess zu berichten, kam sie nach Europa zurück. Sie berichtete ausführlich. Von Hannah Arendt stammt die Formulierung von der "Banalität des Bösen".

"Meine deutsche ‚Widergutmachungssache‘ ist gut gegangen. Ganz plötzlich. Als selbst mein überoptimistischer Anwalt nahezu aufgegeben hatte. Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Praktisch bedeutet das, dass mir eine deutsche Hochschullehrer-Pension zugesprochen wurde, zuzüglich einer rückwirkenden Zahlung der Gehälter, die mir deutsche Universitäten gezahlt hätten, wenn ich 1933 nicht hätte emigrieren müssen."

Ein Eklat in Manhattan

Wie politisch Privates sein kann, hört man aus diesem Briefwechsel überzeugend heraus. Den Auftakt der wunderbaren Freundschaft bildet ein Eklat in einer Bar in Manhattan.

"Ich war von Hannahs skeptischem Witz beeindruckt, von ihrer forschen Sieh-mal-einer-an-Unbekümmertheit. Auf einer Party in New York – wir beide kannten uns gerade erst ein Jahr - hatte ich eine unglückliche Bemerkung in einem Gespräch über die Feindseligkeit der französischen Bürger gegenüber den deutschen Besatzern von Paris gesagt: Dass mir Hitler leid täte, weil er absurderweise die Liebe seiner Opfer wolle. Das war reiner Zynismus, eine Bemerkung, die fromme Antifaschisten vor den Kopf stoßen sollte, nicht Hannah. Aber sie wurde zornig.

Wie können Sie so etwas in meiner Gegenwart sagen?"

Es brauchte eine Weile, aber dann schlug die Stimmung um.

"Bei einem politischen Treffen, bei dem wir beiden Frauen uns in der Minderheit befunden haben, wandte sich Hannah zu mir und sagte:
Machen wir doch Schluss mit dem Unsinn. Wir denken doch so ähnlich.
Und so begann unser Briefwechsel."

Das Bild einer Epoche

Ob Katharina Thalbach mit ihrer sehr speziellen Stimme die ideale Besetzung für Hannah Arendt ist, sei dahingestellt.

Porträt der Schauspielerin Katharina Thalbach

Katharina Thalbach

Fest steht, dass sie ihrer Partnerin Sandra Quadflieg in Gestaltung und Ausdruck weit überlegen ist. Souverän bewegt sich Thalbach durch die weit verzweigte Korrespondenz, sie spürt die Ironie und die bissigen Pointen auf und kostet aus, was immer die Vorlage hergibt.

Sandra Quadflieg

Sandra Quadflieg

Aus den Briefen entsteht das Bild einer Epoche, die den Vietnam-Krieg, den Eichmann-Prozess, die Veröffentlichungen der beiden Freundinnen einschließt und tiefe Einblicke in ihr Leben und ihre Ansichten gewährt. Nach Hannahs Tod, 1975, kümmert Mary sich um ihren Nachlass, vollendet in ihrem Namen, was Hannah nicht mehr hat schaffen können.

"Vielleicht stimmt sie mir mit ihrem nachdenklichen Nicken zu. Vielleicht unterdrückt sie ein Gähnen."

Hannah Arendt und Mary McCarthy - Im Vertrauen

WDR 3 Buchkritik 12.12.2019 05:57 Min. Verfügbar bis 11.12.2020 WDR 3

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Stand: 11.12.2019, 14:32