Buchcover: "Im dunklen Zimmer" von Isaac Rosa

"Im dunklen Zimmer" von Isaac Rosa

Stand: 09.09.2022, 12:40 Uhr

Dem Aufschwung und dem Versprechen stetigen Fortschritts folgen in Spanien Absturz und Krise. Isaac Rosa zeichnet in "Im Dunklen Zimmer" mit großer Suggestivkraft das Porträt einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Eine Rezension von Holger Heimann.

Isaac Rosa: Im dunklen Zimmer
Aus dem Spanischen von Luis Ruby
Liebeskind Verlag, 2022
296 Seiten, 24 Euro

Eine Generation in der Krise

Die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 traf Spanien besonders hart und weitete sich zur Immobilienkrise. Viele verloren nicht nur ihre Jobs, sondern auch ihre Wohnungen und die Hoffnung auf ein gutes Leben. Der spanische Schriftsteller Isaac Rosa erzählt in seinem neuen ins Deutsche übersetzten Buch "Im dunklen Zimmer", das im Original bereits 2013 erschien, vom Lebensgefühl seiner Generation vor und nach dem Crash.

"Meine Generation ist die erste Generation der Demokratie. Wir wurden in den letzten Jahren der Diktatur beziehungsweise in den ersten Jahren der Freiheit geboren. Der Roman folgt dem Weg von Wachstum, Zufriedenheit und Wohlergehen zur Krise. Es ist eine globale Krise, aber es gibt ein spanisches Kapitel, das hat mit der Immobilienkrise zu tun. Meine Generation musste die Erzählung, an die sie glaubte, dass wir in einer stabilen Demokratie leben, dass es uns besser geht als unseren Eltern und die Zukunft eine gute ist, revidieren. Das hat zu einer großen Desillusionierung geführt, zu Demonstrationen und zur Entstehung sozialer Bewegungen."

"Im dunklen Zimmer" von Isaac Rosa

Lesestoff – neue Bücher 14.09.2022 05:47 Min. Verfügbar bis 14.09.2023 WDR Online Von Holger Heimann


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Ein Ort freundschaftlicher Ausgelassenheit

Der Ort dieses Wandels ist das titelgebende dunkle Zimmer. Das Untergeschoss eines von Freunden angemieteten Ladenlokals wird in den 1990er Jahren zum Ort freundschaftlicher Ausgelassenheit und sexueller Freizügigkeit. Das Leben am Ausgang der Jugend ist eine fröhliche Party, an den Kater danach denkt niemand.

"Wir hatten mehrere bunte Brillen, zeigten lachend die Zähne, wenn wir auf die Freundschaft anstießen, und verbanden jemandem die Augen, der gleich ein Geschenk bekommen sollte, wir tänzelten leichtfüßig über die Straße, obwohl wir mehrere Tüten in jeder Hand trugen, und atmeten mit der Nase im Glas, bevor wir den Wein verkosteten, und betrachteten nach dem Duschen die Form unserer Arme und Brustmuskeln im Spiegel, und wenn wir uns auf dem Sofa küssten, strichen wir mit den Fingerspitzen über Schenkel, und wir schlossen die Augen beim ersten Schluck Morgenkaffee und bestrichen dick das Toast und stellten Teelichter auf den Badewannenrand."

Die Vergangenheit als Traumwelt

Im Rückblick wirkt das Feingefühl, die gesteigerte Aufmerksamkeit für den eigenen Alltag fade und geradezu lächerlich. Der ungleich härtere Alltag nach dem Zusammenbruch leuchtender Lebensentwürfe lässt die Vergangenheit wie eine Traumwelt wirken. Aber wer erzählt hier?

"Es ist die Stimme der Gruppe, aber es ist auch die Stimme des Raumes. Es ist die Stimme des Autors, des Lesers. Ich wollte, dass der Leser sich so fühlt, als wäre er im dunklen Zimmer und jemandem zuhört. Die Stimme umgibt dich im Dunkeln, aber du weißt nicht, wer spricht."

Verschiedene Irritationen

Es dauert ein wenig, bis man sich dieser Erzählerstimme, deren Offenheit und Vagheit Luis Ruby treffend ins Deutsche gebracht hat, überlässt. Und es ist nicht die einzige Irritation des Romans. Kurze Einschübe unterbrechen immer wieder den Erzählfluss.

Erst am Ende wird klar, dass es sich hierbei um heimlich aufgenommene kompromittierende Videos mächtiger Wirtschaftsführer handelt. Denn Rosa folgt nicht nur der Ernüchterung einer Gruppe von Freunden, von denen viele Arbeit und Halt verlieren. Der Roman geht auch der Frage nach, welche Wege es gibt, sich zur Wehr zu setzen.

"Nach der Krise wurden vier-fünf Jahre lang heftige soziale Kämpfe ausgefochten. Es gab Demonstrationen, Proteste. Aber danach war die Gesellschaft müde. Wir konnten nicht weiterkämpfen, aber wir hatten nichts gewonnen. Weder wurde die Sparpolitik beendet, noch gab es mehr soziale Rechte. Und das war der Punkt, an dem wir diskutierten, was zu tun ist. Wir hatten alles versucht. Einige wollten weiter gehen, die roten Linien überschreiten."

Eine unergründliche Metapher

Rosa erzählt von einer Radikalisierung. "Die Angst muss die Seiten wechseln", ist die Parole. Es ist ein Satz, der in Spanien in den Jahren des Protestes populär wurde. Dieser eminent politische Roman ist dicht an den Kämpfen der Zeit. Isaac Rosa selbst macht kein Hehl daraus, dass er selbst auch Aktivist ist.

Doch sein Roman ist keine Kampfschrift. Er gibt keine Antworten, sondern stellt lieber Fragen. Das dunkle Zimmer lässt sich als unergründliche Metapher für den Zustand der spanischen Gesellschaft verstehen.