Buchcover: "Ich verliebe mich so leicht" von Herve Le Tellier

"Ich verliebe mich so leicht" von Herve Le Tellier

Stand: 19.09.2022, 12:00 Uhr

"Ich verliebe mich so leicht" erzählt vom Liebeswahnsinn und was er in Gang setzt. Hervé Le Tellier hat ein leichtes, beschwingtes, ein sehr französisches Buch geschrieben. Eine Rezension von Holger Heimann.

Herve Le Tellier: Ich verliebe mich so leicht
Aus dem Französischen von Jürgen und Romy Ritte.
Rowohlt Verlag, 2022.
128 Seiten, 20 Euro.

Verliebt und verrückt

Der Protagonist dieses schmalen Romans, der auf altmodische Weise als "unser Held" vorgestellt wird, hat nichts Heldenhaftes. Er ist fast 50 Jahre alt und durchaus lebenserfahren. Doch er denkt nicht mehr klar und handelt nicht länger überlegt. Er weiß das selbst, aber er kann nicht anders. Und hat nicht Oscar Wilde schon gesagt, dass Verrücktheiten die einzigen Dinge sind, die man nicht bereut?

Weil er sich in Paris Hals über Kopf in eine sehr hübsche, sehr viel jüngere und bereits gebundene Frau verliebt hat, macht er sich auf den Weg nach Schottland. Dort hält sich die junge Frau bei ihrer Mutter auf und der aufdringliche Verliebte ist alles andere als willkommen. Er bemerkt das noch auf dem Flughafen in Paris, als er sie anruft, um mitzuteilen, dass sein Flug fünf Stunden Verspätung hat. Aber einen Rückzieher kann und will er nicht machen.

"Er versucht nichtsdestoweniger – du kannst dich nicht neu erfinden –, unserer Heldin einen zärtlichen Satz abzuringen oder wenigstens ein paar ermutigende Worte. Sie gibt nicht nach, doch tut es ihr, so viel gesteht sie ihm zu, immerhin leid zu hören, dass er in Charles de Gaulle festsitzt. Dann gibt sie ihr Einverständnis, dass er sie anruft, sobald er auf dem Weg nach Braemore ist. Tut mir leid, hat sie gesagt. Das ist wenig. Sehr wenig. Ehrlich gesagt, ist all dies zum Heulen. Aber unser Held ist zu groß, um zu heulen."

Das ist der leichte, beschwingte Ton dieses lakonischen Romans, der so vielleicht nur in französischer Sprache geschrieben werden konnte und den Jürgen und Romy Ritte wunderbar ins Deutsche gebracht haben.

Hervé Le Tellier: Ich verliebe mich so leicht

Lesestoff – neue Bücher 19.09.2022 05:35 Min. Verfügbar bis 19.09.2023 WDR Online Von Holger Heimann


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Von der Lust daran Konventionen zu sprengen

Mit feinem Humor erzählt Hervé Le Tellier vom Liebeswahnsinn und was er in Gang setzt. Doch die Bücher des gelernten Mathematikers und Linguisten sind zumeist mehr als das, was sie scheinen. Le Tellier ist Mitglied bei Oulipo, dem legendären avantgardistischen Autorenkreis, der angetrieben wird von der Lust daran, Genres, Formen und Konventionen zu sprengen und neu zu mischen.

Die kurzen Vorreden zu den zwölf Kapiteln, in denen etwa darauf hingewiesen wird, dass "unser Held wieder Hoffnung schöpft" oder "unsere Heldin zu zögern scheint", sind ein verschmitztes Spiel mit älteren Schreibtraditionen. Doch zugleich bestimmt im Kern eine fast klinische Nüchternheit den dreitägigen Reisebericht. Hervé Le Tellier zeichnet den Prozess einer Enttäuschung nach.  

"Er fragt sich jetzt auch, ob es nicht sogar diese Verweigerung der Liebe ist, die ihn anzieht, die ihn fesselt, die ihn an den Rand eines Abgrunds führt. Ist die Anziehungskraft, so sinniert er, nicht ein Synonym für die Schwerkraft, und zieht das schwarze Loch, von dem kein Licht ausgeht, nicht stärker noch an als alle Sterne?"

Die Liebe wandelt sich

Bei aller Ernüchterung und allem Erkenntniswillen, die Hoffnung kommt immer wieder dazwischen. Auch das überrascht uns nicht, so wenig wie den Helden der Geschichte. In Paris, so stellt er sich vor, wird er seine Angebetete wiedersehen und dann wird sie vielleicht weniger abweisend sein und sich ihm hingeben. Denn die Liebe, so sagt er sich, "sie geht, kommt zurück, wandelt sich, bewegt sich, sie fällt und richtet sich wieder auf, wenn man sie schon tot glaubt". Möglich scheint es aber auch, dass eine andere Frau ins Spiel kommt. Denn schließlich weiß unser Held von sich: "Ich verliebe mich so leicht."

"Er ist immer noch siebzehn. Aber wie viele Jahre noch, großer Gott, wird er siebzehn sein? Warum altert sein Herz nicht wie seine Haut, seine Augen?
Werden ihn in zehn, zwanzig Jahren immer noch Leidenschaften quälen, die auszuleben er dann nicht einmal mehr zu hoffen vermag? Ist es ein Zeichen von Stärke, von Schwäche, von Wahnsinn, nicht altern zu können?"

Fantasien kollidieren mit der Wirklicheit

Diesem lebensklugen Roman geht alles Schwergewichtige ab. Wo sich zu viel Bedeutung breit zu machen droht, da ist der Spott des Autors schon zur Stelle. Auf der schottischen Heide glotzen den Verliebten beim Spaziergang mit der jungen Frau die Schafe an, romantisch ist das nicht.

Hervé Le Tellier lässt die schillernden Vorstellungen und Fantasien seines Helden immer wieder mit der Wirklichkeit kollidieren. Dabei kommt es nie zum großen Crash, sondern zu einer Reihe von kleinen Frustrationen. Nichts ist in Schottland so, wie der Mann sich das erträumt hat. Nicht einmal das Fahrrad der jungen Frau passt in den Kofferraum des Autos, das er gemietet hat. Da nützt es auch nichts, dass der Fahrer die Rücksitze umklappt.