Rachel Kushner - Ich bin ein Schicksal

Rachel Kushner - Ich bin ein Schicksal

Rachel Kushner - Ich bin ein Schicksal

Von Holger Heimann

Für immer hinter Gittern: Romy verbüßt eine lebenslange Haftstrafe, weil sie ihren Stalker erschlagen hat. Aber wie lässt sich ohne Perspektive überleben?

Rachel Kushner
Ich bin ein Schicksal

Aus dem Englischen von Bettina Abarbarnell
Rowohlt, Reinbek 2019
400 Seiten
24 Euro

Rachel Kushner: "Ich bin ein Schicksal"

WDR 3 Buchrezension 19.08.2019 05:29 Min. Verfügbar bis 18.08.2020 WDR 3

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In einem Gefangenentransporter mit vergitterten Fenstern

Die Verlegung von der Untersuchungshaftanstalt in das große Staatsgefängnis geschieht nachts. Die Frauen sitzen mit Handschellen und Ketten gefesselt dicht gedrängt in einem Gefangenentransporter mit vergitterten Fenstern. Viel ist draußen ohnehin nicht zu sehen. Die abgelegenen Straßen sind menschenleer. Die Normalbürger sollen verschont werden vom Anblick der Häftlinge.

Die gefeierte Schriftstellerin Rachel Kushner, die in Los Angeles in Sichtweite zu einem gigantischen Gefängniskomplex lebt, betritt mit ihrem dritten Roman die Räume einer hinter Mauern verborgenen Welt. Dabei habe sie nicht vordergründig einen Gefängnisroman schreiben wollen, sagt Kushner. Ihre Intension sei eine andere gewesen:

"Für mich ist es nicht in erster Linie ein Buch über ein Gefängnis und eine Frau im Gefängnis, sondern ein Roman über Kalifornien, über die Gegenwart. Ich wollte über das Jetzt schreiben, darüber, wie wir dahin gekommen sind, wo wir sind. Mich als eine Kalifornierin, die in San Francisco aufgewachsen ist und in Los Angeles lebt, interessiert Kalifornien als ein Ort, an dem sich die Brutalität der nahen Zukunft zeigt."

Zu zweimal lebenslänglicher Haft

Kushners Hauptfigur Romy Hall ist 29 als sie zu Beginn des Buches im Jahr 2003 in das große Frauengefängnis Stanville überführt wird. Die Mutter eines kleinen Jungen wurde zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt, weil sie einen Stalker erschlagen hat, um endlich von ihm und ihrem früheren Leben befreit zu sein. Überwiegend aus ihrer Perspektive wird die Gefängniswelt kenntlich. Romy erinnert sich aber auch an die Zeit davor:

"Ich arbeitete im Mars Room, machte dort Lapdances. Der Mars Room ist noch nicht mal das beste Striplokal in San Francisco. Er hat gar kein Ansehen, es sei denn, man findet es beeindruckend, dass er kein durchschnittliches oder mittelmäßiges Striplokal ist, sondern definitiv das schlechteste und verrufenste, allerschäbigste und zirkusähnlichste Etablissement seiner Art."

Ich kenne das Milieu meines Buches

Rachel Kushner

Rachel Kushner

Romy ist, lange bevor sie hinter Gittern verschwindet, eine Gefangene der Umstände, unter denen sie heranwächst. Ihre schroffe Mutter lebt von Heirat zu Scheidung zu Wiederheirat. Um ihre Tochter, die sie nach einer berühmten österreichischen Schauspielerin benannt hat, kümmert sie sich nicht. Das Mädchen ist elf Jahre alt, als sie ein älterer, wohlhabender Mann in ein Hotelzimmer lockt und dort missbraucht. Drogenabhängig und auf sich allein gestellt wandeln Romy und ihre Freunde beständig am Rand des Abgrunds. San Francisco erscheint keineswegs als ein Ort der Schönheit, sondern als eine Stadt der "feuchtkalten Nebelfinger, die in die Kleider krochen".

Kushner ist selbst im Sunset District in San Francisco groß geworden. Ihre Eltern waren Beatniks, die zeitweise mit einem Wohnwagen umherzogen:

"Ich kenne das Milieu meines Buches, ich habe Charaktere erschaffen, die mir sehr vertraut sind. Die Erzählerin kommt aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Die Menschen, an die sie sich erinnert, das sind Menschen, wie ich sie gekannt habe."

Das ganze System

Rachel Kushner hat verschiedene Haftanstalten in Kalifornien besucht, immer wieder war sie mit einer Menschenrechtsorganisation im größten Frauengefängnis des Landes Chowchilla, das zum Vorbild für das Romangefängnis Stanville wurde. Ihr Buch profitiert von diesem Engagement, noch mehr aber von langen Gesprächen mit einer ehemaligen Gefängnisinsassin, der Kushner am Ende des Buches für ihr "Expertenwissen" dankt. Doch so genau das Buch den Gefängnisalltag auch ausleuchtet, es verliert sich nicht in Details. Kushner will das Ganze zeigen, ein System, das mit Gewalt auf frühere Gewalt antwortet.

Ihre wache Beobachterin Romy erzählt anschaulich und präzise von der Abstumpfung der Aufseher und von den Überlebensstrategien der Häftlinge: Eine schwangere junge Frau, die ihr Baby im Gefängnis zur Welt bringt und das Kind nicht sehen darf, hält sich fortan ein Kaninchen und näht ihm Kleider. Diese Innensicht der Gefängniswelt wird von Zeit zu Zeit unterbrochen durch die Perspektiven verschiedener Nebenfiguren. Der Gefängnislehrer Gordon Hauser blickt von außerhalb der Zellen auf die Logik institutionalisierter Vergeltung:

"Sie alle waren Menschen, die litten und auf dem Weg ihres Leidens andere leiden ließen, und Gordon konnte nicht erkennen, wie Gerechtigkeit daraus erwachsen sollte, dass man sie ein Leben lang leiden ließ. Es wurde nur neuer zu altem Schaden hinzugefügt, und soweit er wusste, war kein Toter jemals wieder ins Leben zurückgekehrt."

Kushner entschuldigt und beschönigt nichts

Im amerikanischen Original heißt dieser abgründige Roman "The Mars Room". Der Rowohlt Verlag hat sich hingegen für den passenderen Arbeitstitel der Autorin "Ich bin ein Schicksal", ein abgewandeltes Nietzsche-Zitat, entschieden. Unter der Überschrift "Warum ich ein Schicksal bin" schreibt Nietzsche in der autobiografischen Skizze "Ecce homo": "Ich kenne mein Los." Es ist ein Satz, wie ihn auch Romy sagen könnte. Ihr kaum zu ertragendes Los ist ein lebenslanges Dasein hinter Gittern. Sie bezahlt damit für einen Moment gewaltsamer Unbeherrschtheit, in dem sich eine grenzenlose, lange aufgestaute Wut entladen hat. Rachel Kushner entschuldigt nichts und beschönigt nichts. Stattdessen bringt sie in ihrem bislang besten Roman tiefdunkle Leben ans Licht.

Stand: 18.08.2019, 16:49