Ian McEwan - Die Kakerlake

Ian McEwan - Die Kakerlake

Ian McEwan - Die Kakerlake

Von Barbara Geschwinde

Ian McEwans Novelle „Die Kakerlake“ handelt vom britischen Polit-Chaos, auch wenn das Wort „Brexit“ kein einziges Mal erwähnt wird.

Ian McEwan
Die Kakerlake

Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Diogenes Verlag, Zürich 2019
134 Seiten
19 Euro

Ian McEwan: "Die Kakerlake"

WDR 3 Buchrezension 03.12.2019 05:47 Min. Verfügbar bis 02.12.2020 WDR 3

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Eine Kakerlake als Premierminister

"Das stoppelige ovale Rund seines Gesichtes, das auf einem dicken, rosigen Halsstängel wackelte, widerte ihn an. Die Stecknadelaugen schockierten ihn, und den aufgequollenen Streifen dunklerer Haut, der Reihen grauweißer Zähne rahmte, fand er ekelig. Doch ich habe ein hehres Ziel, deshalb bin ich hier, und ich werde alles erdulden, sagte er sich, während er zusah, wie seine Hände an den Hähnen drehten und nach Rasierpinsel und Seife griffen."

Gestern noch war er eine Kakerlake, heute ist er der britische Premierminister, der sich vor seinem eigenen Spiegelbild ekelt. Sein erstes menschliches Wort lautet "Okidoki". In der Novelle "Die Kakerlake" hat Ian McEwan "Die Verwandlung" von Franz Kafka umgekehrt. In der 1912 erschienenen Erzählung hatte sich der Handlungsreisende Gregor Samsa über Nacht in einen Käfer verwandelt. Bei McEwan wacht eine Kakerlake eines Morgens in Gestalt des britischen Premierministers Jim Sams auf, also in der des mächtigsten Manns Großbritanniens. Im Roman ist das Land gespalten. Auf der einen Seite gibt es sogenannte Rückdreher, die auch Reversalisten heißen und für die Brexiteers stehen. Die Remainer auf der anderen Seite heißen im Buch Vordreher oder Clockwiser. Sonderberater Simon empfiehlt dem Premier flexibel zu bleiben und nach Bedarf, die Seiten zu wechseln, denn was interessiert das schon das Volk:

"Aber der Wille des Vo...
Drauf geschissen. Gutgläubige Wichser. Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie, und Sie sind der Boss. Das Haus weiß weder ein noch aus. Das Land ist zerrissen. Wir mussten erleben, wie ein Ultra-Reversalist in einem Supermarkt einen Vordreher-MP geköpft hat. Und ein Vordreher-Rüpel hat einem hochrangigen Rückdreher ein Milchshake über den Kopf geschüttet.
Schockierend“ pflichtete ihm der Premier bei.
Sein Blazer kam frisch aus der Reinigung.
Das ganze ist ein schreckliches Schlamassel, Jim. Höchste Zeit es abzublasen."

Der Geldkreislauf wird ad absurdum geführt

Ian McEwan ist bekennender Brexit-Gegner. Bei einer Lesung in München Anfang Juli sagte er:

"[Boris Johnson is almost certain an ex prime minister, … ] Boris Johnson ist schon fast ein Ex-Premierminister; in Brüssel wird er von allen verabscheut. Die Wahrscheinlichkeit, dass Brüssel ihm einen Deal anbietet ist minimal und es würde mindestens weitere 18 Monate dauern, den Deal von Theresa May umzuschreiben. Das wird nicht geschehen. Der Backstop in Irland ist vernünftigerweise unabänderbar."

Ian McEwan

Ian McEwan

Und so liegt die Vermutung nahe, dass in der Novelle "Die Kakerlake" die Rückdreher oder Reversalisten die Brexiteers sind und mit den Vordrehen, die Remainer gemeint sind, also diejenigen, die in der EU verbleiben möchten. Aber Ian McEwan beschreibt mit diesen zwei Polen nur das Wirtschaftssystem, das er in seiner schwarzen Satire auf den Kopf stellt. Konkret bedeutet es, dass Menschen für die Arbeit, die sie leisten, bezahlen müssen während sie Geld erhalten, wenn sie etwas kaufen. Der Geldkreislauf wird so ad absurdum geführt, was durchaus metaphorisch zu verstehen ist. Arbeitslose werden vermögend und Reiche müssen ihr Geld in Erwerbsarbeit investieren.

"Die Ursprünge des Reversalismus liegen im Dunkeln und sind in interessierten Kreisen heiß umstritten. Die längste Zeit galt die Idee als ein bloßes Gedankenexperiment, ein amüsantes Gesellschaftsspiel zum Dessert, ein Witz. Reversalismus war ein Steckenpferd von Exzentrikern, von einsamen Männern, die Leserbriefe an Zeitungen vorzugsweise in grüner Tinte schrieben, die Sorte, die einen im Pub in eine Ecke drängt und stundenlang langweilt."

Kritik an der Macht, am gesamten politischen System

Auch wenn die Idee des Reversalismus völlig absurd ist, sind Ähnlichkeiten mit realen Situationen oder Personen wie Boris Johnson und Jeremy Corbyn nicht zu übersehen. Da hilft auch die Warnung vorab nicht, dass Namen und Figuren der Phantasie des Autors entstammten und jede Ähnlichkeit zu existierenden Kakerlaken, ob tot oder lebendig, rein zufällig wäre. Das Buch ist eine offensichtliche Parodie auf das scheinbar niemals endende Brexit-Theater. Auch wenn das zentrale Wort, das niemand mehr hören mag, nämlich Brexit, nicht ein einziges Mal in der Novelle auftaucht. Jim Sams passt sich in seiner neuen Gestalt blitzschnell den Gepflogenheiten an:

"In diesen Momenten, beim Ränkeschmieden, war er ganz er selbst und genoss in vollen Zügen die Freuden der Politik in ihrer reinsten Form: der Durchsetzung von Zielen mit allen verfügbaren Mitteln. Er dachte nach, kalkulierte genau, und nach einer halben Stunde war ihm klar, dass es zu spät war, um die Ermordung des Außenministers in Auftrag zu geben. Er schlug eine frische Seite auf und grübelte weiter."

In "Die Kakerlake" übt Ian Mc Ewan Kritik an der Macht, am gesamten politischen System, insbesondere dem der EU, überzeugt aber dennoch nicht so richtig. Seine Sprache ist gewohnt klar, präzise und geprägt vom schwarzen Humor. Die Einfälle jedoch sind teilweise platt und funktionieren nicht gut. Vielleicht wäre ein kluger Essay mit einem politischen Plädoyer gradliniger gewesen. Das eigentliche Verhängnis der Novelle ist allerdings, dass die politische Realität Großbritanniens absurder ist als jede phantastische Dichtung es in diesem Fall zu sein vermag. Das Ende des Romans, das hier nicht verraten sei, stimmt dann doch ein wenig versöhnlich. Denn vielleicht gibt es ja noch Hoffnung für das Scheitern eines Brexit, Mr. McEwan?

"So, I think there is hope."

Stand: 02.12.2019, 14:55