Ian Kershaw - Achterbahn. Europa 1950 bis heute.

Ian Kershaw - Achterbahn. Europa 1950 bis heute.

Ian Kershaw - Achterbahn. Europa 1950 bis heute.

Von Martin Marko

Ein Prozess der Unwägbarkeiten: der Historiker Ian Kershaw schreibt eine hervorragende europäische Nachkriegsgeschichte.

Ian Kershaw
Achterbahn. Europa 1950 bis heute.

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019
828 Seiten
38 Euro

Ian Kershaw: "Achterbahn. Europa 1950 bis heute"

WDR 3 Mosaik 05.07.2019 04:58 Min. Verfügbar bis 04.07.2020 WDR 3

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Die Achterbahnmetapher und ihre Grenzen

Lassen sich geschichtliche Überblicke heute noch auf solche Weise schreiben: In über achthundert ereignisprallen Seiten? Durchaus - wenn man, wie Ian Kershaw es beweist, kein thesen-seeliger Gelehrter alter Schule ist, sondern ein begnadeter Erzähler. Und dazu ein Intellektueller, der selbstreflexiv genug ist, um gleich zu Beginn die eigene Verfahrungsweise kritisch zu hinterfragen.

"Die Achterbahnmetapher hat ihre Grenzen. Immerhin fährt eine Achterbahn, trotz aller Anspannung und Erregung, auf einem festen Schienenstrang eine feststehende Runde zu einem bekannten Endpunkt. Aber sie erfasst das Gefühl, vom unbeherrschbaren Kräften mitgerissen zu werden, das praktisch alle Europäer in diesem Jahrzehnten erlebt haben."

1950 war die Freiheit keineswegs ausgemacht

So gern im Rückblick verklärt wird: 1950 war es keineswegs ausgemacht, dass Westeuropa einmal derart in Freiheit prosperieren würde, so dass sein Gesellschaftsmodell 1989 über den bis dahin so mächtig scheinenden Ostblock siegen würde. Denn lange hielten sich auch im Westen Diktaturen wie in Spanien und Portugal, und weder vor noch nach der Obristen-Herrschaft in Griechenland existierte dort eine funktionierende soziale Marktwirtschaft á la Bundesrepublik oder Skandinavien.

"Nicht nur der materielle Besitz, auch Einstellungen und Mentalitäten haben sich seither erheblich geändert. Im Europa von 1950 vertraten die meisten Menschen Ansichten, die siebzig Jahre später als unhaltbar gelten. Als die Nachkriegskinder in die späte Phase ihres Lebens traten, waren die Menschenrechte einer Selbstverständlichkeit geworden - wie unvollkommen sie in der Praxis auch verwirklicht wurden."

Ein sozialdemokratisch- bzw. christdemokratisch geprägtes Modell

Zu sehen ist Ian Kershaw.

Ian Kershaw

War also ein „Wunder“ geschehen, ins Werk gesetzt von „großen Männern“? Kershaw verwirft diese Lesart ebenso wie die Behauptung, 1989 habe „der Kapitalismus gesiegt“. Was stattdessen von Norwegen bis Frankreich und Italien, von der Bundesrepublik bis in die Benelux-Staaten geschehen war, ließe sich als eine Art „Dritten Weg“ bezeichnen: Jenseits von realsozialistischer Willkür und vermeintlich „alles regelndem freien Markt“ wurde ein sozialdemokratisch- bzw. christdemokratisch geprägtes Modell gewagt, in dem sich Wohlfahrtsstaat und Wettbewerb die Waage halten sollten. Auf eindringliche Weise beschreibt Kershaw, wie dagegen in seiner Heimat das Pendel allzu abrupt ausschlug:

Von der desaströsen Subventionspolitik der Labour-Regierung bis zu Margaret Thatchers Gräben schaffendem Ultraliberalismus. Als Spätfolge der Ölkrise aber war es 1982 auch in der Bundesrepublik zu einer vielzitierten „Wende“ gekommen.

"Die Kohl-Regierung vermied dann jedoch einen radikalen Kurswechsel. Die Kontinuität zur Spätphase der Regierung Schmidt war stärker ausgeprägt als der Bruch mit ihr. Westdeutschland vermied scharfe soziale Konflikte, wie sie die Regierung Thatcher in Großbritannien provoziert hatte."

EWG, EG, EU

Faszinierend, an welche beinahe schon vergessenen Konflikte und Verwerfungen in diesem Buch erinnert wird - inklusive der äußerst wechselhaften Geschichte der EWG, die dann zur EG wurde und in der Gegenwart schließlich zur EU. Nicht zu vergessen die NATO und das umsichtige Agieren etwa von US-Präsident George Bush senior, der 1990 dabei half, französische und britische Vorbehalte gegen die deutsche Wiedervereinigung aus dem Weg zu räumen. Und selbstverständlich: Der 1985 in Moskau zur Macht gekommene KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow:

"Ohne Gorbatschows einzigartige Entschlossenheit wäre die Geschichte anders verlaufen. Dass der Zusammenbruch so schnell kam, so endgültig war und mit so wenig Gewalt und Blutvergießen einherging, ist zu einem großen Teil ihm zu verdanken."

In gefährlichen Gewässern bleibt der Konvoi am besten zusammen

Dass den friedlichen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa inzwischen ein neuer Autoritarismus gefolgt ist, der auch in Westeuropa populistische Bewunderer und Nachahmer findet, wird von Ian Kershaw genauso wenig relativiert wie der besorgniserregende Niedergang der Sozialdemokratie und die allerorten grassierenden nationalistischen Ressentiments. Als menschenfreundlicher Institutionalist setzt er freilich nicht auf Wundermittel, sondern auf die Überzeugungskraft pragmatischen common sense.

"In gefährlichen Gewässern bleibt der Konvoi am besten zusammen und vermeidet es, auseinanderzudriften. Dies bedeutet, ungeachtet aller Mängel auf dem Maß an Kooperation und Konsens aufzubauen, das seit dem Zweiten Weltkrieg nach und nach geschaffen worden ist. Durch gutes Navigieren könnten alle die vor uns liegende gefährliche Meerenge unbeschadet passieren und sichere Küsten erreichen."

Stand: 04.07.2019, 11:39