Siri Hustvedt - Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen

Siri Hustvedt - Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen

Siri Hustvedt - Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen

Von Martin Krumbholz

In ihren Essays untersucht die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt das Verhältnis der Geschlechter – und wie es sich in den Künsten unter veränderten Vorzeichen abbildet.

Siri Hustvedt
Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen

Essays über Kunst, Geschlecht und Geist
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald
Rowohlt Verlag
525 Seiten
26 Euro

Wie Fiktion funktioniert

Siri Hustvedt gehört zu jenen Intellektuellen, die sich nicht nur leidenschaftlich der Fiktion überlassen. Sondern sich auch immer wieder methodisch mit der Frage beschäftigen, wie Fiktion funktioniert und was sie mit uns Lesern macht. Wie kommt es, dass wir mit aller Macht in den Raum des Fiktionalen hineingezogen werden?

"Ist es nicht unvernünftig, Mitleid mit Anna Karenina, Sympathie für David Copperfield und Bewunderung für Sherlock Holmes zu empfinden, Personen, die doch in Wirklichkeit gar nicht existieren? "

Hustvedt - Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen

WDR 3 Mosaik 19.03.2019 05:28 Min. Verfügbar bis 18.03.2020 WDR 3

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Das Paradox der Fiktion

Man hat dieses Phänomen das "Paradox der Fiktion" genannt. Es erscheint widersinnig, sich emotional mit Personen zu verbinden, die bloß erfunden sind. Dieses Paradox der Fiktion eröffnet weitere Fragen, denen Hustvedt nun mit akademischer Akribie nachgeht: Wie versteht man überhaupt den menschlichen Geist und die Imagination, die Vorstellungskraft? Man könnte sagen: Hustvedts Thema ist die Neurologie unter besonderer Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Merkmale. Die Autorin findet es falsch, Gefühl und Intellekt, Geist und Körper voneinander zu trennen, wie es auch in der seriösen Literatur oft geschieht.

"Diese fundamentale Psyche-Soma-Trennung ist nicht nur alt, sie ist auch mit Verachtung und Furcht gegenüber dem gewichtet, was als die „untere“, niedere, minderwertige Hälfte der Spaltung angesehen worden ist – dem lange mit Weiblichkeit, unbändiger Leidenschaft, Unvernunft und Chaos assoziierten Körper."

Ich spüre eine machtvolle Präsenz

Siri Hustvedt

Siri Hustvedt

Der weibliche Körper und die Bedrohung, die von ihm auszugehen scheint, ist in Hustvedts Perspektive das Thema dreier Frauenporträts von Picasso, Beckmann und Willem de Kooning. Ihnen ist der Titel-Essay des Bandes gewidmet:

"Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen". Die Frau ist natürlich die Autorin, die Männer sind die drei berühmten Maler, die Frauen sind deren Modelle, die mit exquisiten malerischen Techniken kunstvoll auf Distanz gehalten werden. So in Beckmanns "Columbine":

"Was sehe ich? Ich spüre eine machtvolle Präsenz, herrisch, abweisend und maskiert. Aber in den Farben könnte ich baden. Ich werde nicht von einer einzelnen Emotion ergriffen, sondern habe gemischte Gefühle – fühle mich angezogen, einen Anflug von Ehrfurcht und etwas von der Aufregung, die ich in dem Moment verspüre, wenn im Theater der Vorhang aufgeht."

Die Kunst, ein Boxkampf

Man spürt an solchen Beobachtungen, dass die Autorin es sich nicht zu leicht macht. Die These, Max Beckmann habe vielleicht "die Frau in sich gemalt", ist ausdrücklich als Spekulation markiert. In seinen theoretischen Schriften hat der Künstler sich nicht eben als Feminist offenbart; in weiblichen Malern sah er "leicht zerstreute, flatterhafte Geschöpfe", die, wie jemand sagte, "auf ihren Nagellack starren." Die Mann-Frau-Polarität war zu Beckmanns und Picassos Zeiten ungebrochen. Hustvedt sammelt Argumente aus unterschiedlichen Disziplinen, um diese Polarität aufzubrechen und in die aktuelle Gender-Debatte einzufügen. Aber sie geht dabei behutsam vor und überhaupt nicht polemisch. Die Welt der Männer entpuppt sich häufig als eine der Rivalität. Willem de Kooning nannte Picasso den "Mann, der zu schlagen ist", als wäre die Kunst ein Boxkampf. Die Sorge, Malen könne "eine Beschäftigung für Waschlappen" sein, ist nicht zu unterschätzen. Beckmann würde also kaum bewusst "die Frau in sich" malen. In einem der bemerkenswertesten Essays des Bandes schildert Siri Hustvedt eine Begegnung mit dem norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgard, den sie interviewt hat. Auf ihre Frage, warum in dem voluminösen Werk "Mein Kampf" mit Hunderten Verweisen auf männliche Schriftsteller mit einer einzigen Ausnahme keine Schriftstellerin erwähnt werde, antwortet Knausgard mit zwei Worten: "Keine Konkurrenz."

"Einer anderen Schriftstellerin in die Augen zu schauen und in aller Ruhe zu erklären, sie und alle anderen Frauen, die je auf dem Planeten gelebt haben, seien "keine Konkurrenz" (…), ist zumindest ein frappierender Kommentar. "

Der Widerspruch der Selbstinszenierung

Nun lässt Siri Hustvedt diesen Vorfall nicht auf sich beruhen, sondern weist auf eine ironische Pointe hin. Denn Knausgard schildert sich selbst in "Mein Kampf" als alleinerziehenden Hausmann, also in einem traditionell weiblich codierten Umfeld. Dieser Mann weint und präsentiert sich äußerst verletzlich. Norwegen sei immer eine Kultur der trockenen Augen gewesen, schreibt Hustvedt, die ja selbst norwegische Wurzeln hat. Den Widerspruch zwischen seiner Selbstinszenierung im Buch und seiner frappierenden Äußerung im Interview hat Knausgard nicht reflektiert. Doch Hustvedt empfindet zeigt darüber keine Kränkung oder Entrüstung.

"Was ich empfinde, ist Empathie und Mitleid mit einem Menschen, der eine, zweifellos ernst gemeinte, Bemerkung machte, die allerdings wirklich töricht ist. Tausende Seiten Selbstbefragung haben ihn offenbar nicht über die "Frau" in ihm aufgeklärt."

Diese irritierte Feststellung ist bezeichnend für den Humor und die intellektuelle Offenheit der Essays – und zugleich ein Indiz dafür, wieviel noch zu tun bleibt.

Stand: 18.03.2019, 14:50