Alexander von Humboldt - Der unbekannte Kosmos

Alexander von Humboldt - Der unbekannte Kosmos

Alexander von Humboldt - Der unbekannte Kosmos

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Der revolutionäre Reisende: Ein Hörprojekt über den genialen Naturforscher Alexander von Humboldt, der vor 250 Jahren geboren wurde

Der unbekannte Kosmos des Alexander von Humboldt

WDR 3 Buchrezension 13.06.2019 06:06 Min. Verfügbar bis 12.06.2020 WDR 3

Download

Alexander von Humboldt
Der unbekannte Kosmos

Ein Feature von Hans Sarkowicz
Regie Leonhardt Koppelmann
Mit Ulrich Noethen als Humboldt
8 CDs der Hörverlag/ hr 3 kultur
ISBN 978-3-8445-3305-7

Basierend auf der Neuausgabe "Sämtliche Schriften" von Alexander von Humboldt bei dtv

Alexander von Humboldt auf allen Kanälen. 1769 wurde der mutige Reisende und geniale Naturforscher geboren, in diesem Jahr wird sein 250. Geburtstag gefeiert: mit neuen Biographien, Reiseberichten auf seinen Spuren, Diskussionen über seine wissenschaftlichen und politischen Erkenntnisse, einer Neuausgabe seiner „Sämtlichen Werke“ bei dtv. Diese Ausgabe liegt auch einem Hörbuchprojekt zugrunde, das jetzt beim Hörverlag erschienen ist: "Alexander von Humboldt, Der unbekannte Kosmos": eine Collage aus Experten-Interviews, Analysen, Zitaten über und von Humboldt – dem der Schauspieler Ulrich Noethen seine Stimme gibt.

Ein Porträt

Alexander von Humboldt, porträtiert in einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahre 1806.

Humboldt in jungen Jahren

Natürlich beginnt das Hörbuch mit einem biographischen Porträt des Alexander von Humboldt, mit seiner Herkunft aus einer wohlhabenden preußischen Adelsfamilie, seiner sorgfältigen Erziehung, seiner frühen Leidenschaft für die Naturwissenschaften. Seine Kenntnis setzte sogar den großen Goethe in Erstaunen, als der 25jährige Humboldt ihn 1794 zum ersten Mal besuchte:

"Er nötigte uns in die Naturkunde, berichtete Goethe begeistert. Sie sprachen über Zoologie und Vulkane, über Botanik, Chemie und Galvanismus. Man könnte in acht Tagen nicht aus Büchern herauslesen, was er einem in einer Stunde vorträgt, sagte Goethe."

Brennendes Verlangen

Doch richtig spannend wird sein Leben erst mit dem Zeitpunkt, als Humboldt, damals preußischer Bergbauexperte, seinen königlichen Dienstherrn um die Erlaubnis zu einer großen Forschungsreise bat. Mit einem Riesenprogramm, wie Humboldt später in seinen Erinnerungen schreibt:

Porträt Alexander von Humboldts

Alexander von Humboldt

"Mit dem brennenden Verlangen, eine andere Weltgegend zu besuchen und sie mit Bezug auf die allgemein Physik zu betrachten, nicht nur die Arten und Kennzeichen der Lebewesen, eine Übung, der man sich bisher zu sehr gewidmet hatte, sondern auch den Einfluss atmosphärischen Luft und ihrer chemischen Zusammensetzung auf die Lebewesen zu studieren, den Bau des Erdballs, Beschaffenheit der Erdschichten in den am weitesten voneinander entfernten Ländern, mit einem Wort, die großen Übereinstimmungen der Natur , wuchs in mir der Wusch, den königlichen Dienst für einige Jahre zu verlassen und einen Teil meines Vermögens der Förderung der Wissenschaften zu widmen."

Die umfassendste seiner Exkursionen

Es war so etwas wie die Blaupause, die all seinen langen Reisen zugrunde liegen würde. 1799 schiffte sich Humboldt nach Südamerika ein – es wurde die umfassendste und überraschendste seiner Exkursionen. Fünf Jahre lang quälte er sich mit seinen Begleitern durch den Dschungel, die grasbewachsenen Ebenen, bestieg sogar, eisrutschend auf Halbschuhen, den Vulkankegel des Chimborazo, der damals als der höchste Berg der Erde galt. Er vermaß, packte Proben ein, beobachtete, verglich, entdeckte, zeichnete – und revolutionierte das Naturverständnis ganzer Epochen. Die minutiösen Berichte, die Humboldt nachhause schickte, machten ihn berühmt. Doch auch in Südamerika wurde er schon damals gefeiert: beim Besuch eines abgelegenen Andendorfs konnte er es kaum fassen, dass - so der Humboldt-Experte Oliver Lubrich -

Aufgeschlagene Seite von Humboldts originalen Reisetagebüchern

Humboldts originale Reisetagebücher

"die Einheimischen eine Art Fest aufführen und ein einheimischer Sänger von Humboldts Reise singt. Dass heißt so ähnlich wie Odysseus (...) wird er quasi zum Gegenstand von Mythologie, bevor er überhaupt nachhause zurückgekehrt ist."

Die Einheit des Menschengeschlechts

Legendär ist Humboldt in Südamerika bis heute. Denn er war auch ein intensiver und unvoreingenommener Erforscher fremder Kulturen. In seiner Schrift "Die Einheit des Menschengeschlechts" verblüffte er seine Zeitgenossen mit der These, dass alle Kulturen und alle Menschen gleichberechtigt seien – für das eurozentrische Denken damals eine Provokation. Humboldt wurde zu einem engagierten Gegner des Kolonialsystems und der Sklaverei, und das machte er auch bei seiner anschließenden Reise durch Nordamerika deutlich, in aller Schärfe allerdings erst, als er den Kontinent schon wieder verlassen hatte.

Ulrich Noethen

Ulrich Noethen

"Je größer die Kolonien sind, je konsequenter die europäischen Regierungen in ihrer politischen Bosheit sind, umso stärker muss sich die Unmoral der Kolonien vermehren. Man sucht seine Sicherheit in der Uneinigkeit, man trennt die Kasten, man schürt (...) ihre Streitigkeiten, man beklagt heuchlerisch ihren gegenseitigen Hass, man verbietet ihnen sich durch Heiraten zu verbinden, man fördert die Sklaverei, weil die Regierung eines Tages, wenn alle anderen Mittel versagen, zu dem Grausamsten von allem Zuflucht nehmen kann: nämlich die Sklaven (...) erwürgen zu lassen, bevor man selbst erwürgt wird."

Alles ist Wechselwirkung

Hans Sarkowicz

Hans Sarkowicz

Humboldt war eines der letzten Universalgenies, umfassend gebildet, an allem interessiert, wissenschaftlich penibel, klaräugig. Er schaute genau hin, immer bereit, alte Thesen über Bord zu werfen und durch seine Forschungen neue Zusammenhänge zu entdecken. Geradezu verblüffend aktuell ist sein modern anmutendes vernetztes Denken. Er erkannte zum Beispiel den Zusammenhang zwischen Phänomenen auf der Erde und in der Atmosphäre oder dass Menschen das Klima verändern, wenn sie in die Natur eingreifen.

"In seinem Reisetagebuch hielt er im August 1803 fest: Alles ist Wechselwirkung. Diese kurze Notiz ist zu einem geflügelten Wort geworden.

Nicht eine Minute Langeweile

Noch war das nicht zum System ausgebaut, aber auf jeden Fall ein fast revolutionärer Schritt hin zu einem ökologischen Denken.

Leonhard Koppelmann bei einer Preisverleihung

Leonhard Koppelmann

Nicht nur als Leser, auch als Hörer kann man nur fassungslos staunen. Mit diesem Feature von Hans Sarkowicz taucht man ein in eine ganze, weite Welt. Genau recherchiert, klug ausgewählt, vielfarbig und vielstimmig lässt es bei den über zehn Stunden Dauer nicht eine Minute Langeweile aufkommen. Leonhard Koppelmann als Regisseur führt die Schauspieler souverän: man hört genau, dass sie wissen, was sie da lesen, Ulrich Noethen als Humboldt vorneweg. Der war und blieb bis zu einem Tod 1859 ein – auch politisch – eigenwilliger und furchtloser Denker.

"Man muss vor allem den Mut einer Meinung haben."

Stand: 12.06.2019, 15:05