Hugo Boris - Die Polizisten

Hugo Boris - Die Polizisten

Hugo Boris - Die Polizisten

Von Dina Netz

Drei Polizisten sollen einen abgelehnten Asylbewerber zum Flughafen bringen, in dessen Verfahren es Unregelmäßigkeiten gab. "Die Polizisten" ist ein packender Roman über ein tiefes moralisches Dilemma.

Hugo Boris
Die Polizisten

Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Ullstein Buchverlage, Berlin 2018
192 Seiten
20 Euro

Einfach Menschen mit einem verantwortungsvollen und aufreibenden Job

Vorzug seines Romans weiterer weiterer Vorz weiterer Vorzug seines Romans. Dass die Verfilmung von Hugo Boris' Roman "Die Polizisten" in Arbeit ist, leuchtet sofort ein: Das Buch erzählt fast kammerspielartig von einer dramatischen Situation mit vier Figuren. Boris beschreibt die einzelnen Situationen und Charaktere so plastisch, dass man den Film schon beim Lesen ablaufen sieht. "Die Polizisten" ist ein Psychothriller, der nicht nur im Polizeimilieu spielt, um die Spannung zu erhöhen. Die Arbeit der Polizei ist das eigentliche Thema des Buches: der alltägliche Wahnsinn kleinkrimineller Vergehen, der immense Druck bei der Arbeit und schließlich die Hinterfragung des eigenen Tuns angesichts eines moralisch problematischen Auftrags. Bei Hugo Boris sind Polizisten weder Helden noch Versager, sondern einfach Menschen mit einem verantwortungsvollen und aufreibenden Job. Man merkt, dass Boris für dieses Buch mehrere Monate lang Polizisten bei der Arbeit begleitet hat. Ins Zentrum stellt er eine junge Frau, Virginie:

"Virginie starrt immer noch in den Spiegel. Seit sie bei der Polizei ist, hat sie miterleben müssen, wie ein Vater seinen Sohn zur Strafe in den Kühlschrank steckte und darin vergaß, wie ein Häftling ihr ins Gesicht spuckte, um sie mit seiner Hepatitis anzustecken, wie gut situierte Versaillerinnen mit Samthaarreifen auf den Strich gingen, wie eine Achtzigjährige wegen zwanzig Euro niedergeschlagen wurde, wie Erhängte sich entleerten, als sie sie berührte, wie Langzeitarbeitslose das Geld, das sie nicht hatten, mit Rubbellosen verspielten. […] Für einen gerade mal annehmbaren Lohn hat sie in den Rotlichtvierteln ihre Seelenruhe eingebüßt, nichts erstaunt sie mehr, sie weiß alles über die trostlosesten Seiten des Daseins, und immer fragt sie sich, wieso ihre Augen nicht schmutzig werden, fassungslos, dass sich nicht der kleinste Widerschein von all diesem Elend in ihnen findet."

Reichlich Konfliktpotential

Virginie ist gerade Mutter geworden, sie ist noch nicht lange aus der Elternzeit zurück. Weil ihr Mann sie seit der Geburt des Sohnes nicht mehr anfasst, hat sie eine Affäre mit ihrem Kollegen Aristide angefangen. Versehentlich ist sie schwanger geworden, sie will das gemeinsame Kind abtreiben. Die Verbindung zu Aristide hat sie abgebrochen.

Hugo Boris

Hugo Boris

Es liegt also schon reichlich Konfliktpotential zwischen ihnen in der Luft, als Virginie, Aristide und ihr Chef Erik ins Auto steigen, um einen Sondereinsatz zu fahren: Ein tadschikischer Flüchtling soll abgeschoben werden, und die zuständigen Beamten haben Hilfe angefordert, da zur selben Zeit ein Großbrand gelöscht werden muss. Bei der Abholung des Tadschiken trifft Virginie zufällig auf eine Menschenrechtsaktivistin, die ihr erzählt, dass er die systematische Zwangsarbeit auf russischen Baustellen aufgedeckt habe und dass ihm in seiner Heimat dafür der Tod drohe. Zunächst gibt Virginie die abgebrühte Beamtin, die nur ihre Pflicht erfüllt:

"Das Elend der Welt kann ihr mal den Buckel runterrutschen."

Einen eklatanter Verfahrensfehler

Doch während der Autofahrt zum Flughafen stellt sie fest, dass der Umschlag mit den Unterlagen des Flüchtlings – so als wolle das Schicksal ihr winken - nicht richtig verklebt ist. Sie öffnet ihn ganz. In den Dokumenten ist nicht nur von Folter die Rede, sondern daraus geht auch hervor, dass der Flüchtling nicht in seiner Muttersprache vernommen wurde. Es gab also einen eklatanten Verfahrensfehler. Die drei Polizisten finden sich in einem moralischen Dilemma wieder: Sollen sie einen Mann zum Flughafen bringen, der in seiner Heimat mit ziemlicher Sicherheit umgebracht wird? Das wäre ihre Aufgabe. Oder sollen sie sich der dienstlichen Vorschrift widersetzen? Das würde unabsehbare Konsequenzen für ihre berufliche Laufbahn haben. Wie sie sich entscheiden und was sie tun, sei hier nicht verraten. Nur dass Hugo Boris daraus einen spannenden Psychothriller gemacht hat. Packend besonders deshalb, weil seine drei Polizisten keine Stellvertreter von denkbaren moralischen Positionen sind, sondern Menschen. In den Figurenbeschreibungen liegt überhaupt die größte Stärke des Romans: Boris erzählt von seinem Personal genau, anschaulich und mit Sympathie, aber ohne ihnen zu nahe zu kommen:

"Aristide, charmant und vulgär, laut und prollig, beknackt und strahlend, der Erschöpfung und Exzesse liebt, die Bewegung um der Bewegung willen, den Lärm um des Lärms willen, kurz, Aristide, der immer gut drauf ist. Aber auch Aristide, den jeder in seiner Mannschaft haben möchte, weil er ein erstklassiger Kollege ist, der, sobald es losgeht, sofort aufhört, den Hanswurst zu spielen und sich im Einsatz ebenso umsichtig zeigt, wie er am Steuer herumalbert."

Ein spannendes Buch über einen tiefen moralischen Konflikt

Hugo Boris hat viel mehr als einen Roman über das aktuelle Thema Asyl und Abschiebung geschrieben. Er hat auch mehr als einen Roman über die schwierige Arbeit der Polizei geschrieben. "Die Polizisten" ist ein spannend und flott geschriebenes Buch über einen tiefen moralischen Konflikt, nämlich die Frage, wem gegenüber wir eigentlich Verantwortung tragen. Dass Boris keine einfache Antwort gibt, sondern das Dilemma der Polizisten in seiner ganzen Tiefe auslotet, ist ein weiterer Vorzug des Romans.

Hugo Boris: "Die Polizisten"

WDR 3 Buchrezension 04.03.2019 05:31 Min. WDR 3

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Stand: 03.03.2019, 19:27