Moritz Hürtgen - Angst vor Lyrik

Moritz Hürtgen - Angst vor Lyrik

Moritz Hürtgen - Angst vor Lyrik

Von Monika Buschey

Ein echter Satiriker wie Moritz Hürtgen kann aus den schlimmsten Ängsten Stoff gewinnen für erheiternde Geistesblitze in gereimter Form, auch wenn das Lachen ab und zu im Hals stecken bleibt.

Moritz Hürtgen
Angst vor Lyrik

Gelesen von Bjarne Mädel und Katharina Maria Schubert
speaklow
ISBN 978-3-940018-70-0
1 Audio CD

Der Chefredakteur der Satirezeitung "Titanic", Moritz Hürtgen, hat die eigenen Ängste und die seiner Mitmenschen zum Thema erkoren und sich einen Reim darauf gemacht. Nicht immer ernst zu nehmen, das versteht sich, wenn die Satire den Hobel ansetzt. "Angst vor Lyrik" heißt das dabei entstandene Hörbuch. Ängste der allgemeinen und der speziellen Art werden vorgestellt und von allen Seiten betrachtet. Die beiden Sprecher, Bjarne Mädel und Katharina Maria Schubert, lesen nacheinander, miteinander oder sie ergänzen sich.

Moritz Hürtgen - "Angst vor Lyrik?" (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 17.10.2019 05:30 Min. Verfügbar bis 16.10.2020 WDR 3

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Wovor man alles Angst haben kann:

"Angst vor Terror, Krebst und Spinnen
Angst das Schreiben zu beginnen
Angst vor einem weißen Blatt
Angst des Dorfdepps vor der Stadt
Fürchtet Mörder und Ganoven
Fürchtet Schlaue wie die Doofen
Doch wer fürchtet, der vergisst
Dass die Angst am schlimmsten frisst
Wenn es Angst vor Lyrik ist."

Das Bekenntnis kommt aus berufenem Mund, Erfahrung spricht aus jeder Zeile: Moritz Hürtgen ist Lyriker und Chefredakteur der berüchtigten Satire-Zeitschrift „Titanic“. Wenn einer Ahnung hat vom Dichten und von der Angst, dann er. Er kennt die Befürchtungen genau, die aus dem eigenen Inneren aufsteigen und die anderen, die uns von außen anspringen.

"Angst vor Menschenmassen
Fußballspiele, Rockkonzerte/ Marsch für irgendwelche Werte,
Fleshmob oder Prozession/ Taufe, Firmung, Kommunion
Modemessen, Rockertreffen/ Swingerclub bei Kim und Steffen
Tupperparty, 1. Mai/ Schnupperkurs für Malerei
Morgens in Berufsverkehren/ Kirmes, Fischmarkt, Autofähren
Alles hab ich ausprobiert/ Nichts hat mich interessiert."

Furchteinflößend ihre Darbietung, lustvoll die Steigerungen

"Angst vor Lyrik" heißt denn auch das Hörbuch und führt die beiden Themenfelder flugs zusammen. Interpreten der schaurigen Reime sind Katharina Maria Schubert und Bjarne Mädel.

Zimmer frei!- Bjarne Mädel

Bjarne Mädel

"Angst vor Abgründen
Wer zu lang in den Abgrund blickt wird sehr tief in sich sehen.
Nein! Wer zu lang in den Abgrund spickt wird kläglich untergehen.
Nein!! Man blickt erst links und dann nach rechts - vorm In-den-Abgrund-springen.
Nein!!! Und dreimal falsch macht Note sechs, das könnt ihr doch nicht bringen!
WARUM ???"

Furchteinflößend ihre Darbietung, lustvoll die Steigerungen ins Groteske.

"Angst vor Eifersucht.
Kein Reim von Schiller oder Goethe ist deiner, Darling, würdig
Du fragst, was ich dir denn so böte, dir alles bieten würd ich
Ob ich auch dein‘ Lover töte, na klar, den Arsch erwürg ich."

Die Angst kennt einfach keine Grenzen

Angst ist eine ernste Angelegenheit, man kann nichts dagegen machen – außer Lachen. Eine Philosophie, die die Probleme nicht löst. Aber man erträgt sie leichter. Und das ist doch immerhin ein Teilerfolg. Moritz Hürtgen kennt noch die feinsten Nuancen des bedrückenden Gefühls. Die Spanne ist riesig: die Angst vor Terror und Erdbeben ist ebenso vertreten wie die vor Knöpfen oder vor dem Aufwachen. Die Angst kennt einfach keine Grenzen, und im Grunde hat der Dichter recht: Die Angst vor den schrecklichen Geißeln der Menschheit bleibt recht allgemein, real und unabweisbar dagegen: die verbreitete Angst vor Spinnen.

"Diese haben acht der Beine/ Willst du flüchten, streiken deine.
Diese haben Kieferklauen/ Du kannst panisch um dich hauen.
Diese haben Gift und Seide/ Hilflos wirst du bleich wie Kreide."

Schocktherapie. Dreist und komisch

Eine Fülle von Einfällen: 88 Ängste in 50 Minuten – eine Schocktherapie. Dreist und komisch, blasphemisch und wunderbar bösartig. Angst steckt in der kleinsten Zelle, und sogar da breitet sie sich respektlos aus, wo gemeinhin Schutz und Fürsorge erwartet werden dürfen. Die Angst vor der Mutter will bewältigt sein.

"Mutter, als ich vor dem Sarg weinte, du sollst wiederkommen
Hast du mich, sei mir nicht gram, leider viel zu ernst genommen …
Bitte, so begreife doch, du bist tot und am Verwesen
Wie du hier als Zombie kriechst, untot bist du, ungelogen.
Huch – wer klopft? Sag, hast du noch/ Vater aus dem Grab gezogen?"

Das Lachen im Halse

Die Satire darf alles, sagt der Großmeister der Zunft Kurt Tucholsky, und Moritz Hürtgen macht von der Freiheit gebrauch. Beim Zuhören bleibt das Lachen gerne mal im Hals stecken, bei versponnenen Ideen kommt es dann wieder gut in Fluss.

"Angst vor konkreter Poesie.
Ich find das tierisch dumm/ Die schreiben was und brechens um
Wenn so 15 Zeilen stehen/ Kann man sich ein Baum ansehen
Sie setzen Wörter wie‘s grad passt/ Sie sind mir allesamt verhasst
Wie sie die Regeln ignorieren/ Und Lyrikpreise abkassieren. "

Die Angst vor dem Ende

Ob da doch vielleicht eine Priese Neid in den Reim hineingeraten ist, lässt sich nicht mehr klären, die Angst vor Neid kommt jedenfalls in der Aufzählung nicht vor, dafür die Angst vor dem Ende. Vorgetragen im Duett.

"Lass dir das Lied vom Ende singen
Ein Schlag ans Glöckchen, horch…
Das Klingen wird leiser, doch hörts jemals auf?
Trifft dich der Schlag, gehst du gleich drauf
Die alte Mär von den zwei Enden der Wurst liest du in Märchenbänden
Doch stell dir vor, oh Menschenkind, dass Würste endlos endlich sind. …"

(Sound)

Stand: 15.10.2019, 16:25