Buchcover: "Die Nibelungen" von Felicitas Hoppe

"Die Nibelungen" von Felicitas Hoppe

Stand: 22.12.2022, 12:00 Uhr

Felicitas Hoppe spielt als Erzählerin mit dem Nibelungen-Epos, mit Texten, Motiven, Bezügen. Voller Fantasie assoziiert sie zwischen epischer Vergangenheit und erzählerischer Gegenwart. Ihre eigene Lesung macht das zu einem großartigen, unmittelbaren Erlebnis.

Felicitas Hoppe: Die Nibelungen
Gelesen von Felicitas Hoppe.
Argon Verlag, 21 Euro.

"Die Nibelungen" von Felicitas Hoppe

Lesestoff – neue Bücher 22.12.2022 05:39 Min. Verfügbar bis 22.12.2023 WDR Online Von Christian Kosfeld


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800 Jahre alte Figuren

Da sitzt nun die Erzählerin mittendrin auf der Tribüne bei den Nibelungenfestspielen in Worms. Sie beobachtet, stellt sich selbst Fragen und befragt zugleich diesen so eigentümlichen Text aus dem 12. Jahrhundert.

Und sie taucht immer wieder ein und ab in das Geschehen, beschreibt sich als "Zeugin in einem Boot auf Rhein und Donau", blickt auf die 800 Jahre alten Figuren und den Schauspielern ins Textbuch, spielt mit der eigenen Identität, Zeitstrukturen und Bezügen.

"Ach Kinder!, was für Zeiten das waren, als es noch richtige Drachen gab, die mit Pomp und unter Posaune mit ihren langen beweglichen Pappmachéschwänzen auf deutschen Bühnen für Angst und Schrecken sorgten. Nicht nur unten im Zuschauerraum, sondern vor allem bei jenen, die im Stummfilm ihres Inneren hockten, mitten im sprachlosen Zentrum des Bösen, in einer Höhle aus Hartholz und Maschendraht, wo die Flüstertüte jeder Regie versagt, weil ein einziger Schwanzschlag in die falsche Richtung selbst dem stärksten Siegfried die Knochen bricht."

Im kunstvollen literarischen Gedankenstrom

Und dann stolpert Siegfried auf der Bühne herum und als Sagenheld durch eine höfische Welt, die er nicht versteht. Man muss den Ursprungstext schon kennen, um folgen zu können in diesem kunstvollen literarischen Gedankenstrom:

Siegfrieds Vorgeschichte, Rheingold, die Brautwerbung König Gunthers um die starke Brünhild, die heimliche Hilfe von Siegfried und die fatale Hochzeitsnacht, in der Brünhild ihren Gunther einfach an den Nagel der Kemenate hängt.

"Aber wie er da so neben der Königin liegt, fast schon am Ziel seiner Wünsche, packt ihn plötzlich die Angst, und er beginnt zu frieren, denn seine Angst ist splitternackt wie er selbst, weil er rein gar nichts zu fassen bekommt: nicht die Lippen, nicht die Kehle und ihren herrlichen Gürtel erst recht nicht, von ihrem Herzen gar nicht zu reden. Denn neben ihm liegt nicht die Königin, sondern ihr Schatten. Ein Schatten ohne Körper und Farbe. Krone und Zepter in einer Person, ganz Auge und Angriff, ist sie längst im Begriff, den trunkenen König in seiner Hochzeitsnacht an den erstbesten Nagel zu hängen, an einen Nagel, der nichts als sich selbst spielt, weil er weiß, dass er länger leben wird als sein König."

Ein Hörbuch voller Fantasie, Witz und Klugheit

Felicitas Hoppe hat bereits die Stoffe der Johanna von Orleans und den Iwein von Hartmann von Aue in eigenen Büchern verarbeitet. Nur in Grundzügen folgt sie dem Nibelungen-Epos, von Siegfrieds Drachentötung, über den Streit der Königinnen bis hin zum Untergang von Hagen, den Nibelungen-Königen und Kriemhilds Tod. Die Erzählerin spinnt Motive weiter und assoziiert frei. Das Publikum auf der Festspiel-Tribüne in Worms wird ebenso befragt wie die Akteure auf der Bühne und die fiktive Regisseurin Frau Kettelhut mit ihren sonderbaren Inszenierungs-Einfällen.

Es geht um den Rhein und Unterwassertode, Prinzessinnen und Pappmachee-Drachen, Bergbau, Bier und Theater-Blut. Und in backstage -Interviews in den Garderoben wird die Komik der Nibelungen thematisiert, Fritz Langs Stummfilm und die Lust am Untergang. Beim Hören wie beim Lesen braucht man eine Weile, um sich zu orientieren in Felicitas Hoppes Nibelungen-Text.

Vor allem aber ist Hoppe eine ausgezeichnete Vorleserin ihres Werkes. Sie macht die musikalische Struktur hörbar, und man ist acht Stunden lang unmittelbar dabei, wenn sie assoziiert und die Gedanken schweifen lässt durch die epische Vergangenheit und erzählerische Gegenwart. Ein Hörbuch voller Fantasie, Witz und Klugheit.

"Lasst uns ein letztes Mal gemeinsam die Netze auswerfen und danach reich beladen mit Beute an Etzels runden goldenen Tischen sitzen. Lasst uns in Eintracht essen und trinken und uns die alten Geschichten erzählen. Wir werden wieder die Kinder von früher sein, Falken, Bären und Jäger in einer Person.
Nichts und niemand soll zwischen uns Zwietracht säen. Die Burgunder werden wie Hunnen sein und die Hunnen wie die Burgunder. Unschlagbar wie die Nibelungen."