Franz Hohler - Das Päckchen

Franz Hohler - Das Päckchen

Franz Hohler - Das Päckchen

Von Ferdinand Quante

Ein uraltes Buch als magische Zeitbrücke. Franz Hohler schickt einen biederen Bibliothekar in das Abenteuer seines Lebens und lässt einen Mönch des Mittelalters wiederauferstehen.

Franz Hohler
Das Päckchen
Luchterhand Verlag, 2017
224 Seiten
20,00 Euro

Am Anfang steht hier der Zufall.

Aber was heißt "steht", der Zufall wirbelt ja geradezu wild herum und verwickelt einen biederen Bibliothekar in das Abenteuer seines Lebens. Plötzlich ist alles anders. Franz Hohler scheint die Überrumpelung zu lieben. In seinem vorletzten Roman "Gleis 4" gerät eine Frau auf unvermutete Bahnen, als ein Fremder vor ihren Augen tot zusammenbricht. Jetzt erwischt es also einen Mann. Am Bahnhof von Bern will er von einer öffentlichen Telefonsäule aus anrufen, als der Apparat nebenan klingelt. Der Mann geht dran, eine alte Frau nennt seinen Namen, Erich, und bittet ihn dringlich, zu ihr zu kommen. Der Mann willigt, von sich selbst überrascht, ein, geht zu der Frau, die ganz in der Nähe wohnt, und bekommt von ihr ein Päckchen. Ein kleiner Bibliothekar hält unversehens eines der kostbarsten Bücher der Welt in Händen.

Man muss das so ausführlich schildern, weil die Kette der Zufälle gefährlich lang ist und man sich im Fortgang des Romans immer wieder fragt, ob Hohler es schafft, diese Ballung von Unwahrscheinlichkeiten halbwegs plausibel zu machen. Folgen wir also der Geschichte. Der Züricher Bibliothekar Erich Stricker hat daheim das Päckchen ausgepackt und ist direkt im siebten Himmel.

"Es war ihm, als höre er Mönche in einer romanischen Klosterkapelle das älteste christliche Gebet murmeln."

Denn das Buch, das vor ihm liegt, ist der Abrogans, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch aus dem 8. Jahrhundert, das älteste Buch deutscher Sprache, von dem nur noch drei Abschriften erhalten sind.

Franz Hohler - Das Päckchen

WDR 3 Buchrezension | 12.02.2018 | 06:10 Min.

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"Wie, wenn es sich hier um das Original handelte?"

Unschätzbar wertvoll ist das Buch in jedem Fall, wobei Stricker, ganz Bibliothekar, an Verkauf und Geld nicht eine Sekunde denkt. Das Geheimnis des Buches – seine Herkunft und seinen rechtmäßigen Platz – will er ermitteln, auf eigene Faust und ohne seine Frau einzuweihen. Heimlichkeit und Lügen sind der Preis, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Stricker erfährt, dass der Abrogans zuletzt im Besitz eines Mannes namens Schaefer war, der vor Jahren von einer Bergtour nicht zurückkam. Ein recht vager Hinweis veranlasst den berauschten Bibliothekar, Schaefers Route zu folgen und eine Wandertour zu einer fernab gelegenen Berghütte zu unternehmen, in der er ein Kriegstagebuch findet.

Franz Hohler

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"Er schüttelte den Kopf. Da passierten Dinge, die überstiegen sein Verständnis. Wer hatte ihn zu diesem Tagebuch gewiesen, das Philipp Schaefer aus irgendeinem Grund hier versteckt hatte? Ein Hirngespinst, eine Ausgeburt seiner Einbildungskraft, eine Erscheinung, ein Wiedergänger? Oder war es nur ein Traum gewesen?"

Ein Erwählter folgt dem Ruf

Spätestens jetzt wird klar, dass dieser Roman kein Krimi ist mit listiger Spurensuche und planvoll erbrachten Beweisen, und Stricker kein Detektiv, sondern ein Erwählter, der dem Ruf des Abrogans folgt, von dessen Entstehung und frühem Schicksal der Leser in einem zweiten Erzählstrang erfährt. Haimo nennt Hohler den jungen Mönch, der im Scriptorium eines Klosters das Wörterbuch in zweijähriger Schreibarbeit erstellt und dann beauftragt wird, es nach Wessobrunn am Ammersee zu bringen. Es beginnt eine gefahrvolle Reise in Begleitung seiner heimlichen Geliebten Maria, die er unterwegs verliert und wiederfindet, da sind die beiden bereits in Italien.

"Als sie in einem Kloster nächtigten, das nur noch ein paar Tagesmärsche von Montecassino entfernt war, wurden sie von den Mönchen gewarnt, es sei ein Zug von Sarazenen unterwegs, der es auf Montecassino abgesehen habe, und sie sollten besser für ein paar Wochen in die Berge ausweichen, bis die Gefahr vorüber sei, es gebe dort einige kleine Klöster, und man hoffe auf die Truppen von Papst Hadrian und von König Karl."

Wiedergänger

Der eigentliche und letzte Bestimmungsort des Buches, um das sich alles dreht, ist noch immer nicht erreicht. Der Abrogans ist das stille Kraftzentrum des Romans. Hohler hebt ihn über seine historische Kostbarkeit hinaus in den Rang eines spirituellen Mediums, das einen Mann dazu animiert, das zu vollenden, was seinem Schöpfer nicht gelang, nämlich das originale Buch an sein Ziel zu bringen. Ein postmoderner Bibliothekar wird zum Wiedergänger eines frühmittelalterlichen Mönchs.

Stille Feier und magische Notwendigkeit

Und der kuriose Telefonanruf am Anfang des Romans? Hohler will ihn gleichsam als Ruf des Schicksals, als eine magische Notwendigkeit verstanden wissen. Das muss er und kann er auch erzählerisch beglaubigen, denn im Verlaufe der Geschichte werden Gegenwart und Vergangenheit so miteinander verspannt, dass über die Kluft von mehr als zwölfhundert Jahren hinweg eine stabile Zeitbrücke entsteht, auf der man in beide Richtungen gehen kann. Die seltsamen Geschehnisse, die den Bibliothekar Stricker in das Kraftfeld des Abrogans hineinziehen, wirken da nach und nach weit weniger zufällig, als sie eingangs noch erscheinen.

"Das Päckchen" ist ein Roman über Historie und Zeit und eine stille Feier der Schrift und des Buches. Still, weil Hohler einen ruhigen Ton anschlägt und seine Sprache diese eindringliche Einfachheit hat, die stilistisch so schwer zu erreichen ist.

Ein wenig ernüchternd wirkt allein das Ende der Geschichte. Wenn nämlich alle Fragen und Rätsel allzu glatt und happyendmäßig gelöst sind, ist es mit der Magie dann leider doch vorbei.

Franz Hohler - Das Päckchen

WDR 3 Buchrezension | 12.02.2018 | 06:10 Min.

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Stand: 12.02.2018, 08:00