Friedrich Hölderlin - An die Schönheit

Friedrich Hölderlin - An die Schönheit

Friedrich Hölderlin - An die Schönheit

Von Monika Buschey

Vor 250 Jahren ist der Dichter Friedrich Hölderlin geboren. Zum Geburtstag ein Hörbuch, das mit einigen seiner Gedichte und in Auszügen mit seiner Prosa vertraut machen will.

Friedrich Hölderlin
An die Schönheit

Mit Julia Nachtmann und Stephan Schad
Eine Audio CD
ISBN 978-3-8337-4155-5

Tränen

Himmlische Liebe! zärtliche! Wenn ich dein V
ergäße, wenn ich, o ihr geschicklichen,
Ihr feur‘gen, die voll Asche sind und
Wüst und vereinsamet ohnedies schon,

Ihr lieben Inseln, Augen der Wunderwelt!
Ihr nämlich geht nun einzig allein mich an,
Ihr Ufer, wo die abgöttische
Büßet, doch Himmlischen nur, die Liebe.

Ihr weichen Tränen, löschet das Augenlicht
Mir aber nicht ganz aus; ein Gedächtnis doch,
Damit ich edel sterbe, lasst ihr
Trügerischen, Diebischen, mir nachleben."

Das Versöhnende war eine seiner zentralen Ideen: Das Göttliche und das Menschliche versöhnen, die Antike und das Christentum, die Philosophie und die Dichtung, das Heilige und das Natürliche in all seinen Facetten. Die Kühnheit der Dichtung von Friedrich Hölderlin hat sich seinen Zeitgenossen nicht mitgeteilt. Das aufregend Neue daran konnte erst eine Generation später verstanden werden.

"Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser."

Hälfte des Lebens

Friedrich Hölderlin

Friedrich Hölderlin

Eines der berühmtesten Gedichte Hölderlins, "Hälfte des Lebens", gehört zu den Höhepunkten deutschsprachiger Literatur und weist über die Entstehungszeit weit hinaus. Das Anschauliche im Naturbild steht in spannungsvoller Beziehung zu den Gesetzen der menschlichen Existenz. Jeden geht es an:

"Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachelos und kalt im Winde
Klirren die Fahnen."

Die Nacht

Aus Hölderlins Dichtung einen bunten Strauß zu binden, wie dieses Hörbuch es versucht, muss scheitern. Ein logisches Band wäre hilfreich gewesen, eine dramaturgische Idee, die deutlich gemacht hätte, warum die Auswahl auf genau diese Gedichte fiel. Hölderlin entzieht sich dem Gefälligen, seine Themen sind ungewöhnlich, seine Sprache sehr besonders. Da ist nichts Beiläufiges im Spiel, wenn dieser Dichter aus der Entfernung von zweihundert Jahren so eindringlich spricht, dass denen, die ihm folgen, eine ganze Welt aufgeht, wer immer in späteren Zeiten mit eigenen stilistischen Vorstellungen seine Gedichte interpretiert. Julia Nachtmann liest: Die Nacht":

"Seid gegrüßt, ihr zufluchtsvolle Schatten
Ihr Fluren, die ihr einsam um mich ruht.
Du stiller Mond, du hörst nicht, wie Verleumder lauren.
Mein Herz, entzückt von deinem Perlenglanz.

Aus der Welt, wo tolle Toren spotten
Um leere Schattenbilder sich bemühn,
Flieht der zu euch, der nicht Das schimmernde Getümmel
Der eitlen Welt, nein! nur die Tugend liebt."

Etwas Rätselhaftes klingt durch

Poetische Kraft, Schönheit im Übermaß – aber auch ein verstörender Ton, etwas Rätselhaftes klingt durch: die Klage um ein verlorenes Ideal. Die Lebensbezüge des Menschen, wie Hölderlin es versteht, bilden keine Einheit mehr. Seine Dichtung kann als der Versuch gelesen werden, die verlorene Harmonie wieder herzustellen.

Nur bei dir empfind auch hier die Seele
Wie göttlich sie dereinst wird sein,
Die Freude, deren falschem Schein so viel Altäre
So viele Opfer hier gewidmet sind.

Hyperion

Julia Nachtmann

Julia Nachtmann

Ein Gedicht hören zu können, statt es nur stumm zu lesen, birgt immerhin die Chance, die Musikalität, den Rhythmus mitzubekommen. Ein Booklet, das den Dichter vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens vorgestellt hätte, fehlt. Auch die biografischen Angaben fallen ziemlich knapp aus. Unvermittelt zwischen die Gedichte gestreut: Auszüge aus Hölderlins Brief-Roman "Hyperion", worin er die Geliebte Susette Gontard zu seiner Diotima macht.

"Hyperion an Diotima. Ich habe lange gewartet; ich will es dir gestehen. Ich habe sehnlichst auf ein Abschiedswort aus deinem Herzen gehofft, aber du schweigst. Auch das ist eine Sprache deiner schönen Seele, Diotima."

Zum Geheimnisvollen dieser Dichtung

Stephan Schad

Stephan Schad

Die beiden Schauspieler Julia Nachtmann und Stephan Schad finden auf unterschiedlichen Wegen zu ihrer jeweiligen Interpretation. Wobei man vor allem Stephan Schad dabei zuhören kann, wie er Worte und Wendungen für sich entdeckt und auskostet. Wie er zum Geheimnisvollen dieser Dichtung vordringt, und es seinen Zuhörern engagiert und lebendig präsentiert.

"Ich würde Jahrtausende lang die Sterne durchwandern, in alle Formen mich kleiden, in alle Sprachen des Lebens um dir einmal wieder zu begegnen, aber ich denke, was sich gleich ist, findet sich bald."

Friedrich Hölderlin: "An die Schönheit" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 19.03.2020 05:32 Min. Verfügbar bis 19.03.2021 WDR 3

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Stand: 17.03.2020, 20:55