Christoph Heubner - Durch die Knochen bis ins Herz

Buchcover:  Christoph Heubner - Durch die Knochen bis ins Herz

Christoph Heubner - Durch die Knochen bis ins Herz

Von Irene Dänzer-Vanotti

Der Schriftsteller und Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, erzählt von Überlenden des Vernichtungslagers. Fast nüchtern und dennoch poetisch schildert er sechs Männer und Frauen mit ihren quälenden Erinnerungen, die bis ins hohe Alter jede Beziehung prägen.

Christoph Heubner: Durch die Knochen bis ins Herz
Steidl Verlag, Göttingen 2021.
109 Seiten, 15 Euro.

Christoph Heubner: "Durch die Knochen bis ins Herz"

WDR 3 Buchkritik 21.06.2021 05:39 Min. Verfügbar bis 21.06.2022 WDR 3


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Den Menschen zuhören

Spätabends im Auto nach einer Veranstaltung mit Schülerinnen und Schülern, auf dem Weg in Gericht, wo sie als Zeugen die Verbrechen von Auschwitz schildern sollten, oder einfach bei einem Essen in Jerusalem: bei solchen Gelegenheiten hat Christoph Heubner Menschen zugehört, die das Vernichtungslager überstanden haben:

"Überlebende … ich habe immer eher gesehen, wie tapfer sie das Leben leben wollen. Und sie sich, wenn sie sich entscheiden müssen, wie sie immer zur Leichtigkeit hin wollen und nicht zur Schwere! Schwere ist etwas, was sie mit sich selbst abmachen. Und wovon wir natürlich nur einen Hauch einer Ahnung hatten, was für eine Schwere das ist – über den Verlust der kleinen Schwester, der ganzen Familie… das können wir doch nur erahnen!"

Christoph Heubner ist 1949 geboren und hat sein Berufsleben der Erinnerung an den Holocaust gewidmet. Berichte, die sich ihm selbst eingebrannt haben, verdichtet er – auch Schriftsteller ist Heubner schon lange – in sechs Erzählungen von je etwa 20 Seiten.

Die eigene Existenz beweisen

Da ist Wolf, ein polnischer Jude. Er hat im Lager einen Nagel geklaut und in einer Mauerritze versteckt. Wann immer er kann, ritzt er mit Nagel seinen Namen in die Wand einer Baracke. Als Beweis: es hat mich gegeben. Wäre er erwischt worden, er wäre umgebracht worden. Im Lebensgefährlichen ist es eine noch lebensgefährlichere Mühe, die eigene Existenz zu beweisen.

Oder: Marios, der griechische Jungen, ein schmächtiges Kerlchen. Er lässt sich als Läufer einsetzen, rennt von Baracke zu Baracke im Auftrag der SS. Auch er hat etwas Rettendes ergattert. Ein Seil, das als Gürtel seine Hose auf dem immer dürrer werdenden Leib hält. Mit Kasimir aus Polen, freundet er sich an, sie reden über Essen. Marios liebt Oliven! Oliven? Kennt Kasimir nicht, aber mit Marios entdeckt er ihren Geschmack:

"Sauer, ein bisschen süß, scharf. Sie füllen den ganzen Mund aus, /…/ ein breiter Geschmack, der alles erreicht."

Eine Weile hält sich Marios am Leben mit der Erinnerung an Oliven, mit dem Seil um den Bauch. Bis er eines Morgens tot aus seiner Baracke getragen wird. Merk Dir alles, für danach! Hatte er Kasimir aufgetragen.

Die Lebensnotwendigkeit des Erzählens

Cristoph Heubner erzählt das aus der Ich-Perspektive. Das ist ein Wagnis, gehört er doch auch zu denjenigen, die nur "erahnen" können, wie es dort war.

"Ich will damit keine falsche Nähe herstellen oder eine Rolle übernehmen, die mir nicht zusteht. Aber es schien mir die Erzählform zu sein, die am nächsten an den Menschen dran ist."

Und Heubner wählt eine klare, er sagt selbst: spröde Sprache. Sie dimmt die Wucht der Geschehnisse ein wenig herab. Die Lebensnotwendigkeit des Erzählens vermittelt sich in den  Geschichten: vorbeiziehende Erinnerungen bleiben mal an einem grausamen Detail haften, mal an einem kleinen Wunder:

"Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber ich habe schnell verstanden, dass der Hass mich lebenslang einsperren würde, und so habe ich auch den Durst nach Rache sehr früh aus meinem Leben verbannt."

Rettung in der Lyrik

Heubner erzählt vor allem davon, was Menschen überleben lässt. Selbst etwas so Flüchtiges wie ein Gedicht kann die Rettung sein. Die junge Polin zum Beispiel, die ihren Eltern gegenüber so ein schlechtes Gewissen hat. Diese sind sofort ermordet worden. Sie aber lebt. Im Rückblick werden ihre pubertären Aufstände zum Drama, weil sie nie wieder besprochen, weggelächelt werden können. Aber auch diese Frau – sie wird nicht mit Namen  genannt - findet Rettung,  in wenigen Zeilen eines Gedichts:

"Leise, leise, wir wollen das Wasser im Tal nicht wecken,
tanzen wir leicht mit dem Wind zwischen den Wolkenhecken.
Ich habe nie so immens den Wert verstanden von Bildung, von Literatur, von Poesie,

/.../ wie sehr ihnen das später eine Brücke ins Leben gewesen ist – einfach: diese Brücke in die andere Richtung nicht zu betreten, nämlich sich selber aufzugeben und dem Glauben zu schenken, was ihnen täglich zugebrüllt wurde: 'Du bist ein Dreck'."

Der Weg der Erinnerungen

Die Menschen, von denen hier erzählt wird, wurden gerettet, Sie tragen ihre Nummer auf dem Arm, sind gezeichnet und doch auch wieder einfach Menschen, mit denen Heubner nach einem noch so schwierigen Gespräch zu einer tröstenden Normalität übergeht.

"Den Moment zu finden im gemeinsamen Zusammensein, wo man jetzt besser aufhört und einfach sich dem Leben zuwendet, ist ganz wichtig in den Jahrzehnten, die ich mit diesen Menschen hab zusammen  sein dürfen."

In Christoph Heubners Erzählungen geht es um das weitere Leben mit den Extrem- Erfahrungen. "Durch die Knochen bis ins Herz" ist kein weiteres Buch über das, was in Auschwitz geschah. Es erzählt vielmehr davon, welche Wege sich Erinnerungen bahnen. Wie sich einzelne Bilder einprägen. So kamen beim Lesen weniger die Charaktere der Figuren einem nah, als einzelne Begebenheiten, Bilder, Gedanken. Die aber prägen sich ein.  

Stand: 20.06.2021, 12:03