"Der Kramladen des Glücks" von Franz Hessel

Buchcover: "Der Kramladen des Glücks" von Franz Hessel

"Der Kramladen des Glücks" von Franz Hessel

Im Roman "Kramladen des Glücks" von 1913 verarbeitete Franz Hessel eigene Erlebnisse von Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Sprecher Frank Arnold setzt den schwebenden, flüchtigen Ton von Hessels melancholisch-leichtem Roman großartig um. Eine Rezension von Christian Kosfeld.

Franz Hessel: Der Kramladen des Glücks
Gelesen von Frank Arnold.
Der Audioverlag, 2021.
1 MP3 CD, 10 Euro.

"Der Kramladen des Glücks" von Franz Hessel

Lesestoff – neue Bücher 02.12.2021 05:11 Min. Verfügbar bis 02.12.2022 WDR Online Von Christian Kosfeld


Download

Episoden einer Kindheit

"Der kleine Gustav saß allein und herrlich auf dem hellen Holz des Fußbodens. In der Luft war noch Staub und süßer Duft des gestrigen Festes, von dem er im einschlafen Tanz, Musik und Lachen gehört hatte. Er sah empor zur Decke. Da hingen die bunten Ballons, die gestern die Tafel über schwebt hatten. Sie wedelten und winkten mit den kurzen Bindfäden. Wie schön sie waren, die runden Sonnen, die bunten kreisenden Sonnen."

Hell, freundlich, leicht, so erträumt sich der kleine Gustav Behrendt sein Leben. Gustav ist ein empfindsames Kind, ein Beobachter, der sich treiben lässt. Bruder Rudolf ist realistischer, auch die Freunde, die Ingenieur oder Pastor werden wollen. Der Roman begleitet Gustav episodenhaft durch Kindheit, Schulzeit und Jugend, etwa einen Urlaub am Meer.

"Er lag in seiner Sandburg in der Mittagssonne. Der Wall war so hochgeschaufelt, dass er nur die Schaumköpfe der Wellen sah, wenn er bisweilen von seinem Buch, den Märchen von 1001 Nacht aufblickte. Die Augen wurden müde von Licht, er schloss sie und wurde im Halbtraum selbst der Lastträger, der auf dem Markt von Bagdad sitzt und wartet, bis die verschleierte Dame erscheint und winkt. (...)
Der Saum ihres Schleiers streichelte seine Haare, wenn sie ihm die leichten Lasten auflegte. (…) Da weckte ihn ein Mannesschatten, der über ihn glitt. Er wandte sich um: der Vater stand hinter ihm. Sein grauer Bart hing drohend über die Lippen und seine dichten brauen lasteten über die Augen."

Eine aufregende Zeit in München

Vieles ist autobiographisch in diesem Roman. Zum Studium zieht Gustav – wie auch der Franz Hessel – nach München. Doch er taucht ab in das quirlige, lebenslustige, manchmal melancholische Leben der Bohéme. In lose verbundenen Szenen begegnet er kuriosen Gestalten, Künstlern,  leichten Mädchen und gutbürgerlichen Damen.

Mit dem Künstler Stan geht er eine homoerotische Beziehung ein, bei Frauen ist er passiv, verträumt, ziellos. Im Roman wird auch die eine Dreiecksbeziehung angedeutet, in der Franz Hessel zeitweilig lebte, Vorbild für Francois Truffauts Film "Jules et Jim".

"Alle drei waren von Wein, Sprechen und gehen heiß und fühlten nicht die Nachtkühle. 'Sie sehen erhitzt aus, Rudolf,' sagte Cornelia und hielt ihm das große Rosenbouquet hin. Während er sein Gesicht hinein neigte, küsste sie rasch den Gustav auf die Wange. Und als der etwas erschrocken aufschaute, hielt sie ihm die Rosen hin und küsste Rudolf. So schritten sie lange Zeit langsam um den Mondsee durch die Nebelwege. Bekamen der eine die Rosen zu riechen, so wurde der andere geküsst. Aber allmählich gab es für Gustav mehr Rosen als Küsse. Und die Küsse links dauerten immer länger."

Abtauchen in eine melancholisch-leichte Welt

Frank Arnold setzt den schwebenden Ton von Franz Hessels Roman großartig um. Ihm gelingt es, das Leichte, Flüchtige dieses autobiographischen Romans zu gestalten, dabei die vielen kurzen Episoden mit einem Erzählbogen zu verbinden. Und gebannt folgt man Frank Arnold in Hessels melancholisch-leichte Welt, so vielfältig und überraschend wie das Sammelsurium eines Kramladens. Ein sehr gelungenes Hörbuch.

"Gustav stand auf und sah in die Wunderwelt. Da verließ eine Frau in Jünglings Kleidung ihrem Tänzer, einen schwer gepanzerten Ritter, und kam gerade auf ihn zu. Ihre schlanken Beine starken in schwarzen Trikots und machten elastische Schritte. Nun traf ihn der Blick der weit offenen Augen. Er fragte unwillkürlich: 'Wer bist du?' Sie war schon fast an ihm vorbei, drehte sich um und sagte: 'Weißt du es denn nicht?' 'Ach, ich,' sagte Gustav, 'Ich weiß rein gar nichts.' 'Das ist ja ganz tröstlich', meinte sie belustigt. 'Kannst du tanzen?' 'Ja, aber nur richtigen Walzer wie in der Tanzstunde. Die hiesigen Tänze habe ich noch nicht gehabt.' 'Auch das ist tröstlich', sagte sie, 'kommen Sie, mein geliehener Pierrot.'"

Stand: 28.11.2021, 16:46