Hertha Pauli - Jugend Nachher

Hertha Pauli - Jugend Nachher

Hertha Pauli - Jugend Nachher

Von Stefan Berkholz

Der Roman "Jugend nachher" von 1959 ist ein wichtiges Zeitdokument und wurde jetzt wiederentdeckt. Die Wiener Autorin Hertha Pauli hat im Exil in den USA eine düstere Abrechnung mit der deutschsprachigen Nachkriegsgesellschaft verfasst.

Hertha Pauli
Jugend Nachher

Milena Verlag, Wien 2019
248 Seiten
24 Euro

Führerkult, Blutsbrüderschaft, ewige Treue, Gewaltbereitschaft

Irene, die Ich-Erzählerin, ist anfangs, nach der Befreiung, 15 Jahre jung. Sie ist gebrandmarkt, aber sie hat das KZ überlebt. Sie will Vertrauen fassen, Freunde finden, sich verlieben, heimisch werden. Aber sie verliebt sich ausgerechnet in Toni, der in eine Jugendbande geraten ist. Dort werden die Ideale der Hitler-Jugend weiterhin gepflegt: der Führerkult, Blutsbrüderschaft, ewige Treue, Gewaltbereitschaft. Wer sich davon abwendet, ist mit dem Tod bedroht.

"Verrat […] ist ein Sammelbegriff für jede Gefährdung des Bundes, ob durch Schwatzhaftigkeit, Insubordination oder Fahnenflucht. Ein Mitglied, das derart versagte, musste beseitigt werden. Schon aus Sicherheitsgründen. […] Denn solang einer lebt, gibt es für sein Schweigen keine volle Garantie."

Hertha Pauli: "Jugend nachher"

WDR 3 Buchrezension 23.10.2019 06:05 Min. Verfügbar bis 22.10.2020 WDR 3

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Am Ende sind vier Morde zu klären

So erklärt der Jugendführer die Logik. Am Ende sind vier Morde zu klären, und der Roman ist zum Krimi geworden. Irene hat sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Geliebten Toni gemacht, sie lässt nicht locker, sie kombiniert, ermittelt, spekuliert, auch die Polizei ist schließlich tätig geworden. Im Gerichtssaal aber zieht der eiskalte Führer der Jugendbande seine Show nach altem Muster durch. Irene ist wie erstarrt.

"Wie gebannt lauschte der Saal dem Führer da oben, als kämen Zauberformeln aus seinem Mund. […] Wo hatte ich das alles nur schon gehört? Ich saß wie gelähmt. Die Frau hinter mir keuchte. Ich sah Gesichter von Lauschenden, an Wolfs Lippen Hängenden, die seine Worte einsogen wie Balsam. Für mich war es Gift, das er ausspritzte – Gift, das sie mir eingespritzt hatten -, „Lebensraum“, dröhnte es an mein Ohr, sie brauchten Lebensraum. Ich erstarrte. Der Lebensraum für die Seinen, die Blutsbrüder da oben, war die Gaskammer für die Meinen, die lagen da unten. Ich rang nach Luft…"

Die Strippenzieher in der Heimat

Die Schriftstellerin Hertha Pauli zählte zu jener Generation der Vertriebenen, die für immer fremd blieben in ihrer Heimat. Und so schreibt sie in ihrem Exil in den USA die Geschichte einer Davongekommenen, die stellvertretend – auch für die Autorin – verloren ist und einsam.

Hertha Pauli

Hertha Pauli

Die Strippenzieher in der Heimat aber sind jene, die schon im alten Regime mindestens Mitläufer waren.

"Alle Fäden hatte er in der Hand, und alle spielten sie mit ihm zusammen – die Tante, die Polizei, die Staatsanwaltschaft. Sie gehörten alle zusammen, von Wolf bis zu dem mit den Schmissen, und hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Allmählich war ich’s ja gewohnt. Sogar im Lager, wo einen das Schicksal gleichmachte, war ich immer zu bald wieder anderswohin gebracht worden, immer die Neue, die Fremde gewesen, die irgendwie nicht dazugehörte, zu niemandem."

Die bleierne Atmosphäre der Nachkriegszeit

Der Roman ist über weite Strecken im naiven Tonfall eines Teenagers verfasst. Die Ich-Erzählerin ist traumatisiert, verängstigt, hilflos, anlehnungsbedürftig. Die bleierne Atmosphäre der Nachkriegszeit, die Niedertracht, das Selbstmitleid und die Verschlagenheit selbstgefälliger Spießbürger werden dann und wann angedeutet, im Mittelpunkt aber stehen das Treiben der Jugendlichen und die folgende Spurensuche.

"Zum Toni wollte ich, zum Toni, Fritz sollte mich hinbringen, aber dann hatte er ihn umgebracht – nein, sich selber – oder mich? Ich konnte mich an nichts mehr halten. Ich war auf der Flucht, denn die trachteten mir ja nach dem Leben, Fritz und Hermann und Michael, die ganze Bande, von der ich Toni weggebracht hatte – komm mit mir fort, Toni, rasch, eh’s zu spät ist… Eine Gedankenflucht war das, in die ich geraten war…"

Prozess gegen die "Wolfsbande"

Erst auf den letzten fünfzig Seiten, als es zum Prozess gegen die "Wolfsbande" kommt, erfahren wir mehr über die Hintergründe und auch über die Zerrissenheit und die Scham der Davongekommenen.

"Ich wollte ja dabei sein, zu denen gehören, die lebten, denen die Welt offenstand – es war ja nicht zu ändern, wo ich herkam, aber wie hätte ich es denen sagen sollen? […] Ich hab mich meiner Eltern geschämt."

Es ist ein düsterer, ein deprimierender Roman. Schweigen liegt über dem Land, die Menschen geben sich verstockt oder sie beäugen sich misstrauisch und missgünstig. Aber sie schließen nützliche Partnerschaften, um sich gegenseitig von jeglicher Schuld freizusprechen. So werden Kriegsverlierer zu Kriegsgewinnlern, und die Opfer stehen außen vor, auf perfide Weise weiterhin verfolgt.

"Deshalb gehöre ich nicht dazu. Das hab ich aber nicht wahrhaben wollen. Wollte einmal dabei sein. Ich sah den Richter nicht mehr, wusste nur noch eins: nichts verschweigen, so wahr mir Gott helfe… "Damit", sagten meine Lippen ganz einfach, „hat die Lüge angefangen, die meine - aber jetzt muss es heraus: Mein Vater kam ins Gas, das war wegen der Abstammung, meine Mutter kam ins Gas, weil sie widersprach; ich wartete im KZ auf meine Exekution, aber die Spritze, die mir der SS-Mann gab, war zu schwach, deshalb bin ich im amerikanischen Spital wieder aufgewacht und hab dort den Michael getroffen. Und alles war ein Versehen…"

Ein wichtiges Zeitdokument

"Man wird es uns nie verzeihen, daß wir uns nicht haben erschlagen oder ein bißchen vergasen lassen", schrieb der Dichter Walter Mehring 1948 in einem Brief an seinen Exil-Gefährten, den Schriftsteller Hans Sahl. Mit Walter Mehring war Hertha Pauli längere Zeit liiert, in den USA zählte Hans Sahl zu ihren Freunden. Sie gehörten zu jener Generation der Vertriebenen, die verloren blieben und nicht mehr heimisch werden konnten. Hertha Paulis Lebensbericht, "Der Riss der Zeit geht durch mein Herz", kann 1970 zwar erscheinen, doch ihre populären Sach- und Kinderbücher, die sie in den USA verfasst, werden nicht ins Deutsche übersetzt. Auch wenn der Roman "Jugend nachher" einige Längen hat - als Zeitdokument dieser Vertriebenen ist Hertha Paulis Roman von 1959 wichtig und aufschlussreich.

Stand: 22.10.2019, 14:50