Herta Müller - Im Heimweh ist ein blauer Saal

Herta Müller - Im Heimweh ist ein blauer Saal

Herta Müller - Im Heimweh ist ein blauer Saal

Von Dirk Hohnsträter

Erkundung des Poetischen mit Schere und Klebstoff: Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller legt einen neuen Band ihrer lyrischen Collagen vor.

Herta Müller
Im Heimweh ist ein blauer Saal

Hanser, München 2019
128 Seiten
22 Euro

Herta Müller: "Im Heimweh ist ein blauer Saal"

WDR 3 Mosaik 13.05.2019 04:52 Min. WDR 3

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Collagen aus Buchstaben, Wörtern und Bildern

Ein Gedichtband ist anzuzeigen, doch ich muss sie enttäuschen: Kein einziger der darin abgedruckten Verse wird zu Gehör kommen. Der Grund dafür liegt in der Natur des zu besprechenden Buches. "Im Heimweh ist ein blauer Saal", das jüngste Werk von Herta Müller, enthält Collagen aus Buchstaben, Wörtern und Bildern. Die Nobelpreisträgerin hat sie aus Zeitschriften geschnitten und neu arrangiert. Ein Verfahren, das aus der Verlegenheit entstand, Postkarten mit gescheiten Motiven aufzutreiben. Bald erwies sich die Spielerei als literarisch fruchtbar:

"Ich war verblüfft, weil einzelne Wörter eine ganze Geschichte erzählen können. Weil ein paar Wörter etwas Rätselhaftes hergeben, weil das Wenige noch allerhand suggeriert – eine ganze Geschichte geht weiter, merkte ich, gerade weil sie nicht auf der Karte steht. Mit der Zeit wurden die Texte immer länger. Es entstanden Geschichten aus verschiedenen Farben und Schrifttypen. Überall haben Wörter gewartet, ich habe sie nur ausschneiden müssen."

Eine Erkundung des Poetischen mit Schere und Klebstoff

1993 veröffentlichte Müller erste Klebetexte in einer Postkartenedition. Es folgten drei Collagebände, jetzt liegt der vierte vor. Nur vordergründig ist Müllers literarisches Vorgehen am Dadaismus geschult. Denn es geht ihr nicht um Provokation, sondern um die Erkundung des Poetischen mit Schere und Klebstoff. Die Schnipsel sind Sprachmaterial, deren Auswahl und Anordnung ins Innere der Wörter vordringt:

Herta Müller

Herta Müller

"Beim Ausschneiden zeigen die Wörter mir ihre Bestandteile. In vielen deutschen Wörtern sitzt was Rumänisches drin, in Frankfurt ein rumänischer Diebstahl – „furt“. Und in rumänischen Wörtern sitzt oft etwas Deutsches, „pur“ in „iepure“, dem rumänischen Hasen. Ist es nicht seltsam, wie viele Wörter sich unauffällig in anderen Wörtern verstecken? Wenn ich das T am Ende abschneide, wird aus der Landschaft ein Landschaf, aus der Schirmherrschaft ein Schirmherrschaf. Das Wort Jahrhunderte schneide ich immer als Reserve aus, weil Hunde mit kleinem Anfangsbuchstaben drin sind."

Schrift, Größe und Dicke der Wörter, alles spielt eine Rolle

Die Autorin erzählt, wie die zunächst spontan entwickelte Schreibweise nach immer mehr Raum verlangte. Zunächst sammelte sie Buchstaben auf dem Hackbrett in ihrer Küche, dann auf einem eigens dafür vorgesehenen Tisch. Als dieser immer voller wurde und immer mehr zustaubte, richtete sie ein Schubladensystem ein, in dem die Buchstaben nur darauf warten, neu zusammengestellt zu werden. Ihre Farbe, die Type der Schrift, Größe und Dicke der Wörter, alles spielt eine Rolle und ist aufschlussreich:

"Wenn ich in meine Schubladen schaue, denk ich mir, es gibt Wörter, die das Gedränge lieben, und solche, die solitär bleiben möchten. Das hängt von ihren Anfangsbuchstaben ab. Die mit einem G oder einem S oder einem U sind so häufig, sie liegen fingerhoch bis zum oberen Rand der Schubladen. Für mich heißt das, sie sind frech und lieben das Gedränge. Mit anderen Buchstaben – mit H, I, L oder P – sind meine Wörter seltener, und mir scheint, sie sind scheu lieber mit sich allein."

Ein Ausdruck von Freiheit

Wie sehr wird die Dichterin vom Vorgefundenen geleitet und wie sehr konstruiert sie ihre Gedichte? Verfügt die Autorin über das Material oder muss sie dessen Vorgaben folgen? Herta Müllers Collagen verbinden Text und Bild auf poetische Weise. Doch für die in Rumänien politisch verfolgte Schriftstellerin sind ihre Klebetexte mehr als künstlerische Formen. Dass die Wörter bei ihr zuhause frei herumliegen und nicht aus Angst vor Durchsuchungen versteckt werden müssen, ist für Müller Ausdruck von Freiheit. Die Arbeit an der Sprache …

"… ähnelt in vielem dem wirklichen Leben: der Zufall, durch den sich die Wörter treffen. Mehr als die Fläche der Karte bietet, geht nicht drauf. Was einmal festgeklebt ist, kann man nicht mehr ändern. Manche Wörter habe ich nun seit Jahren, und man sieht ihrem Papier an, dass sie alt geworden sind. Manchmal glaube ich, dass auch sie in ihren Schubladen warten, wie ich an den Bahnhöfen; dass sie endlich in einen Text einsteigen möchten. Andersmal glaube ich, dass sie froh sind, wieder mal davongekommen zu sein und in der Schublade bei den andern bleiben zu dürfen. Denn eigentlich habe ich sie ja gerettet."

Man kann Herta Müllers Collagen nicht einfach vortragen oder abtippen. Man muss sie anschauen. Ihre Farben, Formen und Bilder können nicht ohne Verlust ins Akustische übertragen werden. Sie reichen weit über ihre Wortwörtlichkeit hinaus. Es sind Gebilde, die nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen ansprechen. Wer diese wunderbare Poesie wahrnehmen will, hat keine andere Wahl als zum Buch zu greifen und es mit wachen Sinnen aufzuschlagen.

Stand: 12.05.2019, 13:45