Buchcover: "Die Nacht des Dr. Herzfeld & Schnee" von Georg Hermann

"Die Nacht des Dr. Herzfeld & Schnee" von Georg Hermann

Stand: 09.04.2022, 12:43 Uhr

Aus Nacht und Nebel erweckt: Der in Auschwitz ermordete Georg Hermann meldet sich mit dem von der Anderen Bibliothek ausgegrabenen Doppelroman "Die Nacht des Dr. Herzfeld & Schnee" zurück. Als Zeugnis einer in Deutschland bis aufs Blut bekämpften jüdischen Geistigkeit sollte die subtile Abrechnung mit der wilhelminischen Großmannssucht der vergesslichen Nachwelt von heute eine Lehre sein. Eine Rezension von Kurt Darsow.

Georg Hermann: Die Nacht des Dr. Herzfeld & Schnee
Mit einem Nachwort von Lothar Müller.
Die Andere Bibliothek, 2022.
525 Seiten, 44 Euro.

"Die Nacht des Dr. Herzfeld & Schnee" von Georg Hermann

Lesestoff – neue Bücher 13.04.2022 05:08 Min. Verfügbar bis 13.04.2023 WDR Online Von Kurt Darsow


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Zwei Sonderlinge in Berlin

"Gegen Abend kann ich mir kaum etwas Köstlicheres denken als hier entlang zu gehen. All der blöde Stuck, all die wilden Erker und Giebel, mit Goldstreifen überzogen, verschwinden dann, und es bleiben hohe, dunkle und tieffarbige Häuserketten, die mit ihren vielen Zacken und Klippen phantastisch von wechselnden Lichtern überflackert sind."

Berlin 1910. Zwei Männer fortgeschrittenen Alters lassen sich durch die Großstadtnacht treiben. Sie reden und reden, aber eigentlich redet nur Doktor Herzfeld allein. Immer sind seine Ansichten etwas feiner und tiefer als die seines Begleiters Hermann Gutzeit, der als Feuilletonist im Souterrain haust, während der Doktor als freischwebende Intelligenz auf Augenhöhe mit den Wolken residiert.

Von der brodelnden Metropole nehmen die Nachtwandler - wie der impressionistische Maler Lesser Ury - allenfalls den Lichtzauber im Umkreis des Kurfüstendamms wahr. Die ins Umland verstreuten Randbezirke der Riesenstadt bleiben ebenso im Dunkeln wie die persönlichen Nöte der beiden Sonderlinge.

Wahrnehmung in Zeiten des Umbruchs

Dass Hermann Gutzeit beabsichtigt, aus dem "kleinlichen Guerilla-Krieg" seiner Ehe auszubrechen, wird nur nebenbei abgehandelt; und dass Doktor Herzfeld nach der Zufallsbegegnung mit einer ehemaligen Geliebten beinahe zum Mörder geworden wäre, erweist sich erst, als er am nächsten Tag zum Revolver greift.

Georg Hermanns Doppelroman "Die Nacht des Dr. Herzfeld & Schne"“ ist keine unterhaltsame Lektüre für lange Winterabende. Er mutet der Leserschaft einen 500 Seiten langen, kapitellosen Bewusstseinsstrom zu, den man dem als "jüdischer Fontane" geltenden Autor gar nicht zugetraut hätte.

Das unpassende Etikett übersieht seinen politischen Scharfblick ebenso wie seinen formalen Ehrgeiz. Wie Virginia Woolf verdichtet er eine im Umbruch befindliche Periode der Zeitgeschichte auf das Wahrnehmungsgestöber von wenigen Stunden.

Im dritten Kriegswinter

Im frostklirrenden zweiten Teil des Romans mit dem Titel "Schnee" muss Herzfeld auf seinen mürrischen Stichwortgeber ganz verzichten. Hermann Gutzeit hat im Ersten Weltkriegs seine beide Söhne verloren, und der abgehobene Schöngeist Herzfeld ist zu einem mitfühlenden Zeitgenossen geworden:

"Sie hatten ihre eigene Mollmelodie, diese Lazarettzüge, die Doktor Herzfeld hörte und unterschied, wenn sie noch von weither aus dem Dunkel der Kiefernwälder nur leise und unbestimmt herüberwehte. Dim…dom…dam…dim…dom…dam. Kam da nicht schon wieder einer durch die Nacht herangeschlichen?"

 "Zehn Greise dürfen in Europa Millionen junger Menschen in den Tod treiben": Doktor Herzfeld hält es in seiner Eremitage nicht länger aus. Er verabschiedet sich von seinen Büchern und der japanischen Lackkunst und reist Hals über Kopf in die Berge. Ein dunkler Impuls zieht ihn aus dem kriegsversehrten  Berlin dorthin, wo frisch gefallener Schnee wie ein Leichentuch allen Kummer zudeckt.

Landschaftsbilder fliegen am Abteilfenster vorbei – ein entlaubter Baum, ein kleines Waldstück, ein grauschillernder Fluss. In Gedanken wandert er zu seiner unwiederbringlichen Liebe "Rehchen" zurück. Die Gespräche der Mitreisenden dagegen bilden die Seelenverfinsterung einer unbelehrbaren Nation ab, deren Expansionsdrang auch im dritten Kriegswinter noch nicht gestillt ist. Allein dieses erzählerische Glanzstück hätte schon gereicht, Georg Hermann die Häscher auf den Hals zu hetzten.

Eine Lehre für die Nachwelt

Sie diffamierten ihn nicht nur als "jüdischen Defätisten" und übergaben seine Bücher auf dem Berliner Opernplatz den Flammen, sondern blieben ihm bis ins Amsterdamer Exil auf den Fersen. Von Armut und Alter gezeichnet wurde er im November 1943 nach Auschwitz verbracht und kurz nach der Ankunft im Lager Birkenau ermordet.

Ein Grund mehr, diesen feinnervigen Roman zu lesen, der seine politischen Überzeugungen nicht plakativ vor sich her trägt, sondern diskret zwischen den Zeilen versteckt. Als Zeugnis einer in Deutschland grausam bekämpften Geistigkeit kann er der vergesslichen Nachwelt noch heute eine Lehre sein.